Digital Education Summit: „Was man heute lernt, ist morgen alt“

In der Cloud-Generation stehen schnelle, flexible und agile Ansätze hoch im Kurs. Lösungen, die sich nicht bewähren, verschwinden wieder oder werden angepasst. Diese „Mindset-Änderung“ fordert besonders langjährige Mitarbeiter. Eine Diskussion zu diesem Thema findet auf den DSAG-Technologietagen im Rahmen des Digital Education Summit statt.

Wenn heute eine neue Lösung in der IT entsteht, ist nicht klar, wie lange sie im Einsatz sein wird. Immer häufiger sind die Apps innerhalb weniger Wochen in der Cloud entstanden und der Aufwand dafür hielt sich in Grenzen. Lange Anforderungskataloge, Blueprints, Testläufe und Entwicklungsprozesse nach dem Wasserfallmodell kann sich ein Unternehmen heute nicht mehr leisten. Der Wettbewerbsdruck erfordert immer häufiger schnelle „Time-to-Market“-Lösungen, die innerhalb von Wochen und eben nicht Monaten einsatzfähig sind. Doch wie bekommen die Mitarbeiter diesen Tempowechsel hin?

Die Google-Generation: Suchen, finden, anwenden

„Suchen, finden, anwenden“, so nennt Tabea Steiner die Vorgehensweise der „Google-Generation“. „Jüngeren Kollegen ist zudem wichtig, ihre Vorgehensweise ordentlich zu dokumentieren, um keine Kopfmonopole zu bilden und so offen für neue Aufgaben zu bleiben“, bemerkt die 29-jährige SAP-Teamleiterin bei DEKRA. Heutzutage verändern sich die Dinge schneller als früher. „Was man heute lernt, ist morgen alt“, meint die Wirtschaftsinformatikerin Steiner, die vor zehn Jahren zum „TIC-Unternehmen“ (Testing, Inspection, Certification) DEKRA kam, die weltweit größte nicht-börsennotierte Expertenorganisation mit „Dienstleistungsangeboten in den Bereichen Testen, Prüfen und Zertifizieren in den Bereichen Verkehr, bei der Arbeit und zu Hause“. Seit Gründung im Jahr 1925 in Berlin hat sich DEKRA mit seiner Zentrale in Stuttgart zunehmend internationalisiert und ist mittlerweile in mehr als 50 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv.

Der DEKRA geht es auch darum, Sicherheit vorzudenken. Dies unterstützen die Design-Thinking-Kultur und Whiteboards, mit denen neue Ideen entstehen und festgehalten werden. Entscheidend für eine moderne Arbeitsweise ist laut Tabea Steiner „die Bereitschaft, Dinge schnell zu erproben und gegebenenfalls auch wieder zu verwerfen sowie das Engagement der Mitarbeiter und die Fähigkeit, gemeinsam auf eine Lösung hinzuarbeiten“. Und sie ergänzt: „Den Faktor Alter halte ich dabei nicht für ausschlaggebend.“

SAP verankert Customer Experience in der IT

Auch für Thomas Saueressig ist diese neue Herangehensweise eine Herausforderung. Doch weiß der Global Chief Information Officer der SAP auch, wie wichtig es ist, „neue Arbeitsmodelle und Arbeitsweisen zu unterstützen, damit Mitarbeiter agil, mobil und im Team arbeiten können“. Der studierte Wirtschaftsinformatiker Saueressig ist selbst erst 32 Jahre alt. Entsprechend ist es für ihn „essentiell, ein Verständnis für Customer Experience zu haben, Empathie zu zeigen und nicht nur auf die Technologie zu schauen“. SAP ist sogar den Schritt gegangen, der IT und damit CIO Saueressig die Verantwortung für die Customer Experience zu übertragen: „Ein wichtiger Schritt“, sagt Saueressig.

Egal ob alt oder jung: „Gerade in der IT finden sich oft Alleskönner.“

Für die Unternehmen bedeutet der kulturelle Wechsel hin zu mehr Agilität, Flexibilität und Geschwindigkeit, die gesamte Belegschaft mitnehmen zu müssen. SAP-Expertin Steiner von DEKRA sieht das Thema entspannt. „Meine Kollegen waren teilweise so alt wie meine Eltern. Trotzdem arbeitete ich vom ersten Tag an auf Augenhöhe mit den Kollegen zusammen, und es gab keinerlei Vorbehalte“, sagt Steiner, die vor allem schätzt, dass Kollegen mit jahrelanger Erfahrung „nicht alles, was neu ist, auch automatisch als Bedrohung ansehen“. Und auch hinsichtlich der Herangehensweise kann Steiner, die als Dozentin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Vorlesungen zu „Einführung in SAP“ im Studiengang Wirtschaftsinformatik gegeben hat, nicht erkennen, warum altgediente Mitarbeiter nicht fähig sein sollten, genauso gut wie junge Kollegen die neuen Projekte zu stemmen. „Gerade in der IT finden sich oft Alleskönner, egal, ob sie Mathematiker, Physiker oder Informatiker sind“, sagt die im Arbeitskreis SAP Solution Manager der DSAG engagierte Steiner: „Die eigentlichen Anforderungen, die aus den Projekten an die Mitarbeiter gestellt werden, haben sich gar nicht so großartig geändert.“

