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20 Jahre SAP-Sinfonieorchester oder der lange Weg in die Elbphilharmonie

Feature | 4. Oktober 2017 von Andrea Diederichs 2

1997 gründeten SAP-Mitarbeiter das SAP Sinfonieorchester. Hier die ganze Geschichte von kleinen Anfängen, großen Träumen und ausverkauften Konzertsälen.

„Gibt es hier ein paar Leute, die Musik machen?“ So oder so ähnlich lautete vor zwanzig Jahren Johanna Weitkamps Aufruf am elektronischen schwarzen Brett der SAP. Rund 25 Kolleginnen und Kollegen meldeten sich. „Da haben wir einfach angefangen“, fasst Weitkamp die Anfänge des SAP-Sinfonieorchesters lakonisch zusammen. Auch ohne viele Worte ist der Dirigentin der Stolz auf das Orchester anzumerken: „Wir haben uns praktisch wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Jetzt können wir uns an Dinge herantrauen, von denen wir vor kurzem noch nicht zu träumen gewagt haben.“

Dass sie etwas nicht zu träumen wagt, mag man Johanna Weitkamp nicht so richtig glauben. Ursprünglich hatte sie in Leipzig Orchesterdirigieren studiert und war in verschiedenen Theatern und Orchestern in der damaligen DDR tätig. Noch vor der Wende gelang es ihr, in den Westen auszureisen, wo weitere Engagements folgten. Gleichzeitig entschloss sie sich jedoch, Wirtschaftsinformatik zu studieren, und kam schließlich 1997 als Softwareentwicklerin zur SAP. Ihre Liebe zur Musik brachte sie mit.

Nach ganz kleinen Anfängen habe sich das Orchester Schritt für Schritt weiterentwickelt, erinnert sich Weitkamp. Über die Jahre habe man sich dann an die großen Werke gewagt, darunter Mozarts „Zauberflöte“, bei der auch SAP-Mitgründer Klaus Tschira eine Hauptrolle spielte, Rachmaninows 2. Klavierkonzert oder das Festkonzert „40 Jahre SAP“ mit Weltstar Rolando Villazón.

Auch SAP hinterlässt Spuren im Spielplan. So griff das szenische Konzert „Maschinenmusik und Musikmaschinen – Können Computer komponieren?“ schon 2013 ein inzwischen hoch aktuelles Thema der IT-Szene auf: künstliche Intelligenz.

Einzigartiger SAP-Fusion-Stil

„Jedes Orchester hat einen ganz persönlichen Charakterzug“, erklärt Christian Stumpf. Der hauptberufliche SAP-Projektmanager spielt seit acht Jahren in den Ersten Violinen. Seit vier Jahren leitet er das Orchester gemeinsam mit Johanna Weitkamp – und mit viel Herzblut. Er akquiriert und organisiert Auftritte, kooperiert mit den Veranstaltern und kümmert sich um die Besetzung. „Das Außergewöhnliche an uns ist die Vielseitigkeit“, so Stumpf. Auf Mendelssohns Reformationssinfonie lässt das Orchester unbeirrt Chansons von Udo Jürgens folgen oder bringt in einer Art SAP-Fusion-Stil unwahrscheinliche musikalische Paare wie Joseph Haydn und die Pointer Sisters oder Mozart und das Alan Parsons Project zusammen.

Außergewöhnlich auch, dass hier eine Frau den Takt angibt, denn Fakt ist: Das Dirigentenpult ist bis heute fast eine reine Männerdomäne. Vergleichsweise wenige Frauen, wie die Amerikanerin Marin Alsop oder die Finnin Susanna Mälkki, haben es ganz an die Spitze geschafft. Weitkamp selbst macht darum nicht viel Aufhebens: „Als ich damals anfing zu studieren, gab es mit mir nur zwei Frauen, die am Dirigentenpult standen. Es war wirklich selten, aber ich habe immer wieder festgestellt, dass die Orchester das sehr positiv aufgenommen haben.“

Teamgeist statt Einzelkünstler

Ebenfalls bemerkenswert: Beim SAP-Sinfonieorchester spielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Seite an Seite mit professionellen Musikern. Berührungsängste gibt es nicht, aber die Amateure müssen sich ins Zeug legen. Für den SAP-Kollegen Sami Sharif, der die Bassposaune spielt, ist es „faszinierend, in so einem Orchester mitspielen zu dürfen, von den Profis lernen zu können, das bringt mich musikalisch sehr weiter.“

