Erfolgreich durch Artenschutz

Eine einfache Idee wurde einem übergeordnetem Ziel untergeordnet, dem Artenschutz. Das hilft nicht nur den Tieren, sondern auch dem eigenen Unternehmen.

Als eine Gruppe von Informatik-Professoren der südafrikanischen Universität von Pretoria 1982 den international tätigen Systemintegrator EPI-USE gründete, wollten die Kollegen eigentlich nur etwas Geld in die Kassen ihres Fachbereichs bringen, indem sie IT-Services anboten. Dieses Ziel haben sie bei Weitem übertroffen: Heute beschäftigt das Unternehmen laut EPI-USE-Associate-Partner David Allen 2.000 Mitarbeiter in 29 Ländern und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 245 US-Dollar (2018).

Doch die Unternehmensleitung wollte mehr. Ihr Ziel war es, die magische Marke von einer Milliarden US-Dollar zu knacken. Dazu wurde eine neuartige Strategie entwickelt und das Geschäftsmodell geändert: Im Fokus stand ab sofort der Schutz der rasch schwindenden Elefanten- und Nashornpopulation in Afrika. Anders gesagt, es wurde ein höheres Ziel in den Mittelpunkt gestellt, das als starker Motivator funktionierte, um so den Gewinn zu steigern.

„Die Zahl der wild lebenden Elefanten in Afrika ist in den letzten 100 Jahren von vielen Millionen auf unter eine halbe Million gefallen. Von Südafrikas Nashörnern, einer der letzten lebensfähigen Wildpopulationen weltweit, sind nur noch wenige tausend Tiere übrig“, erklärt Allen. „Der Gedanke, dass in wenigen Jahren das letzte Exemplar verschwunden sein könnte, hat uns sehr stark motiviert, etwas zu tun.“

Viele Menschen würden sich vielleicht einfach mit dem Artensterben abfinden oder versuchen, die damit verbundenen negativen Gefühle wie Traurigkeit und Ohnmacht durch eine Geldspende zu vertreiben. Die Führungsriege von EPI-USE reagierte ganz anders: Sie nahm das Problem als persönliche Herausforderung an.

In Gesamtafrika werden jede Stunde vier Elefanten durch Wilderer getötet, in Südafrika sterben täglich fünf Nashörner durch Menschenhand. Die Unternehmensführung wollte verhindern, dass das mit ihren Tieren auf ihrem Kontinent geschah. Sie wusste, dass sie durch ihr aktives Engagement ihr Profil schärfen, ihre Mitarbeiter motivieren und ihre Kunden inspirieren konnte – und sie wusste, dass sie mit ihrem Fachwissen und ihren Ressourcen eine greifbare und bedeutende Veränderung herbeiführen konnte.

Artenschutz in den Mittelpunkt

EPI-USE hatte verstanden, was nach und nach immer mehr Unternehmen erkennen: Kunden machen sich zunehmend Gedanken über die negativen Auswirkungen, die traditionelle Geschäftsmethoden für Mensch und Natur mit sich bringen. Vielen Menschen ist es darüber hinaus wichtig, bei einem Unternehmen zu arbeiten, das wirklich etwas in der Welt bewegt. Gleichzeitig ermöglichen neue Technologien effiziente – und profitable – Methoden, Ressourcen zu schonen und nachhaltigere Geschäftsmodelle zu entwickeln. Es geht also nicht mehr nur darum, sich ein übergeordnetes Ziel nur aus PR-Gründen auf die Fahnen zu schreiben. Im Gegenteil, umweltbewusstes Handeln wird als Wachstumsfaktor verstanden und gezielt in die Geschäftsaktivitäten eingebettet.

Daher gründete das Unternehmen eine Dachorganisation mit dem Namen Group Elephant und nahm unter diesem Dach eine Dreiteilung vor: Der erste Bereich arbeitet gewinnorientiert und umfasst elf Unternehmen aus den Bereichen Entwicklung, Tests und Services für ERP-Software (Enterprise Resource Planning).

