Das Internet – ein Experiment seit 1983

Ein Leben ohne Internet? Kaum vorstellbar. Doch wie ist das World Wide Web entstanden? Das Laureate Forum und SAP Knowledge and Education, geleitet von Bernd Welz, brachten kürzlich Vinton Cerf, Chief Internet Evangelist bei Google und einer der Väter des Internets, in die Walldorfer SAP-Zentrale, wo er über seine Erfindung, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft sprach. 

Alles begann 1969, als die zum US-Verteidigungsministerium gehörende Forschungsbehörde ARPA (Advanced Research Projects Agency) vier Computernetzwerkknoten (an der University of California in Los Angeles (U.C.L.A.), am Stanford Research Institute im kalifornischen Menlo Park, an der UC Santa Barbara und an der University of Utah) miteinander verband und damit das ARPANET schuf.

Vom Arpanet zum Internet

Vier Jahre später, 1973, begannen Vinton Cerf und sein Kollege Bob Kahn, nach Möglichkeiten zu suchen, das auf Paketvermittlung basierende ARPANET mit den Funk- und Satellitennetzen zu verbinden. Bei ihren Experimenten verwendeten sie das von ihnen gemeinsam entwickelte TCP/IP-Protokoll. 1977 gelang ihnen der Durchbruch. Vinton Cerf erinnert sich gut daran, wie er im Büro herumsprang und rief: „Es funktioniert!“

Den SAP-Mitarbeitern in der Walldorfer Kantine sagte er: „Es ist ein Wunder, wenn Software funktioniert. Wir glauben nicht nur an Wunder, sondern sind auch auf sie angewiesen.“

Der Vorläufer des Internets war geboren. Doch es sollte noch bis zum 1. Januar 1983 dauern, bis verschiedene Unternehmen in der Lage sein würden, miteinander zu interagieren. Das war der Tag, an dem TCP/IP als universelles Protokoll und Rückgrat des Internets eingeführt wurde und den Boden für die Kommerzialisierung des Internets in den 1990er-Jahren ebnete.

Fünf zentrale Beobachtungen zur Digitalisierung

In seinem Vortrag bei der SAP sprach Vinton Cerf von „unvollendeten Aufgaben“ im Zusammenhang mit den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft von heute. Seine wichtigsten Botschaften lauten:

Zu wenige Menschen haben Zugang zum Internet.

Heute hat die Hälfte der Weltbevölkerung Zugang zum Internet, aber laut Vinton Cerf ist das noch immer nicht genug. Das Internet entstand aus dem Gedanken heraus, Informationen miteinander teilen zu können. Deshalb muss es für alle Menschen erschwinglich und nachhaltig sein – überall auf der Welt.

Wer nicht täglich etwas Neues lernt, wird abgehängt.

Die Technologie entwickelt sich in rasantem Tempo – und mit ihr unsere Arbeitsweise. Wer nicht täglich etwas Neues lernt, wird abgehängt. Stellen Sie sich vor, heute geboren zu werden und hundert Jahre zu leben, von denen Sie mindestens 70 Jahre arbeiten. Das sind sieben Jahrzehnte, in denen neue Technologien entstehen und bestehende weiterentwickelt werden. Lebenslanges Lernen ist heute keine Option mehr, sondern eine unverzichtbare Überlebensstrategie.

Wir sind dafür verantwortlich, Benutzer vor dem, was sie nicht wissen, zu schützen.

Laut Vinton Cerf haben wir unsere Fähigkeit, Software zu entwickeln, in den letzten 70 Jahren nicht verbessert. Es gibt Bugs, die echte Probleme bereiten können, und als Softwareexperten sind wir bei SAP dafür verantwortlich, die Benutzer vor dem zu schützen, was sie nicht wissen.

Für Kunden und Endbenutzer haben heute besonders Datenschutz, Zuverlässigkeit und Sicherheit Priorität. Es dürfen also keine Informationen Systeme verlassen, ohne ein genehmigtes System mit strenger Authentifizierung zu passieren. Oder nehmen wir die künstliche Intelligenz (KI). Sie ist ein sehr leistungsfähiges Instrument, weshalb wir ihr nicht zu viel Autonomie geben sollten. Und wieso? Weil wir nicht wissen, welche Fehler die Entwickler in KI-Systeme eingebaut haben.

Wir steuern auf ein dunkles digitales Zeitalter zu.

Vinton Cerf gab zu, sich um die Lebensdauer unserer Daten zu sorgen. Schließlich haben wir inzwischen unser ganzes Leben in digitaler Form gespeichert, als Fotos, Videos oder sonstige Daten. „Wie lange werden sich unsere Geräte halten? 500 Jahre? Wahrscheinlich nicht. Die digitalen Medien von heute könnten 10 Jahre überdauern. Aber was passiert mit ihnen, wenn die Hardware einmal nicht mehr funktioniert? Wir müssen definitiv einen Weg finden, um unsere Daten sicher aufzubewahren.“

Das Internet entwickelt sich immer noch weiter. „Einfach“ lautet die Devise.

Das Design des Internets ist 45 Jahre alt, und doch entwickelt es sich immer noch weiter. Mit seiner Schichtenstruktur bietet es jede Menge Flexibilität. Die Pakete des Internet Protocol wissen nicht wie sie übermittelt werden oder was sie übermitteln, woraufhin Vinton Cerf verriet: „Wir haben es extra so eingerichtet. Ein gewisses Maß an Unwissenheit erweist sich als sehr leistungsstarkes Design-Tool.“

Er beendete seine Präsentation mit einem Appell: „Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Sie liegt in Ihrer Hand.“

Das Heidelberg Laureate Forum

Das Heidelberg Laureate Forum bringt die besten Mathematiker und Informatiker aus aller Welt mit talentierten Nachwuchswissenschaftlern zusammen. Workshops, Vorträge und Diskussionen bieten den Wissenschaftlern und Laureaten, Preisträger der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen wie der Fields Medaille oder dem ACM A.M. Turing Award,viel Gelegenheit zum Austausch. Das Forum wurde 2013 von Klaus Tschira (SAP-Mitgründer) und seiner Stiftung (KTS) gemeinsam mit dem Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS) ins Leben gerufen.

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