Vom Java-Entwickler zum Abgeordneten: Mario Brandenburg im Interview

Über Xing zur SAP-Entwicklung, dann Beratung, später Vertrieb – und nun Parlamentsabgeordneter. Die außergewöhnliche Karriere des SAP-Mitarbeiters Mario Brandenburg.

Irgendwie bin ich schon gespannt auf diesen Typen. Er leide an einer „heimtückischen Kombination: Neugierde gemischt mit Hyperaktivität“, heißt es auf seiner Webseite.

Was mag da auf mich zukommen? Ein ADHS-gesteuerter Wichtigtuer? Ein linientreuer Parteisoldat? Oder ein ehrgeiziger Karrierist, der seine SAP-Zeit bereits abgehakt hat?

Ich treffe einen mehrfachen Überzeugungstäter. Einen Digital Native, den das Thema Digitalisierung umtreibt. Einen engagierten Kollegen, der sich bei der SAP sehr wohl fühlt und die Möglichkeiten schätzt, die ihm das Unternehmen bietet. Und einen bodenständigen Pfälzer mit Haltung, der sich für seine Heimatregion und die Menschen einsetzt. Das hat ihn jetzt in den Deutschen Bundestag nach Berlin gebracht. Mit 34 Jahren.

Vom Studi zum SAPler

Dabei verlief sein Leben zunächst völlig unspektakulär. Geboren in Bad Bergzabern, aufgewachsen im pfälzischen Rülzheim (8.200 Einwohner) – wo er heute noch lebt –, studierte Mario Brandenburg zunächst in Karlsruhe (Bachelor), ehe er an der Hochschule in Ludwigshafen ein Master-Studium im Fach Wirtschaftsinformatik abschloss. Wie bei vielen heutigen Kollegen kam der Kontakt zur SAP während der Studienzeit zustande. „Damals wurde ich über Xing angesprochen. Die Abteilung von Gunther Rothermel (heute Leiter der „Product Unit P&I SAP Cloud Platform“, die Redaktion) suchte Java-Entwickler und ist auf mein Profil gestoßen“, erinnert sich Brandenburg. Das war 2009.

Danach wurde er immer wieder phasenweise engagiert: sei es über einen Werkstudentenvertrag oder im Rahmen seiner Abschlussarbeit. 2013 folgte dann die Festanstellung.

Im gleichen Jahr zog er in den Gemeinderat seines Heimatorts Rülzheim ein. „Wir hatten dort ein Haus gebaut und wollten eine Familie gründen. Ich finde es wichtig, sich an seinem Wohnort einzubringen“, begründet Brandenburg den Schritt in die Kommunalpolitik.

Langsam nahm seine politische Laufbahn Konturen an. Nachdem Brandenburg zunächst seinen leblosen Ortsverein reanimiert hatte, wurden andere auf sein Talent und seine Fähigkeiten aufmerksam. „Da hilft man mal im Kreis aus, mal auf anderer Ebene. Und dann kann es in einer kleinen Partei wie der FDP schnell gehen“, so Brandenburg, der sich manchmal selbst über seinen raschen Aufstieg wundert.

Forciert wurde seine Politkarriere durch den Umstand, dass er den Wahlkreis (Südpfalz) seines Parteifreundes Volker Wissing übernehmen konnte, der 2016 als Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau in die Landesregierung von Rheinland-Pfalz eintrat. So kam es schließlich, dass Mario Brandenburg bei der Wahl im Herbst des vergangenen Jahres auf Platz drei der Landesliste seiner Partei in den Deutschen Bundestag gewählt wurde.

Wo bitte gehts zur Kaffeeecke?

Für die vier Jahre seines Bundestagsmandats hat die SAP ihren Mitarbeiter Mario Brandenburg freigestellt (ohne Gehalt). Nach derzeitigem Stand der Dinge will Brandenburg nach seiner Abgeordnetenzeit wieder zur Firma zurückkehren. Er schätzt die vielfältigen Optionen, die er bei seinem Arbeitgeber vorfindet. „Ich durfte viele Orte bereisen und habe in ganz unterschiedlichen Abteilungen gearbeitet“, sagt Brandenburg. Er hat von den flexiblen Arbeitszeiten profitiert und die Möglichkeiten der Elternzeit genutzt. „Uns geht es hier wirklich gut“, betont Brandenburg.

Er telefoniert regelmäßig mit seinem ehemaligen Manager, um den Kontakt zu pflegen und den Anschluss nicht zu verlieren. Dennoch vermisst er den ungezwungenen Austausch mit den Kollegen. In Berlin sitze jeder Abgeordnete in seinem eigenen Büro, da fehlt Mario Brandenburg „der Wettkampf der Ideen“.

Von Rülzheim nach Berlin

Nun also Berlin. „Natürlich profitiere ich von meinen beruflichen Erfahrungen“, ist Brandenburg überzeugt. Er ist Obmann und Mitglied im Ausschuss für „Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung“ sowie stellvertretendes Mitglied im Gremium „Digitale Agenda“ – und hat somit mit den gleichen Themen zu tun wie bei der SAP: Digitale Innovation und Transformation, zukunftsfähige Geschäftsmodelle, neue Technologien und Forschungsansätze in der IT. Wobei in seinen Ausschüssen noch Themenblöcke wie „IT und Bildung“ oder der Breitbandausbau hinzukommen.