Der zweite Bereich trägt ebenfalls den Namen ERP. Hier stehen die drei Buchstaben allerdings für „Elephants, Rhinos & People“, also Elefanten, Nashörner und Menschen. Diese Nonprofit-Organisation unterstützt Initiativen auf den Gebieten Artenschutz und Armutsbekämpfung. Eine davon ist beispielsweise die von Allen entwickelte App ERP Air Force. Sie nutzt die bestehenden Unternehmenssysteme einschließlich Drohnen und Sendern für die Satellitenverfolgung, um in Echtzeit zu überwachen, wo sich Elefanten und Nashörner gerade befinden und ob es ihnen gut geht. Ein anderes Projekt hat das Ziel, Land, das während des Apartheid-Regimes privatisiert wurde, an die ehemaligen Eigentümer zurückzugeben. Diese Gemeinden werden dann dabei unterstützt, Reservate für nachhaltigen Ökotourismus aufzubauen, in denen Elefanten und Nashörner geschützt leben und die gleichzeitig zahlungskräftige Touristen anlocken können.

Der dritte Bereich ist eine private Investmentgesellschaft, die monetäre Hilfen für ähnliche gemeinnützige Initiativen bereitstellt, bis diese finanziell auf eigenen Beinen stehen können. Außerdem unterstützt sie Gemeinden beim Aufbau von Ökotourismus-Reservaten im Hinblick auf Ressourcenverwaltung und Entwicklung.

Gutes tun und wachsen

Die gewinnorientierten Unternehmen der Group Elephant unterstützen die Nonprofit-Unternehmen mit einem Prozent ihres weltweiten Umsatzes sowie durch kostenlosen Infrastruktur-Support. Darüber hinaus können Mitarbeiter eine selbst gewählte Anzahl von Freiwilligenarbeitsstunden im Rahmen dieser Nonprofit-Projekte leisten oder neue Projektideen im Nonprofit-Bereich einbringen. Ebenso können sie aus einer Idee, die auf der Nonprofit-Seite entstanden ist, ein gewinnbringendes Produkt oder Serviceangebot entwickeln, so wie es Allen getan hat.

„Mein ursprünglicher Gedanke war: Wenn eine unserer Lösungen von einem riesigen Mineralölkonzern genutzt wird, warum sollte dann nicht auch ein innovatives Artenschutzprojekt von ihr profitieren?“ erzählt er. „Dann wurde mir Folgendes klar: Wenn wir mit unserer Lösung Elefanten überwachen, dann können wir damit genauso gut auch andere wertvolle Tiere an anderen Orten beobachten, etwa in Rennställen, auf Rinderfarmen und in anderen Tierzuchtbetrieben. Also führen wir die Lösung in diesen Bereichen ein und schaffen so einen völlig neuen, gewinnbringenden Markt.“

Dabei verliert das Unternehmen sein übergeordnetes Ziel nie aus den Augen: Immer wieder werden alle Mitarbeiter vom Manager bis zum Praktikanten daran erinnert, dass sie durch ihre tägliche Arbeit Umsätze generieren, die dem ERP-Projekt zugutekommen. Dieser Gedanke motiviert alle – nicht nur die Mitarbeiter. Auch viele Kunden möchten mithilfe von Group Elephant eigene Artenschutz-Initiativen starten und vorantreiben.

„Am besten kann man als Unternehmen wachsen, wenn andere sich finanziell daran beteiligen wollen. Und das erreicht man insbesondere dann, wenn man diesen Menschen nicht nur finanzielle Erfolge in Aussicht stellt“, erklärt Allen. „Unsere Initiativen wollen bedrohte Tierarten erhalten und wirtschaftliche Alternativen für die Menschen in der Region schaffen, damit sie ihr Geld nicht als Wilderer verdienen müssen. Es fasziniert unsere Kunden, wie wir das durch den kreativen Einsatz neuer Technologien erreichen. So öffnet unser Engagement neue Märkte und lässt neue Angebote für unsere Kunden entstehen. Gleichzeitig verbessern sich unsere Mitarbeiterbindung und Verkaufszahlen, da unsere Mitarbeiter von der Überzeugung angetrieben werden, etwas Sinnvolles zu tun.“

Allein im Jahr 2017 hat Group Elephant laut Allen 7.500 Stunden in die Überwachung von Elefanten investiert. 130 Elefanten und 30 Nashörner wurden von Regionen, in denen sie vom Menschen bedroht waren, in Reservate und andere sichere Gebiete umgesiedelt. Einigen Tieren wurden Halsbänder angelegt, die eine lückenlose Überwachung ermöglichen. Außerdem hat Group Elephant die Operationskosten für mehrere Nashörner übernommen, die bei Angriffen durch Wilderer verletzt worden waren. Gleichzeitig hat das Unternehmen laut Allen dabei geholfen, fast 7.000 Hektar wenig ertragreiche Gemeindefläche auf lukrative Ökotourismus-Nutzung umzustellen. Dazu mietet Group Elephant von der Gemeinde Land an und erbaut und betreibt darauf mithilfe der Einheimischen Ecolodge-Hotels. Diese bieten Unterkunft und Serviceleistungen für Touristen an, die beobachten wollen, wie die wilden Tiere in Freiheit und Sicherheit leben.