Davon profitieren alle. Ralf Schwarz spielt seit dreißig Jahren professionell Klarinette und leitet die Bläserproben: „Das Niveau ist in den letzten Jahren sehr gestiegen. Die Amateure haben sich unglaublich verbessert, das Orchester hat zu einem einheitlicheren Klang gefunden.“ Was schätzt ein Vollblutmusiker wie Ralf Schwarz gerade am SAP-Orchester? „Der Zusammenhalt ist sehr groß, und das ist unglaublich wichtig für ein Konzert, das man nur gemeinsam stemmen kann – man kann kein Konzert mit sechzig Einzelkünstlern spielen.“

Gute Musik für einen guten Zweck

Trotzdem – der Termindruck im Büro macht sich manchmal bemerkbar. „Es ist schon eine Herausforderung, das zeitlich einzurichten“, meint Sharif, der als SAP-Vertriebsmitarbeiter häufig Kundentermine hat. „Aber es ist auch eine große Ehre. Was gibt es Schöneres, als Musik zu machen und seine Firma bei einem wohltätigen Zweck repräsentieren zu können?“ Denn sämtliche Einnahmen fließen an gemeinnützige Organisationen. „Das passt zur gesellschaftlichen Verantwortung der SAP, und das macht uns wiederum stolz“, erklärt Stumpf.

Ist das Firmenorchester also Teil der sozialen und kulturellen Agenda der SAP? Ist es Renommierobjekt eines Weltkonzerns? Oder soll es Amateurmusikern die Chance geben, im Sinne einer guten Work-Life-Balance ihr Talent auszuleben und ein bisschen auch der Welt zu zeigen, wie vielseitig begabt SAP-Mitarbeiter sind? Mag alles sein, aber den Musikern geht es primär um eines: die Kunst. Diesen Gedanken verkörpert auch Johanna Weitkamp: „Man kann im Leben von allen möglichen Sachen enttäuscht werden, nur eines gibt es, das einen nie verraten wird, das ist die Musik.“

Das SAP-Sinfonieorchester in Zahlen

  • 60 bis 90 Musiker, je nach Besetzung
  • 20 Jahre Bestehen
  • 439 Konzerte
  • 189.000 Besucher
  • 42 Streicher
  • 27 Bläser und sonstige Instrumente
  • 12.000 Konzertbesucher im Jahr
  • 10.000 Probenminuten im Jahr
  • 106 verschiedene Benefizempfänger

Mit einem hohen Qualitätsanspruch und großer Disziplin erarbeitet sich das Ensemble die Werke. „Mir macht es ganz besondere Freude, wenn ich merke, dass sich die Musiker mit den Komponisten beschäftigen und die Dinge erforschen, die in dem Werk zutage treten. Dass sie den Weg mitgehen, der manchmal sehr steinig ist,“ erklärt Weitkamp.

Wenn der große Tag da ist, wenn das Konzert gespielt wird, lässt sich das Orchester die harte Arbeit und so manche Herausforderung beim Proben nicht anmerken. „In dem Moment, in dem der Taktstock erhoben wird, geht es nur noch darum, Musik zu machen, die das Publikum berührt. Dank der vielfältigen Talente, ihrer Musikalität, ihrer Disziplin und ihrem Teamwork gelingt dem SAP-Sinfonieorchester das immer wieder von Neuem“, bekräftigt Luka Mucic, Finanzvorstand der SAP, der dem Orchester sehr nahesteht.

Nächste Station Elbphilharmonie

Auch künftig wollen Johanna Weitkamp und Christian Stumpf verstärkt mit Musikern anderer Genres zusammenarbeiten und symphonische Werke für ein breiteres Publikum interessant machen. Die nächste große Wegstation ist der für 2018/2019 geplante Auftritt in der viel gepriesenen Hamburger Elbphilharmonie, aus Christians Sicht ein „Ritterschlag für das Orchester“. Ob sich die SAP-Sinfoniker dort mit Klassik oder einem Crossover-Programm präsentieren, darf man gespannt erwarten.

Musik meets Literatur

Zum 20-jährigen Jubiläum hat das SAP-Sinfonieorchester im September eine CD mit dem „Karneval der Tiere“ veröffentlicht. Begleitend zur Musik von Camille Saint-Saëns erscheint ein Kinderbuch mit selbst verfassten Gedichten von Johanna Weitkamp und Illustrationen von Hartmuth Schweizer. Die Erlöse gehen an das Hopp-Kindertumorzentrum am Nationalen Centrum für Tumorforschung (NCT) in Heidelberg.

Weitere Informationen:

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