DSAG-Vorstand Ralf Peters: Mindset-Änderung in der Umsetzung von Fachbereichsanforderungen

Das sieht der Vorstand für Technologie bei der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) Ralf Peters ähnlich: „Es ist keine Ausnahme, dass jemand, der sich seit Jahren mit ABAP beschäftigt, zu Hause mit Hilfe von Java den Raspberry Pi in seinem Smart Home einsetzt“. Klar ist: Eine Mindset-Änderung in den Unternehmen ist unumgänglich. Während den Fachbereichen früher alle Wünsche individuell erfüllt werden konnten, sieht man sich heute einem Rahmenwerk aus Cloud-Lösungen gegenüber, das nicht so leicht anzupassen ist. „Nicht mehr jede Facette ist möglich“, erläutert Peters, „die Kollegen sind also gezwungen, den Fachbereichen zu erläutern, wie sie ihre Ziele trotz enger Standards erreichen können.“ Allerdings erfordert das neue Mindset eine rechtzeitige Neuorientierung: „Der Richtungswechsel muss vorbereitet, trainiert und in einzelnen Schritten realisiert werden“, ist Peters überzeugt.

SAP Cloud Platform, SAP Fiori: Spannende Themen für Studenten

Neben dem nötigen neuen Mindset identifiziert Peters einen zweiten wichtigen Trend. Konzerne wie Google, Apple und Amazon sind bei den Nachwuchs-ITlern bekannter als SAP. „Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass etwa App-Entwicklungen bei SAP ähnlich wie Google und Apple in der Cloud möglich sind“, sagt Peters, der allerdings aktuell noch das klassische Entwicklungsmodell nach dem Wasserfallmodell in den Unternehmen in der Mehrheit sieht, und nicht die agile Entwicklung. „Die passt natürlich mehr zum Sturm und Drang junger Leute“, sagt Peters, der als CIO des Lebensmittelkonzerns Agrana Group feststellt, dass es viel leichter ist, Leute für agile SAP-Projekte zu begeistern, als für klassische.

Sein Eindruck: Die aktuelle User Experience mit SAP Fiori und Ansätze aus der Cloud, speziell der SAP Cloud Platform bewirke, dass immer mehr Studenten positiv überrascht sind von SAP, auch wenn die „moderne SAP“ noch nicht in allen Köpfen verankert sei.

SAP-CIO Thomas Saueressig: „Müssen früher in Schulen und Universitäten auftreten.“

Klar ist: Es gibt kein zurück und SAP tut einiges, um den derzeitigen Schwung zu erhalten. Intern stehen Hackathons und Intrapreneurship Bootcamps auf dem Programm. Zudem wird eine Atmosphäre geschaffen, in der offenes Feedback erwünscht ist – etwa im Rahmen von Coffee Corner oder Feedback Sessions. Mentoring- und Coaching-Programme unterstützen Neueinsteiger. „Bei uns ist es möglich, schnell Verantwortung zu übernehmen und selbständig an Themen zu arbeiten“, betont Saueressig, der jedoch auch fordert, die „Markenwahrnehmung von SAP zu verbessern“. „Erst in der Arbeitswelt wird vielen bewusst, welchen Einfluss SAP für Unternehmen und deren Wachstum hat“, so Saueressig, der fordert, „früher als bisher in Schulen und Universitäten aufzutreten oder über das auch von der DSAG unterstützte SAP-University-Alliances-Programm über Hackathons Schüler und Studenten in die spannende Enterprise-Software-Welt einzuführen“.

UX/UI und CRM: „Superspannende, sexy Themen“

Tabea Steiner braucht niemand mehr zu überzeugen. Die Themen UX/UI sowie CRM sind aktuell bei ihr verankert: „Superspannende, sexy Themen“, befindet die SAP-Expertin bei DEKRA, die dennoch einige Tipps parat hat, damit SAP gerade beim Nachwuchs als attraktiv empfunden wird. „Abiturienten ein ERP-System zu erklären, ist wie Analphabeten MS Word zu zeigen“, befindet Steiner, die sich wünscht, dass SAP sich etwa im Rahmen der Berufs- und Studienorientierung an Gymnasien (BOGY), aber auch in Hochschulen mehr zeigt, und „als tolles Arbeitsumfeld mit vielen Möglichkeiten“ präsentiert.

Weitere Informationen:

DSAG Technologietage 2018: Digital Education Summit