Am Wendepunkt

Schon immer gab es kleine Unternehmen, die eine Überzeugung, eine bestimmte Politik oder ein anderes übergeordnetes Ziel verfolgten. Meist waren deren Kunden jedoch bereit, um der guten Sache willen höhere Preise für weniger attraktive oder funktionale Produkte zu bezahlen. Es schien unmöglich, ein höheres Ziel zu verfolgen und gleichzeitig einen vernünftigen Umsatz zu erzielen, ohne dass Käufer bereit waren, Opfer zu bringen. In letzter Zeit jedoch hat sich dieses Bild durch verschiedene Trends gewandelt.

In den 1970er Jahren begannen Regierungen, vermehrt Vorschriften für Umwelt- und Verbraucherschutz zu erlassen. Dies führte dazu, dass immer mehr Einzelpersonen und Gruppen diese Vorschriften nutzen wollten, um eine gute Sache zu unterstützen. So kam es in den 1980er Jahren zu einer großen Anzahl von Gerichtsverfahren, in denen es um eine Fülle von Themen ging, von Arzneimitteln bis hin zu Konsumgütern.

Unternehmen begannen zu verstehen, dass sie vermehrt darauf achten mussten, welche Auswirkungen ihr Geschäft auf die Menschen und unseren Planeten hat. Zunächst geschah dies in kleinen Schritten. In den 1990er Jahren entstanden immer mehr Programme für Corporate Social Responsibility (CSR). Die meisten davon zeichneten sich durch niedrige Kosten und viel PR aus, etwa Hilfen für örtliche Schulen oder das Organisieren unternehmensweiter Aktionstage für Freiwilligenarbeit. Mit der Unternehmensstrategie hatten diese Aktivitäten meist nur wenig zu tun.

Aber selbst diese kleinen Bemühungen, die von den meisten Führungskräften als reines Marketing gesehen wurden, brachten den Unternehmen Vorteile. Kunden und Mitarbeiter begannen, wahrzunehmen und zu unterscheiden, welche Unternehmen einfach nur gut liefen und welche wirklich Gutes bewirkten. Und sie begannen, loyaler zu Unternehmen zu sein, die ernsthaft Gutes tun wollten und nicht nur darüber redeten.

Heute wählen immer mehr Unternehmen ihre Ziele auch nach Nachhaltigkeitskriterien aus. So haben sich etwa 100 Unternehmen auf der ganzen Welt wissenschaftlich fundierte Ziele gesetzt, um ihre Unternehmensstrategie am Pariser Klimaschutzabkommen auszurichten.

Das heißt nicht, dass Unternehmen ohne ein übergeordnetes Ziel nicht erfolgreich sein können. Dies ist zwar auch möglich, aber es hat sich gezeigt, dass ein solches Ziel Unternehmen bessere Wachstumschancen und einen höheren Bekanntheitsgrad einbringt.

Das Marktforschungsunternehmen Nielsen bestätigt in seinem neuesten Global Corporate Sustainability Report, dass das Thema Nachhaltigkeit die Kaufentscheidungen der Verbraucher maßgeblich beeinflusst. Zum einen ermittelte Nielsen, dass diejenigen Marken, die sich zu Nachhaltigkeit bekennen, jährlich 3 Prozent mehr Wachstum verzeichnen konnten als andere.

Außerdem erschließen sich durch ein übergeordnetes Unternehmensziel oft neue Wachstumsmodelle, die Mehrwert schaffen. So kann eine Firma etwa neuartige Produkte entwickeln, die gleichzeitig nachhaltiger sind. Nike beispielsweise hat den neuen Schuh Flyknit auf den Markt gebracht, der nicht nur Athleten bei den Olympischen Spielen zum Medaillenerfolg trägt, sondern bei dessen Herstellung auch 60 Prozent weniger Abfall erzeugt werden.

