Digital Leadership Roundtable: Wo Entscheider über Digitalisierung diskutieren

Im Übergang von der Industrie- zur Netzgesellschaft regieren immer mehr Plattformen, bilden sich neue Netzwerke, arbeiten Experten zunehmend über Unternehmensgrenzen hinweg zusammen. Auf dem 2. Digital Leadership Roundtable diskutieren IT-Entscheider aus 35 Unternehmen über Wege, neue Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

„#FreEnergy“ steht auf den T-Shirts, die Klaus Lohnert auf dem 2. Digital Leadership Roundtable im AppHaus in Heidelberg ins Auditorium hält. „Was wäre, wenn die Energie nichts kosten würde und klimaneutral wäre“, fragt der aktuell bei E.ON tätige Chief Business Architect von SAP. Energie zu produzieren und zu verkaufen wird künftig immer weniger profitabel sein. Der Essener Energiekonzern E.ON wird sich ein Stück weit neu erfinden müssen. Um über digitale Ansätze das Traditionsgeschäft zu bereichern, ist vor zweieinhalb Jahren die „Innovationseinheit“ E.ON Prototype Factory entstanden. „Lange Zeit wurde die IT ausschließlich als Cost Center gesehen“, erläutert der Leiter der E.ON Prototype Factory Niklas Arndt, „bei der Digitalisierung stehen hingegen die Mehrwerte im Vordergrund, nicht die Kosten.“

Digital Leadership Roundtable: Neue Digital-Community für IT-Entscheider

Es hat sich einiges getan auf dem Weg der Industrie- in die „Netzwerkgesellschaft“, wie Guido Schlief sie nennt. „Industriegrenzen waren gestern“, meint der Senior Vice President und Head of Middle & Eastern Europe von SAP Digital Business Services, der mit dem Digital Leadership Roundtable (IT-)Entscheidern die Chance gibt, sich mit Kollegen auf Entscheiderebene und SAP zu Digitalisierungsthemen auszutauschen. Im Vordergrund des Roundtables, zu dem 35 Kunden ins AppHaus nach Heidelberg gekommen sind, steht zu verstehen, welche Herausforderungen in verschiedenen Industrien auf Entscheider zukommen und wie diese angegangen werden können. „Plattformen, Netzwerke und die Kollaboration über Unternehmensgrenzen hinweg werden immer wichtiger“, erläutert Schlief, der Management Sponsor des 2. Digital Leadership Roundtables, die aktuellen Veränderungen, die sich nicht „nur“ bei E.ON bemerkbar machen.

Volkswagen Truck and Bus: Start-ups für neue Geschäftsmodelle

So lernt etwa RIO, die Digitalmarke der Volkswagen-Truck-and-Bus-Gruppe, über eine Pitch-Night mit 70 Wettbewerbern ein Start-up kennen, das seinen Ansatz, „intelligenten Sensordaten für eine transparente Logistik“ zu nutzen, nun bereits in 100 Achsladungsträgern einsetzt. Das Sieger-Start-up des Wettbewerbs blik entstand erst vor etwa mehr als einem Jahr. CEO Bastian Burger profitiert davon, dass Konzerne Start-ups immer häufiger als wichtige Impulsgeber für neue Technologien und digitale Geschäftsmodelle sehen. Ihnen möchte es Burger besonders einfach machen: „Wir brauchen Digitalisierung as a Service“ lautet sein Motto.

W&W Informatik: Digitale Ideen fördern

Impulse von innen und außen sind für Stephan Fanenbruck bei der digitalen Transformation entscheidend. Fanenbruck ist Mitglied der Geschäftsleitung des IT-Dienstleisters W&W Informatik GmbH (WWI) der Wüstenrot & Württembergische-Gruppe, die seit Jahren digitale Ideen bei ihrer Umsetzung begleitet. Dazu gehört beispielsweise die neue Digitalmarke Adam Riese, die Ende 2017 nach nur acht Monaten Entwicklungszeit mit einer Haftpflichtversicherung startete. Das Angebot richtet sich an digital affine Kunden. Seit März 2018 werden zusätzlich Rechtsschutzversicherungen angeboten und weitere Produkte sind bereits in Arbeit. Auch das Start-up-Unternehmen treefin unterstützt die WWI. Treefin gehört seit Anfang 2017 zur W&W-Gruppe. Seit September 2017 ist das erste Produkt, der „FinanzGuide“ verfügbar. „Mit dieser Kundenschnittstelle sind wir dem Markt um zwei Jahre voraus,“ ist Fanenbruck überzeugt, „da es alle Finanz- und Vorsorgeprodukte in einer App branchenübergreifend verwaltet und dem Kunden relevante Impulse zur Optimierung gibt“. Auch im W&W-Konzern schreitet die Digitalisierung voran. So genannte Digital Citizens erklärten neue digitale Ideen und Ansätze. „Das sind nicht nur Kollegen aus der IT, sondern auch aus allen anderen Abteilungen“, sagt Fanenbruck. Auf der nächsten Stufe agiert das Digital Acceleration Center. Es bringt in der W&W-Gruppe Menschen zusammen, die eine besondere Affinität für digitale Themen mitbringen. Fanenbruck: „Die digitale Welt wird bei W&W zur Selbstverständlichkeit.“

