ANWR GROUP: Wie Handel künftig funktioniert

Die Handelskooperation ANWR GROUP ist mit ihrer Technologie der Zeit ein Stück weit voraus. Welche konkreten Vorteile CEO und CTO Günter Althaus durch Digitalisierung jetzt schon realisiert hat.

Ein Handelscockpit gibt Händlern Zugriff auf handelsspezifische Kennzahlen, berechnet Echtzeit-Erträge und vergleicht Kosten. Per RFID werden automatisiert Warenstände erfasst. Eine 3-D-Kamera registriert in der Filiale, ob ein Mann oder eine Frau den Laden betritt, schätzt das Alter und misst die Frequenz der Kundenbesuche. Mit Hilfe einer „Best-Fit-Analyse“ lassen sich die individuellen Maße eines Fußes ermitteln, die passenden Schuhe aus dem Sortiment filtern und sogar passende Einlagen fertigen. Der Kauf eines Produktes in der Filiale geschieht bargeldlos – die Bestellung wird an das mobile Endgerät weiter geleitet, der Kunde erhält lediglich eine Mail inklusive Rechnung (mit Cross-Selling-Vorschlägen). Die Zukunft des Handels ist bei der ANWR GROUP schon heute Realität.

No Data, no Retail: Das Motto der ANWR GROUP

Als „Verbundorganisation, die Händler zusammenbringt“, bezeichnet CEO Günter Althaus die ANWR GROUP, die mit knapp 1.300 Mitarbeitern im vergangenen Jahr 523 Millionen Euro Umsatz (+4,4 %) und einen Gewinn von 9 Millionen Euro vor Steuern erwirtschaftet hat – bei einem Abrechnungsvolumen von 8,9 Milliarden Euro (+2,4 %). Die Handelskooperation ANWR GROUP fördert und berät als Partner über 6.000 Einzelhändler in den Segmenten Schuhe, Sport und Lederwaren. „Wir sind im Sporthandel unter der Marke SPORT 2000 unterwegs sowie im Schuhhandel, in dem die Händler in der Regel unter ihrem eigenen Namen in den jeweiligen Märkten auftreten, beispielsweise Salamander oder Siemes, um mal zwei unserer bundesweit vertretenen Händler zu nennen“, sagt Althaus. Die Herausforderung: So unterschiedlich wie die Händler sind, ist auch deren technische Infrastruktur. „Wir müssen die Händler sensibilisieren für die Digitalisierung und eine neue Infrastruktur“, sagt Althaus, der als CTO zudem für die Informationstechnologie zuständig ist. „No Data, no Retail“ lautet das Motto des als CTO auch für die Informationstechnologie zuständigen Althaus, der die Frage nach dem Datenfluss für entscheidend hält.

Hier eine Auswahl der konkreten Mehrwerte, die sich durch die Digitalisierung von Prozessen ergeben:

1. Zentrale Sicht auf Bestände und Verfügbarkeiten der Produkte

Ein gutes Beispiel dafür, wie Handel künftig aussehen kann, bietet die mit Adidas, Nike, Reebok und Puma entwickelte „Sneaker-Wand“, ein Display mit derzeit 42 Produkten, die jederzeit „nachversorgt“ werden. 100 Systeme sind gegenwärtig im Rollout. Insgesamt sollen es 600 werden, die dann in der Zentrale für Transparenz über den Verkauf und die Liefersituation dieser Produkte bieten. Was für die zwei wichtigsten Lieferanten der ANWR GROUP aus dem Sportbereich, die Sportartikelhersteller Nike und Adidas, gerade entsteht, hat für die zentrale Schuhplattform schuhe.de schon eine gewisse Tradition. Schon vor sechs Jahren hat die ANWR GROUP damit begonnen, die Produkte in 1.800 Filialen vor Ort zu digitalisieren. 80 mobile und dezentral aufgebaute Fotosysteme wurden angeschafft, um Warenbestände zu fotografieren – und letztlich eine zentrale Datenbank zu schaffen, zu der alle Händler Zugriff haben. „Europaweit hat kein anderer Anbieter ein größeres verfügbares Angebot als wir“, sagt Althaus – ein Vorteil der Heterogenität der Händler und auch ein Verdienst der SAP-Handelssoftware SAP for Retail, die etwa die Abläufe zwischen Bestellung und Lager ständig optimiert und von der Cloud-Lösung SAP Hybris als „Single Source of Truth“ für die Artikelstammdaten und den notwendigen Content. Um den eigenen Marktanteil weiter auszubauen, kooperiert die ANWR GROUP seit fünf Monaten auch mit den Online-Händlern Zalando und Amazon, hat Bestände und Verfügbarkeiten mit deren Plattformen Onlineshop gekoppelt.