Ebenso können Unternehmen Kosten einsparen, indem sie ihre Partner dazu auffordern, bei Herstellung, Verpackung und Transport auf weniger ressourcenintensive Verfahren umzustellen. Jahrzehntelange Forschungen haben ergeben, dass motivierte Mitarbeiter produktiver und zufriedener mit ihrer Arbeit sind und länger im gleichen Job bleiben. Ein übergeordnetes Unternehmensziel kann ein weiterer Motivator für die Mitarbeiter sein. So geben besonders Arbeitnehmer der Generation der Millennials oder der Generation Z an, dass für sie das Gehalt weniger wichtig ist als eine sinnstiftende Tätigkeit.

Das Wichtigste, was Unternehmen laut HBR tun können, um diese jüngeren Arbeitnehmer im Unternehmen zu halten, ist es, „eine wirklich überzeugende Vision davon zu entwickeln, welchen gesellschaftlichen Beitrag ihr Unternehmen oder Team leistet.“ Diese Aussage trifft genauso auch auf alle anderen Altersgruppen zu. Die Initiative Future of Leadership hat herausgefunden, dass Unternehmen, deren Mitarbeiter ihre Arbeit als sinnvoll wahrnehmen, um 21 Prozent mehr Umsatz erwirtschaften.

Und schließlich beginnen immer mehr Investoren, sich für das Potential von Unternehmen zu interessieren, deren Ziel ein langfristig gesunder Markt ist. Allein in den USA wurde 2016 Kapital in Höhe von 8,72 Billionen US-Dollar  in sozial verantwortliche Projekte investiert, 33 Prozent mehr als noch 2014. Diese Angaben stammen vom Forum für nachhaltige und verantwortliche Investitionen (Forum for Sustainable and Responsible Investment, US SIF), das alle zwei Jahre die aktuellen Entwicklungen im Bereich sozial verantwortlicher Investitionen untersucht. Weltweit stiegen die Investitionen in nachhaltige Projekte innerhalb von zwei Jahren um 25 Prozent auf 22,89 Billionen US-Dollar.

Dabei stellen Investoren positive Renditen sicher, indem sie ihren Einfluss auf die Führungsebene geltend machen. Im März 2018 fand ein Forschungsprojekt der Kellogg School of Management der Northwestern University heraus, dass Unternehmen, die ihre Vorstandsgehälter mit CSR-Zielen verknüpften, um 3 Prozent an Wert gewannen.

Einen weiteren Beweis dafür, dass die Akzeptanz von sozial verantwortlichen Investitionen immer mehr steigt, liefert das Beispiel von Larry Fink, CEO des betont konservativen Asset-Management-Unternehmens BlackRock. Fink schickte Ende 2017 einen Brief an die Aktionäre von BlackRock, in dem er sie informierte, dass das Sechs-Billionen-US-Dollar-Unternehmen bei seinen Investitionsentscheidungen von nun an berücksichtigen werde, inwieweit die einzelnen Firmen ihre längerfristigen Wachstumspläne an deren gesellschaftlichen Auswirkungen ausrichteten.

Vor nur zehn Jahren hätte niemand gedacht, dass die Führung einer traditionellen Investmentgesellschaft die Vorstände von Firmen dazu auffordern würde, ihr Profitstreben mit einem höheren Ziel zu verknüpfen. Aber Unternehmen können die Märkte nicht adäquat bedienen, wenn die Konsumenten in diesen Märkten Risiken ausgesetzt sind. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres warnte im März 2018 davor, dass „die Wissenschaft befürchtet, dass wir die Pariser Klimaziele [die Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C zu begrenzen] niemals erreichen werden, wenn wir nicht bis 2020 unsere Maßnahmen verstärken.“ Gleichzeitig prognostiziert das Büro der Vereinten Nationen zur Koordinierung der humanitären Hilfe, dass im Jahr 2018 weltweit 131 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe und Schutz angewiesen sein werden. Grund hierfür seien vor allem Konflikte und Naturkatastrophen. Jedoch könnten lediglich 95 Millionen Menschen Unterstützung erhalten. Es war also noch nie so wichtig wie heute, sich die Probleme der Menschheit bewusst zu machen und sich neben den eigenen Interessen für deren Lösung einzusetzen.