Von SAP lernen: DNA des Unternehmens verändern

An Ideen wird es den Innovationseinheiten bei E.ON, BPW, W&W und Volkswagen auch künftig wohl eher weniger mangeln. Der nächste Schritt wird sein, die neue Herangehensweise immer mehr auch in die DNA des gesamten Unternehmens einfließen zu lassen. „Eine Transformation jagt die andere“, sagt Cawa Younosi, der in der Unternehmenskultur den Schlüssel für den Erfolg im Unternehmen sieht. Dazu gehört ein „gesunder Mix an Fördern und Fordern“, der beispielsweise bei SAP selbst dazu führte, dass im letzten Jahr gerade einmal 1,3 Prozent der Mitarbeiter das Unternehmen verlassen haben und 98 Prozent ihren Arbeitgeber weiterempfehlen würden (so Ergebnisse von Glassdoor). Im Rahmen von Fellowships können Mitarbeiter für einige Monate die Abteilung wechseln, um dort neue Erfahrungen zu sammeln. Führungskräfte können sich „im Tandem“ eine Stelle teilen. In Teilzeit kann jeder gehen, wenn er es nur drei Monate vorher ankündigt. Neben der Vertrauensarbeitszeit kann der Mitarbeiter zudem entscheiden, von wo er arbeiten möchte. (Younosi hat kein Verständnis für Skeptiker: „Es heißt ja mobil arbeiten und nicht mobil freizeiten.“) Die Kampagne SAP DOCH! soll gerade jene unterstützen, deren Ideen im ersten Anlauf abgeschmettert werden. „Nicht die drei, vier Prozent Risiken sehen, sondern die Chancen“, fordert Younosi, der selbst in seinem Personalbereich das Scheitern pragmatisch sieht: „Wenn etwas nicht klappt, machen wir es halt wieder rückgängig.“

Fraunhofer IZM: Standards in der Fertigung noch vonnöten

Wie schwer Veränderung allerdings zeitweise sein kann, zeigt ein Blick in die Forschung. So zeigt „Geschäftsfeldentwickler“ Ulf Oestermann aus dem Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (Fraunhofer IZM), woran es aktuell in der Fertigung in Hinsicht auf Industrie 4.0 noch am meisten hakt – an fehlenden Standards. Längst sind die Potenziale erforscht: Prozesse lernen zunehmend durch Mustererkennung, optimieren sich automatisch und organisieren sich selbst. Maschinen sagen voraus, wann sie repariert werden müssen, erkennen Beschädigungen durch Datenmuster, geben Feedback an die Gesamtsteuerung. Zudem wird Bedienung der Anlagen durch moderne Interfaces immer User-freundlicher. Doch bei der Entwicklung einheitlicher Protokolle und Schnittstellen hakt es noch. Ganz zu schweigen von einem systemübergreifenden „Multi-Sockel-Übersetzer“, der alle Sensoren und Schnittstellen anspricht. „Jeder kocht sein eigenes Süppchen“, lautet das Resümee von Oestermann.

BPW: Mehr Wendigkeit durch das BPW Innovation Lab

Umso mehr braucht es in den Unternehmen agile und flexible Lösungen und eine pragmatische Herangehensweise nach dem Vorbild von E.ON, W&W oder Volkswagen. Auch Alexander Lutze weiß, dass heute Wendigkeit gefragt ist. Ein Logistikmanager erläuterte dem Mitgründer des BPW Innovation Labs von Achsenhersteller BPW Bergische Achsen kürzlich auf einer Veranstaltung, dass „heute ein guter Tag“ gewesen sei, denn er habe keinen Anruf bekommen. „Performance-Feedback aus der Logistikkette kommt nur dann, wenn die Hütte brennt“, resümiert Lutze, der das allerdings als schlechtes Zeichen interpretiert, denn „es gab bisher keine Transparenz in der Lieferkette“. Deshalb entsteht im BPW Innovation Lab derzeit das „Internet of Transport“, dessen Ziel darin besteht, Lieferungen zu jedem Zeitpunkt transparent zu machen, ein Ansatz, von dem alle prozessbeteiligten Akteure vom Versender über den Transporteur bis zum Empfänger profitieren sollen. Der Logistikexperte braucht also künftig nicht mehr einen Tag lang den Atem anhalten und hoffen, dass sein Smartphone nicht klingelt.

E.ON Prototype Factory: Immer schneller Prototypen auf den Weg bringen

Und auch bei E.ON hat sich inzwischen einiges getan: Bevor heute ein Projekt im Konzern startet, gibt es viele Vorläufer, an denen Mitarbeiter aus den Fachbereichen mit beteiligt waren. Nur Ideen, die den größten Mehrwert versprechen, setzen sich durch. „Unsere Prototypen entstehen immer schneller“, sagt E.ON-Experte Arndt, der auf der exponentiellen Lernkurve seines Vorgehensmodells von der Ideenfindung bis zur Prototypenentwicklung inzwischen weit vorangeschritten ist.

Weitere Informationen:

Der 3. Digital Leadership Roundtable wird am 20. November 2018 ab 17 Uhr im AppHaus in Heidelberg stattfinden.