Jacques’ Wein-Depot räumt die IT auf

Der Weinmarkt in Deutschland ist ein Verdrängungswettbewerb. Um trotzdem weiter wachsen zu können, hat Jacques’ Wein-Depot eine IT-Roadmap bis 2020 entwickelt. Besser integrierte und in der Cloud betriebene SAP-Systeme helfen dem Düsseldorfer Weinhändler, sich künftig mehr auf Innovationen zu konzentrieren.             

Zehn neue Depots, etwa 120.000 neue aktive Kunden und über vier Prozent Umsatzwachstum in einem gesättigten deutschen Markt: Jacques’ Wein-Depot baut auch im 44ten Jahr nach seiner Gründung sein Geschäft in Deutschland aus. Doch steht der Düsseldorfer Mittelständler mit 152 Millionen Jahresumsatz (2017) vor einer besonderen Herausforderung: Der Weinmarkt in Deutschland wächst nicht mehr. Zwischen 20,5 und 21 Litern Wein pendelt der Weinkonsum eines Durchschnittsdeutschen nach Angaben des Deutschen Weininstituts (DWI) Jahr für Jahr. Zudem kommen Online-Anbieter hinzu, die über aggressive Preisangebote und schnellen Service in den Markt drängen. Dabei ist der Durchschnittspreis in Deutschland ohnehin nicht besonders hoch: 2,50 Euro kostet eine Flasche Wein durchschnittlich. „Bei uns geht es bei etwa vier Euro los, im Durchschnitt geben Kunden aber über sieben Euro für eine Flasche Wein bei uns aus“, erläutert Prokurist Dirk Bungarz, der darauf Wert legt, dass Jacques’ Wein-Depot authentische und unvergleichbare Winzerweine anbietet – Weine also, die sich nicht bei Jacques’ probieren und später über einen Online-Anbieter bestellen lassen.

Omnichannel: Der Kunde kauft online, mobil und in der Filiale

Seit Jacques’ sein erstes Weindepot in Düsseldorf-Kaiserswerth eröffnete, hat sich an dem Geschäftsmodell wenig geändert: Der Kunde kann sämtliche Weine – etwa 250 Sortimentsweine vom französischen Chardonnay über einen Primitivo aus Italien bis hin zum deutschen Riesling – vor Ort kosten, sich beraten lassen und sich daraufhin entscheiden. 308 dieser Depot genannten Filialen gibt es inzwischen in Deutschland. Doch hat sich das Einkaufsverhalten der Kunden verändert: Manche kommen in die Filiale, lassen sich verköstigen, kaufen den Wein und lassen sich ihn nach Hause schicken. Andere suchen den Wein bereits online aus und haben ihn bereits bezahlt, bevor sie ihn selbst im Depot abholen. Wieder andere wollen per Smartphone ihren Lieblingswein bestellen. Online- und Filialgeschäft wachsen zusammen. „Bei einem Anteil von vier bis fünf Prozent liegt der Online-Anteil des Geschäfts derzeit“, sagt Bungarz. Tendenz: steigend. Bis 2023 rechnet er mit einem Anteil von acht bis zehn Prozent.

Jacques’ Wein-Depot: IT-Masterplan statt Renovierung

Eine Übersicht in Echtzeit darüber zu bekommen, wie sich der Verkauf in den Filialen sowie auch online aktuell entwickelt, war für IT-Leiter Obadja Fremberg einer der Gründe, warum das Tochterunternehmen der Hawesko Holding AG seine IT-Strategie nun neu aufstellt. „Hinzu kam, dass unsere IT-Struktur über die Jahre gewachsen war und viele Eigenentwicklungen angeflanscht worden waren“, erläutert Fremberg, der schnell erkannte, dass das Fundament für einen durchdachten Omnichannel-Ansatz nicht stand. „Schon bei der Auswahl des künftigen Online-Shops wurde klar: Wir müssen zunächst unsere Hauptapplikationen austauschen“, so Fremberg, der daraufhin eine IT-Roadmap entwickelte – ein Masterplan für die Jahre 2016 bis 2020. Finanzwesen, Warenwirtschaft für die Zentrale wie für die Filialen und Kassensysteme erwiesen sich als nicht zukunftstauglich. Prokurist Bungarz vergleicht seine damaligen Systeme sogar mit einem in die Jahre gekommenen Haus, bei dem man nicht weiß, ob man es renovieren oder nicht doch besser abreißen soll.