Schritt für Schritt zum Ziel

Es ist schwierig, genau zu definieren, wann ein Unternehmen ein übergeordnetes Ziel verfolgt, denn derzeit gibt es keine zentralisierte oder konsistente firmen- oder branchenübergreifende Bewegung für gemeinsame, übergeordnete Ziele. Ein Schritt in diese Richtung könnten die von der UN definierten 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung sein, die eine Transformation der Welt zum Besseren erreichen wollen. Die UN hat diese Ziele so gewählt, dass sie eine Reihe wichtiger Kennzahlen (KPIs) enthalten, etwa „in den am wenigsten entwickelten Ländern bis 2020 einen allgemeinen und erschwinglichen Zugang zum Internet bereit[zu]stellen“ und „bis 2030 die landwirtschaftliche Produktivität und die Einkommen von kleinen Nahrungsmittelproduzenten [zu] verdoppeln.“

Zwar involvierte die UN bei der Entwicklung dieser Nachhaltigkeitsziele Regierungen und Unternehmen auf strategischer Ebene, die konkreten Ziele richten sich jedoch eher an die Regierungen. Es werden jedoch bedeutende Anstrengungen unternommen, die Ziele in einem detaillierteren Rahmenwerk genauer zu beschreiben, damit auch die Fortschritte von Unternehmen bei ihrer Umsetzung gemessen und bewertet werden können. Schon heute unterstützen Tausende von Unternehmen weltweit diese Bemühungen.

Bis jedoch ein weltweit gültiger Standard etabliert sein wird, müssen wir weiter nach anderen Anhaltspunkten suchen, anhand derer sich die Fortschritte auf dem Weg zu diesem Ziel erkennen lassen. Ein wichtiger Gradmesser ist der Einsatz von Technologien, die den gesamten Produktlebenszyklus transparent machen. Mit digitalen Werkzeugen, die für mehr Transparenz in der Wertschöpfungskette sorgen, lassen sich interne Vorgänge und Lieferantenprozesse einfacher nachverfolgen. So können Unternehmen gegenüber ihren Stakeholdern nachweisen, woher die Bestandteile einzelner Produkte kommen und wer sie herstellt und verarbeitet. Und sie können darlegen, dass Produkte etwa ohne Zusatzstoffe hergestellt, die Mitarbeiter an den verschiedenen Stellen der Lieferkette fair bezahlt oder Materialien nachhaltig beschafft werden.

Walmart beispielsweise bestimmt anhand der Lieferantenbewertung die Nachhaltigkeit von Tausenden Artikeln, die in seinen Läden in den USA verkauft werden. Die Ergebnisse dieser Bewertungen macht das Unternehmen für seine Kunden transparent, damit diese sich nicht zwischen günstigen Preisen und Nachhaltigkeit entscheiden müssen.

Außerdem berücksichtigt die Einzelhandelskette bei ihren jährlichen Einkäufer-Beurteilungen, ob diese bestimmte Nachhaltigkeitsziele erreichen konnten. Walmart ermutigt seine Anbieter, bestimmte Benchmarks zu erreichen, die die Nachhaltigkeit ihrer Produkte und Prozesse verbessern. Darüber hinaus hat der Einzelhändler ein ambitioniertes Programm für Lieferanten gestartet, das deren Fortschritte bei der Reduzierung von Treibhausgasen messen und veröffentlichen soll.

Walmart bedient sich dabei einer Sprache, die wohl ein Finanzchef eher versteht als ein Umweltschützer. Retail Dive analysierte fünf von Walmarts Global Responsibility-Berichten (insgesamt 780 Seiten) und fand heraus, die der Begriff Geschäft (business) darin 881 Mal vorkam. Ausdrücke wie Klimawandel (climate change) und Erderwärmung (global warming) wiesen jedoch nur eine Häufigkeit im niedrigen ein-oder zweistelligen Bereich auf.

Dieses Ergebnis entspricht der allgemeinen Tendenz hin zu integrierten Berichten, in denen die Wertschöpfung eines Unternehmens sowohl anhand finanzieller als auch nicht finanzieller Kennzahlen dargestellt wird. Ebenso reflektiert es den Trend hin zu zertifizierten B Corporations, denen es in ihren Statuten neben treuhänderischer Verantwortung auch um ein übergeordnetes Ziel geht. Für diese Unternehmen gehört es zu ihren täglichen Aufgaben, durch ihr unternehmerisches Handeln Gutes zu bewirken.

