Barrierefreiheit: Neue Accessibility-Funktionen

Ein System ist dann barrierefrei, wenn es für Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Einschränkungen uneingeschränkt bedienbar ist. Ein Blick hinter die SAP-Kulissen.

Ein ganz normales Meeting in einem ganz normalen Raum mit SAP-Kollegen in Walldorf. Nichts lässt erahnen, dass es sich hier vielleicht doch um einen besonderen Termin handelt – bis auf den Golden Retriever vielleicht, der sich ein gemütliches Plätzchen in der Nähe des Referenten gesucht hat. Hunde bei SAP? Zum ersten Mal keimt ein Gedanke auf, dass dieser Workshop irgendwie besonders ist – besonders interessant und aufschlussreich.

Ein Workshop der etwas anderen Art 

Der Referent, Jürgen Fleger, ist blind; der Labrador Retriever – sein Begleithund. Die Kollegen im Meetingraum sind mehrheitlich Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Das Workshop-Thema „Accessibility-Funktionen bei Mac“ ist für sie von höchster Relevanz. Sind sie doch im täglichen SAP-Umfeld immer wieder mit Situationen konfrontiert, die sie in ihrer Arbeit behindern. Angefangen bei praktischen Dingen wie dem Zugang zu bestimmten Gebäuden bis hin zur Software, die ihnen aufgrund mangelnder Accessibility-Funktionen die Arbeit erschwert.

Jürgen Fleger, der selbst als Jugendlicher erblindete, wird den Teilnehmern heute einen Einblick in  die wichtigsten Funktionen des Mac geben. Denn als einziger blinder Apple Education Mentor in Deutschland kennt er die Bedürfnisse vieler Kollegen ganz genau.

Barrierefreiheit als gesellschaftliches Thema 

Barrierefreiheit bedeutet einen umfassenden Zugang und uneingeschränkte Nutzungschancen aller gestalteten Lebensbereiche“. Dieser Auszug aus dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) schließt auch alle Informations- und Kommunikationsangebote ein. Dass das BGG in Deutschland erst 2002 in Kraft trat, zeigt wie neu das Thema noch in der europäischen Gesellschaft ist. In den USA gilt der sogenannte „Americans with Disabilites Act (ADA)“ bereits seit 1990.

Wegen dieser strengen US-amerikanischen Gesetzgebung, die die Benachteiligung jeglicher Personengruppen unterbinden soll, war es gerade für das US-Unternehmen Apple von Beginn an besonders wichtig, seine Produkte barrierefrei zu gestalten. Inzwischen sind die Accessibility-Funktionen für den Mac in 40 Sprachen verfügbar, es gibt eine eigene Accessibilty-Hotline. Insbesondere die Verbreitung von iPhone und iPad hat dazu beigetragen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen auf die für sie einfach zu bedienenden Apple-Produkte aufmerksam zu machen.

PC oder Mac – ist ein Vergleich überhaupt möglich?

Es ist schwierig zu beurteilen, welche Accessibility-Funktionen generell am wichtigsten sind, da die Bedürfnisse nach Art der Einschränkung variieren. So ist Assistive Touch für Menschen mit motorischen Störungen sehr wichtig, während für blinde Kollegen beispielsweise Voice Over unerlässlich ist. Dabei arbeiten die Kollegen mit sogenannten Screenreadern, die ihnen per Sprachausgabe den Text auf dem Bildschirm übermitteln.

Viele der Accessibility-Funktionen in Windows und Mac sind vergleichbar und wurden teilweise parallel entwickelt. Der große Unterschied laut Jürgen Fleger ist jedoch das dahinter liegende Entwicklungsideal: Bei Apple sind alle Funktionen für barrierefreies Arbeiten integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts, während Fleger zufolge Accessibility-Funktionen für den PC oft erst im Nachhinein oder durch externe Software abgedeckt wurden. Als Beispiel führt er den Screenreader an, eine integrierte Standardfunktion für jedes Apple-Gerät. Zwar verfügt Windows mit dem Windows Narrator auch über eine Vorlesefunktion, der zugehörige Screenreader JAWS (Job Access With Speech) muss jedoch als externe Softwarenachträglich vom Benutzer selbst installiert und mit Zusatzkosten lizenziert werden.

Doch woher dieser Unterschied in der Denkweise? Jürgen Fleger bemerkt verschmitzt: „Auch bei Apple ist das sicher nicht nur reines Gutmenschentum“. Er verweist unter anderem auf die US-amerikanische Gesetzgebung, die schon viel früher Barrierefreiheit forderte. Insbesondere Apple hat diese Anforderung bereits früh sehr ernst genommen, um dadurch die User Experience für alle seine Nutzer zu verbessern.

Individuelle Entscheidung

Im heutigen Unternehmensumfeld ist Windows unerlässlich, doch es gibt vielleicht Bereiche, in denen Apple stärker eingesetzt werden könnte. Letztendlich muss dies jedoch jeder für seine individuelle Situation selbst entscheiden, es gibt kein Patentrezept. So hat sich der höreingeschränkte SAP-Entwickler Ulrich Gerlach nach dem Workshop mit Jürgen Fleger beispielsweise für einen Mac entschieden: „Für mich waren insbesondere das bessere Sprachverständnis und die Möglichkeit, ohne Headset telefonieren zu können, ausschlaggebend“, erläutert er.

Für den jungen Mann, den Jürgen Fleger kürzlich in der Bedienung eines iPhones geschult hat, war auch das Apple-Produkt die bessere Wahl. Ausschlaggebend war für ihn die Steuerung des iPhones mittels dreier Taster, die er mit den Armstümpfen drückt. Denn der junge Mann hat bei einem Bombenanschlag beide Hände und beide Augen verloren.

Entscheidend ist am Ende einfach, dass Nutzer uneingeschränkt mit den Geräten arbeiten können. Fleger: „Nur wenn wir die Infrastruktur schaffen, die auch Menschen mit Einschränkungen ein problemloses Arbeiten ermöglicht, wird die Gesellschaft deren enorme Leistungsstärke erkennen.“

Tipps und Tricks für Entwickler und Autoren:

  • Jedes Foto sollte einen Alt-Text haben, damit auch Menschen mit visuellen Einschränkungen über eine Sprachausgabe das Bild wahrnehmen können.
  • Bei der Verwendung von JAVA ist zu beachten, dass diese Entwicklungssprache sehr schlecht auslesbar ist für Screenreader.
  • PDF-Formate sind schwierig zu handhaben für binde Kollegen.
  • Alle Schaltflächen sollten Beschriftungstext haben, der über den Screenreader ausgegeben werden kann.
  • Jederzeit eine Prise Humor behalten!

Weitere Informationen:

BGS – Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen
ADA – Americans with Disabilties Act
Website Jürgen Fleger