Ungleich besser: Neurodiversity bei SAP

Michael Müller* blickt konzentriert auf den Bildschirm, während die Zahlenkolonnen vor ihm Zeile um Zeile wachsen. Allzu lange über die Schulter schauen lässt er sich dabei aber nicht.

Müller programmiert bei SAP-Software für Internet-of-Things-Anwendungen. Das ist zum einen vertraulich – und zum anderen ist ihm die Nähe zu anderen Menschen gelegentlich unangenehm. Bei der Arbeit ist der Informatiker detailverliebt, supergenau und hoch spezialisiert. „Ich kann Codes vor meinem inneren Auge bildlich sehen“, sagt er. Im Umgang mit seinen Kollegen kann er bisweilen nicht aus seiner Haut.

Müller ist einer von 147 autistischen Mitarbeitern bei SAP. Menschen wie er sind oft sehr gut darin, Daten zu analysieren und komplexe Muster zu erkennen. Auf der anderen Seite haben sie Schwierigkeiten bei der Teamarbeit, können die Emotionen anderer schlechter deuten.

SAP fördert sie deshalb seit 2013 in einem speziellen Programm und schafft eine Arbeitsumgebung, in der Autisten ihre Talente voll entfalten können. Den Erfolg zeigt unter anderem die hohe Mitarbeiterbindungsrate von mehr als 90 Prozent.

Diversity ist die Mischung, Inklusion ihr Management

SAP ist Vorreiter in Sachen Diversity. Die Verantwortlichen sind überzeugt davon, dass es ein Gewinn für das Unternehmen ist, wenn unterschiedliche Mitarbeiter völlig unterschiedliche Fähigkeiten und Ideen einbringen. Viele Studien belegen, dass bunt gemischte Teams kreativer und innovativer arbeiten als homogene Gruppen. Sie kommen zu außergewöhnlicheren Ergebnissen, nicht obwohl, sondern weil sie so unterschiedlich sind und mitunter Konflikte austragen. „Gerade das, was den Status quo stört, macht uns innovativ“, sagt Sue Sutton, Reputation Management, SAP Global Diversity & Inclusion Organization.

Eine Belegschaft aufzubauen, die aus Männern und Frauen, verschiedenen Nationalitäten und Religionen, Jungen und Erfahrenen sowie Menschen mit und ohne Behinderung besteht, ist dabei nur der Anfang. Diversity bestimmt die Mischung. Inklusion ist die Managementaufgabe, das Beste aus dieser Mischung herauszuholen. Was durchaus schwierig ist. Denn auch für Führungskräfte ist es einfacher, mit Menschen zu arbeiten, die genauso ticken wie sie selbst. Oft treffen sie deshalb Entscheidungen unter dem Einfluss von Vorurteilen. Diesen Effekt haben Wirtschaftswissenschaftler etwa bei den fünf größten Orchestern der USA beobachtet. Bis in die 1970er-Jahre spielten dort weniger als fünf Prozent Frauen mit. Inzwischen liegt ihr Anteil bei rund 30 Prozent. Der Grund: Die Orchester führten Blind Auditions ein, bei denen die Kandidaten hinter einem Vorhang vorspielen. Anstatt Alter, Geschlecht und Aussehen unbewusst mit in die Bewertung einfließen zu lassen, urteilen die Verantwortlichen seitdem nur aufgrund der hörbaren musikalischen Leistung.

Führen ohne Vorurteile

Business Beyond Bias, Führen ohne Vorurteile, nennt SAP die Initiative, für die das Unternehmen die Cloud-basierte Software SAP SuccessFactors weiterentwickelt hat. Darin können Unternehmen sämtliche Personalprozesse abbilden, von der Bewerbung über Weiterentwicklung und Mentoring bis hin zu Bonifizierung und Beförderung. Ein Scoring-System hilft bei Einstellungen, Kandidaten anhand ihrer Performance in jobrelevanten Kriterien zu bewerten. In weiteren Tools lassen sich die Leistung von Mitarbeitern abbilden, objektive Ziele definieren oder Weiterbildungen planen.

Dreh- und Angelpunkt aller Anwendungen in SAP SuccessFactors sind die in der Cloud verfügbaren Daten, mit denen künftig noch sehr viel mehr denkbar ist. Schon in fünf Jahren könnten sich mehr als ein Drittel der Fähigkeiten, die heute als wichtig erachtet werden, grundlegend wandeln, prognostiziert der „Future of Jobs Report“ des Weltwirtschaftsforums. Wer Innovationen vorantreiben möchte, brauche dann vor allem Mitarbeiter, die anders denken und in der Lage sind, kollaborativ komplexe Probleme zu lösen. Auch hier kann intelligente Prozesstechnik helfen und, basierend auf maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz, Vorschläge für die Personalarbeit machen. Etwa vorhersagen, welche Aufgabe ein Mitarbeiter besonders effizient oder ineffizient erledigt – oder eben, welche Teamzusammensetzung die genau richtige Balance aus Diversity und Kontroverse erzeugt.

*Name von der Redaktion geändert

Dieser Beitrag erschien zuerst im ada Magazin, Erstausgabe Oktober 2018.

Weitere Informationen:

Wir laden alle IT-begeisterten Menschen im Autismus-Spektrum zum diesjährigen SAP Autism at Work Infotag für Bewerber am 19.11.2018 nach Sinsheim ein.