Das Big Picture: Bis 2020 zur optimalen Plattform

Bungarz und Fremberg entschieden sich für einen Neuaufbau. Denn sie hatten ein klares Bild vor Augen. Aufsetzend auf dem Fundament einer modernen Warenwirtschaft sollten über eine gute Integration der Systeme Abteilungen näher zusammenzurücken, durchgehende Prozesse realisiert und der Informationsfluss beschleunigt werden. „Es war bis jetzt mühsam, Informationen über Bestände oder Verkäufe in den Filialen zusammenzusuchen“, erläutert Fremberg. Ein Markt-Screening ergab, dass SAP mit seinem Portfolio am vollständigsten die Anforderungen von Jacques’ Wein-Depot abdecken konnte – von der Warenwirtschaft und dem Finanzwesen über (omnichannel-fähige) Kassensysteme, einen innovativen Online-Shop bis hin zu einem System, das Kundendaten aus der Kasse, der Warenwirtschaft und dem Onlineshop aggregieren und analysieren kann. Noch dazu ließen sich die gesamten Lösungen in der Cloud betreiben, so dass sich die IT mehr auf Zukunftsprojekte und Innovationen konzentrieren kann.

Fünf Schritte zur Omnichannel-Experience

Die ersten Schritte sind bereits getan: Vor einem Jahr migrierte Jacques’ Wein-Depot vom bestehenden Finanzmodul SAP FI auf SAP S/4HANA Finance (1.) und damit auf eine SAP-HANA-Datenbank. Das neue Warenwirtschaftssystem SAP for Retail (2.) ist seit dem 1. September 2017 auf der gleichen SAP-HANA-Datenbank im Einsatz. Über das SAP-Retail sind alle Filialen (Depots) angebunden. „Der Retail-Part wurde noch nicht auf SAP-S4/HANA-Logistik umgestellt, da unsere Entscheidung für die Roadmap zu einem früheren Zeitpunkt fiel“, erläutert Fremberg.

Integrieren in der Cloud: „Weitere Systeme entspannt anschließen“

Erwünschter Nebeneffekt des neuen Fundaments: Die Schnittstellen-Middleware SAP Process Orchestration (SAP PO) und die SAP Process Integration (SAP PI) schaffen nun Transparenz über den Datentransfer und ermöglichen laut Fremberg, „weitere Systeme entspannt anzuschließen“.

„Ich muss die Welt nicht ständig neu erfinden, wenn ich weitere Systeme anbinden will“, sagt der IT-Chef, der den Betrieb der Systeme komplett von SAP machen lässt. Sowohl SAP S/4HANA als auch SAP for Retail werden als On-Premise-Systeme in der Cloud betrieben, in der SAP HANA Enterprise Cloud. Und auch für die noch folgenden SAP-Systeme ist das vorgesehen. „Unsere IT-Kernkompetenz liegt nicht darin, den Serverbetrieb für unsere Systeme selbst zu übernehmen“, begründet Fremberg den Schritt, der zudem den Wechsel von der ehemaligen Datenbank SAP MaxDB hin zu SAP HANA einschloss.

Kasse, Analyse, Kundenmanagement: Die nächsten Schritte bis 2020

Für die Realisierung der Omnichannel-Vision ist das Fundament noch nicht vollständig. Wichtig ist es, Kassendaten zu integrieren und sämtliche Daten des Kunden in Echtzeit zusammenzuführen und zu verarbeiten. Mit den ersten Prototypen für den Einsatz der SAP Store Solutions by GK (3.) ist Jacques’ Wein-Depot gerade gestartet. Kunden können sich später im Onlineshop informieren, Produkte reservieren und online wie offline bezahlen – ein wichtiger Schritt hinsichtlich der Omnichannel-Vision. Anfang 2019 soll das Kassensystem bei den Handelsvertretern in den Depots einsatzfähig sein. Die Lupe legt dann aber erst das SAP Customer Activity Repository (4.) auf die vielen Kundenbewegungen und -transaktionen der über 850.000 aktiven Kunden in Deutschland. Daten aus der Kasse in der Filiale, dem Online-Shop und aus der Warenwirtschaft fließen hier zusammen. Den Abschluss der Roadmap wird dann in 2020 das Kundenmanagement-System SAP Hybris (5.) bilden. Die Cloud-Software schafft Transparenz über die Kundenprofile und ermöglicht beispielsweise individuelle Marketingaktionen, etwa Rabattaktionen via Smartphone.

360-Grad-Blick auf den Kunden

Spätestens in zwei Jahren wird der anvisierte 360-Grad-Blick auf den Kunden Realität. Dann wird niemand im Fachbereich mehr der IT neue Preise durchgeben müssen, Stammdaten hinterfragen oder lange recherchieren, wie sich die Online- oder Filial-Verkäufe entwickeln. Dann kann sich Jacques’ noch mehr auf seine ursprüngliche Mission konzentrieren – nämlich „weiterhin kulinarische und kulturelle Entwicklungsarbeit zu leisten“, so Bungarz.