Aber: In der Hauptstadt ticken die Uhren anders. „Im Gemeinderat sitzen 24 engagierte Leute, die ihre Freizeit opfern. Der Bundestag hat mehr als 700 Abgeordnete – und Du sitzt hinten links“, beschreibt Brandenburg die unterschiedlichen Dimensionen. Im Gegensatz zur Kommunalpolitik, wo die Parteizugehörigkeit keine große Rolle spiele und schnelle Erfolge möglich seien, müsse man im eher anonymen und behäbigen Berliner Politikbetrieb immer wieder Allianzen schmieden und Koalitionen bilden, um dann irgendwann mit seinen Vorschlägen durchzudringen – oder auch nicht. „Das ist eben so“, meint Brandenburg pragmatisch, ohne sich entmutigen zu lassen.

Er sieht sich im wahrsten Sinne des Wortes als Ab-Geordneter, der ein Mandat auf Zeit bekommen hat, entscheidende Zukunftsthemen auf Bundesebene voran zu treiben, ohne dabei die Implementierung für die Bürger vor Ort zu vergessen. Mario Brandenburg: „Ich bin Kommunalpolitiker, der jetzt abgeordnet ist und kein Abgeordneter, der einmal Kommunalpolitiker war.“

Brandenburg will die Zusammenhänge verstehen. Deshalb ist er nach einiger Zeit in der Walldorfer SAP-Entwicklung in die Beratung zur US-Tochter SAP SuccessFactors gegangen. Er war interessiert daran, wie man die entwickelten Produkte im Zusammenspiel mit dem Kunden implementiert. Zuletzt war er als Presales Architect im SAP-Ariba-Vertrieb tätig. Auch diesen Bereich wollte er unbedingt kennenlernen. „Als nächstes wäre ich wohl ins Produktmanagement gegangen“, sagt er und lacht. Es hat ihm auch nichts ausgemacht, das er jedes Mal wieder bei null beginnen musste.

Gerade ist er von Digitalisierung der Gesellschaft angetan. Die schwierige Aufgabe der Politik sei es nun, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen, um bei diesem komplexen Thema alle abzuholen. Allerdings komme die Politik „dem Innovationstempo nicht hinterher“. Dennoch müssten jetzt die Voraussetzungen für die nächsten Generationen geschaffen werden, damit diese von der Digitalisierung profitierten.

In diesem Zusammenhang ist Mario Brandenburg sein eigener Showcase. Seine Büros in Landau und in der Hauptstadt führt er papierlos. Das iPhone ist sein ständiger Begleiter, „Siri“ ist zu einer guten Freundin geworden. Er lebt Digitalisierung vor, will helfen, die Weichen richtig zu stellen.

Mario Brandenburg: „Ich bin Kommunalpolitiker, der jetzt abgeordnet ist und kein Abgeordneter, der einmal Kommunalpolitiker war.“

Vom Plenum in den Flieger

Was er sich von seiner Berliner Zeit erhofft? „Dass etwas bleibt“, sagt Brandenburg. Er will sich kein Denkmal bauen, sondern etwas bewirken. Und privat? „Dass nichts kaputtgeht.“ Der Job fordert seinen Tribut. Mindestens zwei Sitzungswochen pro Monat ist er in Berlin, wo Brandenburg zahlreiche Termine von frühmorgens bis in den späten Abend hinein wahrnehmen muss.

Die übrige Zeit verbringt er in seinem Kreisverband, wo lokale Themen auf ihn warten. Am Wochenende stehen oft Repräsentationstermine an – ganz davon zu schweigen, dass die Parteifreunde in der Region ihren Bundestagsabgeordneten regelmäßig sehen wollen. Solche Treffen hat Brandenburg vorzugsweise auf Freitagabend gelegt. Ach ja: Ab und zu muss er noch im Rülzheimer Gemeinderat ran.

Doch Brandenburg klagt nicht. „Es ist sehr hart, aber das muss so sein“, sagt er. Er will seinen Ämtern unbedingt gerecht werden. Darunter leidet natürlich das Familienleben. Mario hat zwei kleine Kinder und ist verheiratet. Zumindest den Sonntag hält er sich frei, so oft es geht.

Der frischgebackene MdB bleibt Optimist: „Natürlich war das in unserer Lebensplanung so nicht vorgesehen. Aber wir versuchen das jetzt.“ Gut, dass seine Frau ähnlich tickt wie er.

Und was ist das nun für ein Typ? „Pfälzer – gottgleiches Wesen in höchster Vollendung!“ lautet ein beliebtes Motiv auf einem Schlüsselanhänger (unverbindliche Preisempfehlung: 9,90 Euro). Ganz so weit würde ich nicht gehen wollen. Aber großen Respekt vor Brandenburg und seinem Tatendrang: Den habe ich jetzt schon.

Video: Bavaria Film Interactive