Bahnbrechende Geschäftsmodelle in der Life-Sciences-Branche

Die Life-Sciences-Branche ist streng reguliert und strikt daran gebunden, vorhersehbare, validierte Ergebnisse zu liefern. Jetzt steht sie vor einem Umbruch.

Verantwortlich dafür sind das rasante Anwachsen der Datenmengen, eine wachsende Zahl gesetzlicher Vorschriften, schrumpfende Margen, Branchenkonsolidierung und Digitalisierung. Wie können Unternehmen dieser Herausforderung begegnen? Indem sie durch die Digitalisierung des Geschäftsmodells einen Mehrwert schaffen und den Innovationsprozess beschleunigen. Doch das ist alles andere als einfach.

Hersteller von Pharmazeutika, biologischen Präparaten und Medizinprodukten betrachten die Digitalisierung entweder als einmalige Chance, die Patienten besser zu versorgen, oder als massive Bedrohung der traditionellen Ordnung. In der neuesten Folge der SAP-Internet-Radioserie Changing the Game with Life Sciences, einer Sonderausgabe der Serie Coffee Break with Game-Changers, sprachen drei führende Branchenexperten darüber, in welche Richtung sich die Branche entwickelt und welche Chancen sie für Unternehmen sehen, die flexibel und innovativ genug sind, um Lücken in der Wertschöpfungskette schnell zu füllen. Mit Moderatorin Bonnie D. Graham in der Runde saßen Joe Miles, Global Vice President of Life Sciences bei der SAP, Shawn Brodersen, Global Chief Technology Officer im SAP-Bereich bei HCL Technologies, und Rasmus Nelund, Vice President, Life Sciences, und General Manager, International Operations, bei NNIT A/S.

Hier eine Zusammenfassung der Betrachtungen aus der einstündigen Sendung. Weitere Informationen enthält die vollständige Aufzeichnung der Sendung: Reimagining Business Models in Life Sciences.

Das richtige Gleichgewicht zwischen schneller Innovation und Dienst am Patienten finden

Joe Miles: „Wir leben in spannenden Zeiten. Das zeigt sich besonders an neuen Geschäftsmodellen, die den Unternehmen Wettbewerbsvorteile bescheren, es aber zugleich möglich machen, ganz neue Behandlungsformen und Therapien für schreckliche Krankheiten bereitzustellen, mit denen die Menschheit schon lange zu kämpfen hat. Es besteht jetzt wirklich die Chance, Menschen, die unter solchen traumatischen Krankheiten litten, wieder gesund zu machen.“

Shawn Brodersen: „Worum es hier geht, ist Veränderung. Aber es geht auch um Ergebnisgarantien. In so stark regulierten Branchen wie Life Sciences müssen alle Abläufe einheitlich und wiederholbar sein – worin auch eine gewisse Bequemlichkeit liegt. In dieser Branche spielt nämlich die Validierung eine wichtige Rolle, und sie muss validierte Ergebnisse liefern. Schließlich sollen die Patienten nicht mit falschen Medikamenten oder falschen Medizinprodukten versorgt werden.“

Rasmus Nelund: „In der Life-Sciences-Branche sind heute Engagement und ganz besonders Fantasie gefragt, um sich künftige Entwicklungen vorstellen zu können. Wird der Weg in die Zukunft von Technologie geprägt sein? Wird die Bedeutung der Arzneimittelhersteller von heute in der Wertschöpfungskette abnehmen, und werden sie einige Plattformen in der Interaktion mit den Patienten übernehmen? Wir brauchen viel Vorstellungskraft, um zu erkennen, wie wir die Vorteile der Digitalisierung nutzen und zugleich mit uneingeschränktem Engagement für das Wohl der Patienten arbeiten können.“

Ströme von Patientendaten und Zahlungsmodelle

Joe Miles: „Wie in jeder anderen Branche machen sich auch in der Life-Sciences-Branche weltweit die Auswirkungen der Digitalisierung – und ganz besonders der intelligenten Geräte – bemerkbar. Die Datenströme von den intelligenten Geräten der Patienten werden künftig riesige Datenmengen erzeugen. Diese ermöglichen dann genauere Einblicke in den Gesundheitszustand der Patienten. Die Lieferketten, der Fertigungsprozess und das Bereitstellungsmodell müssen sich ändern. Die Interaktion mit den Ärzten und den Patienten muss sich ändern. Die Geräte sorgen für bessere Einblicke in transparentere Patientendaten. Aus dieser Entwicklung werden Modelle hervorgehen, die diesen Prozess und diese Produkte unterstützen und die selbst ebenso bahnbrechend sein werden.“

Shawn Brodersen: „Mit dem Datenstrom, von dem Joe Miles gesprochen hat, wird nicht nur die Life-Sciences-Branche grundlegend verändert. Auch die Versicherungswirtschaft ist davon betroffen. Ebenso ist die Konsumgüterindustrie betroffen, in der die Geräte hergestellt und integriert werden. Hier können sich für die Unternehmen – ob Nike, Under Armour, FitBit, Apple oder Google – neue Umsatzchancen ergeben.

Auf der Patientenseite gibt es zwei Gruppen, die die Entwicklungen auf ganz unterschiedliche Weise betrachten. Die einen finden, ihre Daten gehören ihnen, und haben kein großes Interesse daran, sie weiterzugeben. Die anderen sind etwas aufgeschlossener und geben ihre Daten gerne weiter, wenn dies dazu beiträgt, künftigen Gesundheitsproblemen vorzubeugen.

