Add-Ons für SAP ECC und SAP S/4HANA: Die Beschaffung bedarfsorientiert planen

Das so genannte Demand Driven Replenishment steht bisher ausschließlich SAP S/4HANA-Kunden zur Verfügung, die zumindest das On-Premise-Release 1709 oder Cloud-Release 1708 einsetzen. Durch die SCM Consulting Solutions von SAP ist es nun möglich, die Funktionalitäten auch zu nutzen, wenn das Unternehmen noch SAP ECC oder ältere Versionen von SAP S/4HANA im Einsatz hat. Das ist nicht der einzige Vorteil.

Mehrstufige Stücklistenstrukturen sind Alltag für viele Planer. Ausgehend von den Rohmaterialien entstehen Zwischenprodukte. Nach mehreren Veredelungen wird letztlich das Endprodukt hergestellt, das vom Kunden bestellt wurde. Manchmal werden zudem zum Kunden hin weitere Stufen über Distributionslager eingezogen. Auf diesem Weg vom Roh- zum Endprodukt kann viel schief gehen. Die Herausforderung: Zwar hat die klassische Materialbedarfsplanung immer ausgefeiltere und immer mehr Werkzeuge entwickelt, um der steigenden Komplexität bei Aufträgen mit hohem Umfang von diversen Kunden gewachsen zu sein. Dazu gehören zum Beispiel Prognosefunktionen, die Losgrößenplanung, Sicherheitsbestände und Reichweitenprofile.

Die Konfiguration der klassischen Materialplanung ist zu komplex

Doch steigt mit der Anzahl der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel auch die Komplexität. Ein über alle Stufen stimmiges Planungskonzept zu implementieren und laufend an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen, wird immer schwieriger. Hinzu kommt der sogenannte Peitscheneffekt: Schon geringste Schwankungen der Endproduktnachfrage schaukeln sich durch klassische Supply-Chain-Planungsfunktionen wie der Losgrößenplanung über die Stufen hinweg auf. So kommt es, dass selbst bei verhältnismäßig konstanter Nachfrage nach dem Endprodukt wie zum Beispiel bei Zahnpasta bei der Rohmaterialbeschaffung große Schwankungen zu veranschlagen sind, die die Planer vor große Herausforderungen stellen. „Um flexibel auf die jeweilige Situation reagieren zu können, ist es häufig klüger, bestimmte Produkte auf Lager zu halten. Doch muss die Lagerbestandsplanung systematisch erfolgen“, erläutert Ferenc Gulyássy, Berater im Bereich SCM Consulting Solutions von SAP. Die Lösung ist ein Mittelweg zwischen der klassischen plangesteuerten und der verbrauchsorientierten Materialplanung: Diese bedarfsorientierte Planung der Wiederbeschaffung wird im englischen „Demand Driven Replenishment (DDR)“ genannt. Sie sorgt dafür, „dass sinnvolle Puffer gegen Unsicherheiten gebildet werden“, so Gulyássy.


Trotz SAP ECC: bedarfsorientierte Wiederbeschaffung ist möglich. Im Bild: Demand-Driven-Replenishment in der Übersicht.

Lieferkette „entkoppeln“, flexibel gegensteuern

Der „DDR-Ansatz“ setzt also nicht auf theoretischen, kaum nachzuvollziehenden mathematisch-statischen Berechnungen auf, in denen es letztlich darum geht, so gut wie möglich vorherzusagen, wie sicher jene beispielsweise 100 bestellten Produkte wirklich geliefert werden können. Der Ansatz ist pragmatischer. Was Gulyássy „intuitiv und konsistent“ nennt, bedeutet für den Planer, nicht mehr den gesamten Fertigungsprozess im Auge zu halten, sondern „nur“ noch Teiletappen. Gulyássy spricht von der „Entkopplung“ der Lieferkette, indem auf verschiedenen Stufen der Versorgungskette Lagerbestand vorgehalten wird. Eine Prognose von Absatzzahlen ist dabei nicht mehr im Fokus. Somit spielen auch die üblicherweise zu beobachtenden Prognosefehler keine Rolle mehr. Denn der Planer bekommt mit „Demand Driven Replenishment“ ein nachvollziehbares Werkzeug an die Hand, das es ihm ermöglicht, die Weichenstellungen in einer komplexen mehrstufigen Supply-Chain-Planung konsistent über alle Stufen vorzunehmen.