Ein weiterer Indikator für ein übergeordnetes Ziel ist die Entwicklung hin zu nachhaltigem Produktdesign nach dem Kreislaufprinzip: Durch die Entwicklung leicht erneuer-, verbesser- und wiederverwertbarer Produkte können Abfallmengen und Verschmutzung reduziert werden. Der Autobauer Renault etwa ist dabei, das Design seiner Fahrzeuge so umzustellen, dass sie sich leichter in ihre Einzelteile zerlegen lassen. So entsteht ein gut gehender Markt für zertifizierte wiederaufbereitete oder gebrauchte Renault-Teile, während recyclingfähige Materialien wie Kupfer, Aluminium und Textilien nicht auf der Deponie landen. (Weitere Informationen zur Kreislaufwirtschaft bietet “Circular Economy: Reshaping the Industrial Ecosystem”.)

Auf ähnliche Weise hat der Konsumgütergigant Procter & Gamble eine Initiative zum Recycling von Windeln gestartet. Das Unternehmen reinigt gebrauchte Windeln und trennt ihre Bestandteile nach Zellstoff, Mischkunststoffen sowie saugfähigem Material. Diese Stoffe können dann in anderen Produkten wiederverwendet werden. Die globale Modekette H&M, die bereits in 26 Prozent ihrer Kleidungsstücke wiederverwertete oder andere nachhaltig erzeugte Materialien aller Art verwendet, möchte diesen Anteil bis 2030 auf 100 Prozent steigern und gleichzeitig einen geschlossen Kreislauf schaffen, indem sie aus allen nicht verkauften Artikeln neue Produkten herstellt.

Digital und auf ein höheres Ziel ausgerichtet

Kunden, Mitarbeiter und Investoren wollen, dass Unternehmen Gewinne erwirtschaften und sich einem höheren Ziel verschreiben.
Möglich wird das durch den digitalen Wandel.

Die Digitalisierung hilft Unternehmen, ihre Ausgaben zu senken, und schafft neue Möglichkeiten für verantwortungsbewusstes Handeln. Wirtschaftlicher Erfolg und das Verfolgen eines höheren Ziels sind so kein Widerspruch mehr. Hier einige Beispiele:

  • Durch Digitalisierung können Unternehmen Daten sammeln und darlegen, unter anderem nicht finanzielle Daten, die ihr gesellschaftliches Engagement und ihre Umweltauswirkungen darstellen. So können sie ihren Kunden und Investoren zeigen, wie sie arbeiten, um positive Veränderungen zu erreichen.
  • Anhand der Daten werden darüber hinaus ihre Fortschritte auf dem Weg zur Erreichung übergeordneter Ziele erkennbar.
  • Dank Digitalisierung können Unternehmen effektiver arbeiten – und so bessere Ergebnisse erzielen und gleichzeitig ihre Abfallmengen reduzieren.
  • Mit Sensoren, Analyse- und anderen IoT-Werkzeugen können sie ihre Wertschöpfungsketten kostengünstig dahingehend überprüfen, ob sie ihrem übergeordneten Ziel entsprechen. Außerdem helfen ihnen diese neuen Technologien, mit Menschen und Geräten zu kommunizieren und sich so dynamisch an schnell veränderliche Umweltbedingungen anzupassen.
  • Durch die Digitalisierung können Unternehmen auch abgelegene Märkte erschließen, die sie auf analogem Weg aus Kostengründen nicht erreichen könnten, und so Millionen neuer potentieller Kunden erschließen.
    Die indische Adarsh Credit Cooperative Society entwickelte beispielsweise eine Mobile-Banking-App für gewöhnliche Flip-Telefone. Mit ihr können Menschen, die weit von einer Bankfiliale entfernt wohnen, dennoch Geld abheben und Kreditraten bezahlen, Spareinlagen einzahlen und bargeldlose Transaktionen tätigen. Eine Million Menschen, die zuvor keinen Zugang zu einer Bank hatten, können so kleine Unternehmen aufbauen, Waren kaufen und verkaufen und sich so aus der Armut befreien.

Ann Rosenberg ist Senior Vice President und Global Head of SAP Next-Gen bei der SAP.
James Sullivan leitet den Global Sustainability Innovation Accelerator bei der SAP.
Fawn Fitter ist freier Journalist und spezialisiert auf Wirtschafts- und Technologiethemen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Digitalist Magazine, Executive Quarterly.