Doch wie können die Daten verwaltet und geschützt werden? Wie kann es gelingen, die Patienten selbst bestimmen zu lassen, welche Daten sie auf welche Weise weitergeben, und ihnen dafür eine personalisierte, sichere Methode zu bieten? Ich glaube, das ist einer der Aspekte, der bei der digitalen Transformation bedacht werden muss.“

Forscher möchten den Lebensstil der Patienten verstehen, um die Medikamente genauer auf den einzelnen Patienten abstimmen zu können.

Rasmus Nelund: „Das stimmt. Das ganze Produkt verändert sich. Früher ging man zum Arzt, der dann ein Rezept für ein Medikament ausstellte. Anschließend ging man zur Apotheke und holte das Medikament ab, und es wirkte. Das wird sich ändern. Künftig wird es eine Kombination aus dem Medikament und einer Hardware oder Software geben. Zusätzlich werden alle Life-Sciences-Daten rund um die Patienten einfließen, denn bei vielen Entscheidungen geht es heute auch um den Lebensstil. Forscher möchten den Lebensstil der Patienten verstehen, um die Medikamente genauer auf den einzelnen Patienten abstimmen zu können.

Ich möchte noch einmal auf das zurückkommen, was Shawn über die Plattform gesagt hat. Ich glaube, dass in dieser Branche die Unternehmen den größten Erfolg haben werden, die am Ende die Patientendaten besitzen. Damit können sie es Vorreitern in anderen Branchen gleichtun, zum Beispiel Uber, AirBnB und Amazon. Ganz zu schweigen davon, dass derjenige, der die Verbraucherdaten besitzt, auch den Markt beherrscht.“

Blockchain als Allheilmittel?

Shawn Brodersen: „Im Grunde ist Blockchain nichts weiter als eine Datenbank, eine Technologie, mit der sich Informationen in einem Netzwerk von Akteuren mit gleichen Interessen wiederherstellen und teilen lassen. Ein solches Netzwerk kann eine Lieferkette oder eine Wertschöpfungskette sein. Wenn ich heute zum Arzt gehe, muss ich ein Formular mit Angaben zu meiner Person und Krankengeschichte ausfüllen. Muss ich dann einen zweiten Arzt aufsuchen, erhält dieser keine meiner Angaben von der ersten Praxis. Blockchain könnte hier nützlich sein, damit jeder seine Daten in einer sehr sicheren digitalen Brieftasche speichern und dann mithilfe von Datenverschlüsselung und Token bestimmen kann, wer im Netzwerk die Daten erhalten soll.“

Blockchain könnte nützlich sein, damit jeder seine Daten in einer sicheren digitalen Brieftasche speichern und mithilfe von Datenverschlüsselung bestimmen kann, wer im Netzwerk die Daten erhalten soll.

Rasmus Nelund: „Ich finde, das ist das perfekte Beispiel dafür, wie Blockchain genutzt werden kann, um Informationen zu verfolgen und stärker zu personalisieren. Außerdem sind Daten das wertvollste Kapital eines Unternehmens. Bei einer Datenverfolgung mit Blockchain stünde auch ein digitaler Audit-Trail zur Verfügung.

Angenommen, es wird eine klinische Studie in 26 Ländern mit 5.000 Patienten durchgeführt, bei der die Datenpunkte alle zwei Tage eingehen. Nun muss diese Studie, die seit zwei Jahren läuft, reproduziert werden können und transparent sein, damit die FDA, die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel, die Daten als vertrauenswürdig einstuft. Es wird also ein vollständiger Audit-Trail benötigt. Momentan ist das mit der Computersystemvalidierung ziemlich aufwändig, aber eben unverzichtbar.“

Joe Miles: „Das Beispiel, das Shawn angeführt hat, ist sehr einfach, zeigt aber auf elegante Weise, wie die Technologie genutzt werden könnte. Es lässt sich auch auf die Verbrauchererfahrung ausweiten. Und der Gedanke lässt sich weiterspinnen, wenn wir an weitere Bereiche denken, in denen Datenintegrität eine Rolle spielt. Diese Datenintegrität könnte sich auf die Integrität eines Produkts beziehen, zum Beispiel die Seriennummer. Ist die Seriennummer auf dem Produkt, das ich gerade verwende, gültig? Nehme ich ein richtiges Medikament ein? Wir haben die Möglichkeit, diesen unwiderlegbaren Datenpunkt zu erhalten und genau zu wissen, dass wir in unserem verteilten Netzwerk über gültige Informationen verfügen, die niemals verändert werden können. Das ist sehr wertvoll. Diese Möglichkeit lässt sich auch auf globaler Ebene nutzen und auf unterschiedlichste Arten erweitern.“

Schalten Sie „Changing the Game in Life Sciences“ ein

Seien Sie dabei, wenn in weiteren Folgen von Changing the Game in Life Sciences darüber diskutiert wird, wie die digitale Wirtschaft die Life-Sciences-Branche verändert. Wenn Sie sich über aktuelle Entwicklungen in der Wirtschaft und der Technologie auf dem Laufenden halten möchten, schalten Sie Coffee Break with Game-Changers ein. Die Sendung wird jeden Mittwoch um 17 Uhr MEZ live auf dem VoiceAmerica Business Channel ausgestrahlt. Folgen Sie Game-Changers auf Twitter unter @SAPradio und #SAPRadio.

(Die Aussagen der Diskussionsteilnehmer haben wir für diesen Artikel editiert und gekürzt.)