Wie intelligente Rollstühle Lebensqualität schenken

Die SAP stattet Rollstühle mit Sensoren aus, um die Langzeitfolgen einer schädlichen Sitzhaltung zu vermeiden.

Im Rollstuhl zu sitzen kann verheerende Langzeitfolgen haben. Die Patienten können unter Druckgeschwüren sowie Verformungen an Wirbelsäule und Muskulatur leiden. Sie haben Schmerzen oder sind nach bis zu 14 Stunden im Sitzen einfach erschöpft. Eine schlechte Haltung ist dabei ein großes Problem, denn an den Rollstuhl gefesselte Patienten sind häufig nicht in der Lage, ihre Sitzposition selbst zu kontrollieren oder zu ändern. Schätzungsweise 132 Millionen Menschen sitzen im Rollstuhl. Im Gesundheitswesen entstehen dadurch enorme Kosten.

Das Projekt „Smart Wheelchair“ soll mit intelligenten Rollstühlen bessere Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen der Sitzhaltung und Beschwerden wie Druckgeschwüren liefern. Die SAP hat sich zur gemeinsamen Innovation mit dem niederländischen Rollstuhlhersteller Life & Mobility, mit Ergotherapeuten, Wissenschaftlern und Nutzern zusammengetan, um vier Rollstühle mit je elf Sensoren auszustatten. Diese Sensoren übermitteln alle vier Sekunden Daten zu Druckverteilung, Temperatur und Sitzhaltung des Patienten. Die Daten können anschließend über WLAN an die SAP Cloud Platform gesendet werden, wo sie mit SAP Leonardo Analytics und hochentwickelten Algorithmen umfassender ausgewertet werden.

Big Data aus der Praxis

„Der intelligente Rollstuhl liefert uns die Daten, die wir brauchen, um mehr über das Sitzverhalten von Rollstuhlnutzern zu erfahren und herauszufinden, wie sich dieses Verhalten verändern lässt, um eine größere Autonomie zu ermöglichen“, erklärt Bewegungswissenschaftlerin Hanneke Knibbe von LOCOmotion, einem an dem Projekt beteiligten Forschungsunternehmen. „Die Auswirkungen von langem Sitzen auf die Gesundheit von Rollstuhlnutzern sind bisher kaum erforscht. Die Daten, die verfügbar sind, stammen in der Regel aus dem Labor, nicht aus der Praxis.“

Knibbe glaubt, dass das Projekt „Smart Wheelchair“ zu einem Durchbruch führen kann. „Jetzt stehen uns große Mengen realistischer Daten aus der täglichen Praxis zur Verfügung. Die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen können, machen es dann möglich, Rollstühle weiter zu verbessern, sodass sie einen größeren Komfort bieten und letztendlich den Patienten mehr Lebensqualität ermöglichen.“

Bessere Sitzhaltung

Sensire Den Ooiman im niederländischen Doetinchem ist eines der Pflegeheime, das an dem Forschungsprojekt teilnimmt. Vorübergehend werden in der Einrichtung intelligente Rollstühle eingesetzt. „In meinem Berufsalltag erkenne ich einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer guten Sitzhaltung und der Vermeidung negativer Langzeitfolgen des Sitzens im Rollstuhl“, erklärt Adinda van Sommeren, Ergotherapeutin beim Pflegeanbieter Sensire. „Der intelligente Rollstuhl liefert uns umfassendere Einblicke in die Körperhaltung des einzelnen Rollstuhlnutzers. Daran können wir dann besser erkennen, wie der Einzelne in seiner Sitzposition am besten unterstützt werden kann.“

„Wir sind immer auf der Suche nach Möglichkeiten, die Lebensqualität von Rollstuhlnutzern zu verbessern“, führt Harmen Leskens, Manager Product Management & Development bei Life & Mobility, aus. „Eine Möglichkeit sind bessere Rollstühle. Aber ebenso wichtig ist es, den Patienten und dem Pflegepersonal nahezubringen, dass die Sitzposition im Laufe des Tages immer wieder verändert werden muss.“

„Der intelligente Rollstuhl ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie wir das Internet der Dinge und Big Data nutzen können, um in der Gesellschaft etwas Gutes zu bewirken“, betont Jan Willem Dijkstra, Programm-Manager bei SAP Niederlande, der das Konzept entwickelt hat. „Die SAP besitzt das technische Know-how, und Life & Mobility weiß alles über die richtige Sitzhaltung. Zusammen können wir eine Lösung für die Probleme finden, unter denen Menschen, die lange im Rollstuhl sitzen, leiden.“

Smart Wheelchair



Im Interview erläutert Jan Willem Dijkstra, Programme Manager bei SAP Niederlande weitere Fragen zum Smart Wheelchair.

Wie sind Sie dazu gekommen, an der Lösung Smart Wheelchair zu arbeiten?

Jan Willem Dijkstra: Die Idee für die Lösung Smart Wheelchair ist folgendermaßen entstanden. Von meiner Frau, die Krankenschwester ist, hörte ich von den negativen Folgen einer falschen Sitzposition, der langfristigen Behandlung von Druckgeschwüren, den entsprechenden Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Patienten und der Tatsache, dass jedes Druckgeschwür praktisch vermeidbar ist. Von meinen Kollegen hörte ich wiederum von den neuen Funktionen von SAP Leonardo. Und schließlich erzählte mir ein Freund, der im gleichen Ort wohnt und eine Fabrik für Rollstühle besitzt, von seinen ehrgeizigen Zielen für innovative Entwicklungen. So gebe es bisher kaum Fortschritte bei der Messung der Körperhaltung. Ich verknüpfte also alle diese Erkenntnisse und bei einem Design-Thinking-Workshop begannen wir schließlich, an einem ersten Prototyp für einen intelligenten Rollstuhl zu arbeiten.

Was war für Sie die größte Herausforderung bei dem Projekt?

Dijkstra: Eine der größten Herausforderungen ist, mit dem Innovationsprozess Schritt zu halten. Es stellen sich alle möglichen Fragen, die in der Planungsphase nicht immer beantwortet werden können. Wer ist (zum Beispiel aus Lizenzsicht) der Kunde? Wer sind die Vertragsparteien? Wer finanziert was? So gibt es zurzeit auch niemanden auf der Welt, der Echtzeitdaten zur Sitzposition von Rollstuhlfahrern sammelt. Neue Anwendungen hierfür können auf Grundlage von Geschäftsmodellen entwickelt werden, die es noch gar nicht gibt.

Könnte diese Technologie in Zukunft auch anderswo zum Einsatz kommen?

Dijkstra: Wir haben jetzt mit einem nahezu ausgereiften Prototyp die Voraussetzungen geschaffen und forschen weiter auf diesem Gebiet. Wir werden anhand der Ergebnisse den Prototyp verfeinern, aber auch weiterhin kommerzielle Anwendungen entwickeln und weiter Daten sammeln. Mit großen Datenmengen können wir Analysen durchführen, um weiter zu untersuchen, wie sich die Sitzposition auf das Wohlbefinden der betroffenen Personen auswirkt. Außerdem werden große Datenmengen neue Forschungsaktivitäten auf anderen Gebieten beflügeln, zum Beispiel zur Vermeidung von Bewegungsmangel bei älteren Menschen. Ein Thema, das ebenfalls von gesellschaftlicher Bedeutung ist.