Auf SAP ECC aufsetzen: Fünf wichtige Funktionen kurz vorgestellt

„Wer bedarfsorientiert planen kann, ist im Vorteil“, ist Gulyássy überzeugt. Allerdings kommen derzeit lediglich jene Unternehmen in den „Genuss“ des DDR-Ansatzes, die bereits zumindest Release 1709 für die entsprechende On-Premise-Version von SAP S/4HANA oder Release 1708 für die Cloud-Version im Einsatz haben. Ihnen genügt es, eine Lizenz für die innovativen Funktionalitäten zu erwerben und schon lassen sich eine Reihe von SAP-Fiori-basierten Funktionalitäten nutzen. Mit dem neuesten SCM-Consulting-Solution-Release 2018 jedoch ist es möglich, auch ältere SAP-ERP-Releases ab ECC 6.0 zu nutzen und dabei trotzdem bedarfsorientiert mit dem DDR-Ansatz zu planen. Hierbei werden verschiedene Add-Ons von SAP genutzt, etwa der „MRP Monitor“, der „Replenishment Lead Time Monitor“, die „Safety Stock Simulation“, das „Customized MRP Type“ oder die „Advanced MD04“:

1. MRP-Monitor

Die im geschäftlichen Alltag auch als Dispomonitor bezeichnete Funktionalität erzeugt unter anderem Vorschläge für Entkopplungspunkte in der Stücklistenstruktur. Soll etwa eine bestimmte Anzahl von Produkten in 20 Tagen lieferfähig sein, durchsuchen mehrere Algorithmen die Stücklisten und schlagen vor, wann und wo Rohmaterialien, Zwischenprodukte oder Endprodukte bevorratet werden sollen.

2. Replenishment Lead Time Monitor

Wie lange es dauert, bis für Nachschub (eng. Replenishment) gesorgt ist, berechnet dieser Monitor. Auf Basis der im MRP-Monitor ermittelten Entkopplungspunkte berechnet er nun konkrete Wiederbeschaffungszeiten, indem beispielsweise historische Daten als Erfahrungswerte mit einbezogen werden.

3. Safety Stock Simulation

Die Sicherheits- und Meldebestände werden in diesem Tool nachvollziehbar berechnet und passen sich zudem dynamisch an. „Intuitiver als mit statistisch-mathematischen Methoden zu arbeiten“, befindet Gulyássy, „zudem können wir die Puffer durch empirische Beobachtungen ständig neu systemgestützt anpassen.“

4. Customized MRP Type

Interpretiert werden die Puffergrenzen innerhalb des MRP-Laufs beispielsweise einmal pro Tag. Hierfür stellt das Add-On Customized MRP Type die MRP-spezifische Berechnungslogik des DDR-Ansatzes als neues Dispomerkmal zur Verfügung, welches im Vergleich zur klassischen verbrauchsgesteuerten Disposition eine besondere Berücksichtigung von großen Bedarfen vorsieht, den sogenannten qualifizierten Spitzenbedarfen bzw. Spikes.

5. Advanced MD04

MD04 nennt sich eine häufig genutzte Standardtransaktion, die Planern eine Übersicht über Bedarfe, Bestände und Zugänge gibt. Im Rahmen der Add-Ons von SAP Consulting kann eine erweiterte Variante dieser Transaktion bereitgestellt werden, die neben einer Vielzahl von Zusatzfunktionen auch über DDR-Funktionen verfügt. Über einen farblichen Code zeigt die Funktionalität dem Planer nun an, wie kritisch die Situation für Materialien des Spektrums im Detail ist – von tiefrot (sehr kritisch), rot (kritisch) über gelb (nicht optimal), grün (ok) bis hin zu blau (Überbestand).

SAP-GUI-Nutzung und Migrationsservice der Add-Ons für SAP S/4HANA

Diese Auswahl aus den Grundfunktionalitäten der bedarfsorientierten Planung der Wiederbeschaffung zeigt vor allem, dass der DDR-Ansatz die Supply-Chain-Planung flexibler und intuitiver für den Planer macht. Doch gibt es noch einen weiteren Unterschied der Add-Ons im Vergleich zu den DDR-Funktionen in SAP S/4HANA, der besonders Planer interessiert, die seit vielen Jahren mit der „traditionellen“ SAP-Bedienoberfläche SAP GUI arbeiten. Bei den SCM Consulting Solutions sind sie nicht darauf festgelegt, mit der neuen rollenbasierten SAP-Fiori-Oberfläche zu planen, sondern können solange „ihr“ SAP GUI weiter nutzen, bis sie mit SAP Fiori vertraut sind. Ebenso wichtig: wenn ein Unternehmen beispielsweise in drei Jahren von SAP ECC auf SAP S/4HANA (on premise) umsteigt, kann ein Migrationsservice genutzt werden. „Der ermöglicht, später nahtlos zu den Funktionen von  SAP S/4HANA überzugehen“, so Gulyássy. Dabei sind die besonderen Optionen der DDR-Funktionen der SCM Consulting Solutions weiterhin unterstützend einsetzbar, beispielsweise auch die SAP-GUI-Transaktionen. Gulyássy: „Die Werte für SAP GUI und SAP Fiori sind ja in den gleichen Datenbanktabellen gespeichert – und werden lediglich auf der Oberfläche anders dargestellt.“