Es ist nicht zu erklären, warum sich ein Vorstandsvorsitzender, der sich tagtäglich mit Strategie beschäftigt, nicht auch mit der Digitalisierung auseinander setzen sollte. (Günter Althaus, CEO und CTO, ANWR GROUP)

2. Die virtuelle Regalverlängerung: Im Netzwerk Bestände verknüpfen

In eine ähnliche Denkrichtung geht die so genannte virtuelle Regalverlängerung. Der Grundgedanke: Sind die Bestände aktualisiert und lokalisiert, lassen sie sich auch miteinander verknüpfen. Ein Händler, bei dem Produkte nachgefragt werden, die er nicht im Sortiment hat, kann über einen anderen Händler Produkte austauschen oder abgeben. Die Verfügbarkeiten von Produkten werden „verlängert“, wie Althaus sagt. Das Netzwerk ist in der Lage, gemeinsam die Verfügbarkeit zu erhöhen. Im nächsten Schritt wird nach positiven Pilotversuchen auch die Industrie eingebunden, die den Händlern ihre verfügbaren Sortimente zur Verfügung stellt.

3. Über Datensaugnäpfe mehr über den Kunden erfahren

Die Händlerdaten sind wichtig. Doch mindestens genauso wichtig sind die Kundendaten. Doch ist es nicht immer einfach, an persönliche Daten heranzukommen. Durchschnittlich zweimal im Jahr kaufen sich Männer in einer Filiale neue Schuhe. Das ist zu wenig, um daraus ein Profil zu erstellen. Dafür ist es im Sportbereich, dem zweiten großen Sektor der ANWR GROUP ganz anders. Althaus spricht von einer „Maschine“, die nun im Einsatz ist, mit der er zwölf verschiedene Social-Media-Kanäle bespielen kann, um mehr über die Wünsche und Vorlieben der Kunden zu erfahren. In dessen Zentrum steht die Marketinglösung SAP Hybris Cloud for Customer, die in der Lage ist, individuelle Profile zu erstellen und die digitale Kommunikation mit den Kunden anzukurbeln. Sie setzt quasi Datensaugnäpfe (Althaus) an den Kunden, der künftig immer individueller und präziser bedient werden soll.

4. Renner, Penner und Leistungskennzahlen: Handels-Cockpit mit fünf Dashboards

So unterschiedlich wie die Kunden sind auch die Händler. „Sehr kreativ im Umgang mit Artikelbezeichnungen“ befindet CEO Althaus, der sich wünscht, dass sich Händler im Schuh- und Sportsegment gerne ein Vorbild an der Buchbranche nehmen könnten. Jedes Buch ist mit einer ISBN-Nummer versehen und damit eindeutig zu identifizieren. Nicht so in der Sport- und Schuhbranche. 156.000 Umrechnungstabellen – so hat die ANWR GROUP analysiert – vermitteln derzeit zwischen den Handelssystemen, um eine zentrale Sicht auf die Artikelstammdaten zu bekommen. „Das ist nötig, um zu wissen, welche Produkte funktionieren, für was sich die Kunden interessieren und für welche Kanäle sie offen sind“, erläutert Althaus. Ein Handels-Cockpit leistet genau das. Es differenziert zwischen Rennern und Pennern im Markt, also zwischen gut und schlecht laufenden Produkten. Es identifiziert Trends über Warengruppen- und Lieferantenanalysen und stellt die wichtigsten Leistungskennzahlen auf insgesamt fünf Dashboards zusammen.

5. Künstliche Intelligenz im Handel für die Produkterkennung

Ein gutes Hilfsmittel übrigens, um das leidige Thema der Artikelnummern nicht mehr über Umrechnungstabellen lösen zu müssen, ist die künstliche Intelligenz. 770.000 Produktfotos hat die ANWR GROUP heute bereits eingestellt, um dem System beizubringen, Artikel künftig mit hoher Zuverlässigkeit selbst zu erkennen. Bis jetzt, das zeigte Althaus kürzlich auf dem SAP-Handelsforum, wird die Marke mit 91-prozentiger, die Hauptkategorie mit 94-prozentiger und die Absatzhöhe mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit richtig bestimmt. „Bald werden Artikelbezeichnungen gar nicht mehr nötig sein“, so Althaus, der Schritt für Schritt zunächst Vorschlagslisten für die Metadatenpflege und die Verschlagwortung von Produkten automatisieren will.

6. Künftig Preis über Roboter anpassen

Die Identifikation der Produkte ist zudem die Voraussetzung dafür, dass in der durch den Einsatz von SAP for Retail, SAP Hybris und SAP Hybris Cloud for Customer stark SAP-geprägten Systemlandschaft künftig dynamisch Preise angepasst werden können. Schon heute sind Preisänderungen für Händler eine Herausforderung. Nach Angaben von ANWR-GROUP-CEO Althaus passen 70 Händler, die jeweils 500 Produkte über die Amazon-Plattform verkaufen, pro Monat derzeit 370 Millionen Mal mittels eines maschinellen „Repricers“ ihren Preis an. Ertragsverbesserungen von zwei bis fünf Prozent verspricht sich der Manager, der nicht von ungefähr die Schnittstelle zu großen Plattformen wie Amazon mit eigener Technologie belegt. Das bietet also nicht nur eine gute Möglichkeit, das Vertriebsergebnis über einen Preisroboter zu steigern, sondern auch „das Altwarenproblem in den Griff zu bekommen“, so Althaus.

Der Zukunft des Handels jeden Tag einen Schritt näher