Blockchain: Kampf gegen Medikamentenfälschung

Gefälschte Medikamente sind ein neues Megageschäft. Jetzt hält SAP Life Sciences mit Blockchain-Technologie für mehr Sicherheit dagegen.

Üblicherweise verbinden wir organisiertes Verbrechen mit kriminellen Banden, die Drogen verkaufen oder Geschäftsleute erpressen. Beides gefährliche Unterfangen mit eher eingeschränktem Wirkungskreis. Aber, was wäre, wenn man wesentlich mehr Geld verdienen könnte, bei wesentlich geringerem Risiko? Aus genau diesem Grund haben Kriminelle inzwischen das Fälschen von Medikamenten als neues Megageschäft für sich entdeckt.

Das Fälschen selbst ist dabei gar nicht so aufwändig, wie Oliver Nürnberg, Chief Product Owner von SAP Life Sciences, weiß: „Das sind die Gleichen, die Kokain oder Heroin verkaufen. Der Vorteil ist: die Rohstoffe sind viel billiger. Man packt einfach irgendwelches Pulver in irgendwelche Kapseln.“ Jemand versorgt einen noch mit glaubwürdigen Kopien von Originalverpackungen, und schon ist man im Geschäft.

Gefälschte Medikamente: viel Geld, wenig Risiko

Oliver Nürnberg, Chief Product Owner von SAP Life Sciences
Oliver Nürnberg von SAP Life Sciences hat Medikamentenfälschung den Kampf angesagt.

Viele Wege führen zum Konsumenten. Man richtet fix eine Online-Apotheke ein, besticht das Personal in Krankenhäusern, Händler, Apotheker oder gleich die LKW-Fahrer, die die Medikamente befördern. Nürnberg erklärt: „Ganze LKWs halten nachts in der Wüste von Nevada. Jemand lädt ab, tauscht die Charge gegen gefälschte Medikamente aus, und weg sind sie. Selbst, wenn nur eine Packung von zehntausend gefälscht ist, heißt das, dass jede Apotheke mindestens ein gefälschtes Medikament pro Jahr auf Lager hat.“

Das klingt jetzt nicht so spektakulär. Aber wenn man zufällig der Kunde ist, der die Fälschung kauft, läuft man Gefahr, seine Gesundheit zu ruinieren und finanziert ungewollt mafiöse Strukturen.

Manchmal müssen Fälscher nicht einmal zum Mittel der Bestechung greifen, um ihre Ware in Umlauf zu bringen. Viele Mittelsmänner sind aus eigenen Stücken beteiligt. Die Margen sind einfach zu verlockend. „Ein großer Schweizer Kunde hat einmal eine Charge Medikamente mit dem Flugzeug nach Kenia verschickt. Vier Palletten sind in Zürich losgeflogen, drei sind angekommen. Die haben’s nicht einmal bis zum Zoll geschafft,“ erzählt Nürnberg.

Fälscher konzentrieren sich auf erschwingliche Massenprodukte wie Malariamedikamente, oder sie verlagern sich auf sogenannte Lifestyle-Produkte wie Viagra oder „High-End“-Medikamente, wie ein 18.000 Dollar teures Hepatitis-Präparat. Es ist nahezu unmöglich nachzuweisen, wenn ein Mensch durch die Einnahme erkrankt oder gar stirbt, meint Nürnberg: „Wenn man geschnappt wird, wird man lediglich für Betrug belangt. Man hat schließlich nicht gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen. Jemandem nachzuweisen, dass eine Person durch das gefälschte Medikament geschädigt wurde, ist extrem schwierig.“

Jede Medikamentenverpackung ist zwar mit einem Barcode versehen, aber der enthält nur den Namen und die Verpackungsgröße des Produkts. Im Kleingedruckten stehen lediglich die Chargennummer und das Verfallsdatum. Das zu fälschen ist quasi ein Kinderspiel.

Die gute Nachricht ist, dass das Fälschen von Medikamenten in Zukunft schwieriger wird. Denn Europa, die USA und viele andere Länder verlangen demnächst eindeutige Serialnummern auf jeder Verpackung, um dem grassierenden Problem Herr zu werden. In Deutschland beispielsweise werden ab Februar 2019 die Serialnummern aller im Land verkauften Medikamente zentral in einer Datenbank erfasst. Wenn der Apotheker das Produkt im Laden scannt, sieht er sofort, ob es registriert ist. Wenn nicht, ist es wahrscheinlich gefälscht.

Aber nicht alle Länder planen solche Datenbanken. Vor allem nicht die Schwellenländer, wo schätzungsweise zehn Prozent aller Medikamente gefälscht sind.

Blockchain kann Leben retten

Oliver Nürnberg und sein Life-Sciences-Team sahen das drängende Problem ihrer Pharmakunden und kamen auf die Idee, ein Produkt zu entwickeln, das Blockchain nutzt, um Serialnummern zu verifizieren.

Da die meisten großen Pharmaunternehmen weltweit bereits SAP verwenden, wäre es kein großer Aufwand, diese Blockchain-Anwendung darauf zu implementieren. Diese könnte darüber hinaus auch von jeder anderen Industrie verwendet werden, die mit Produktpiraterie zu kämpfen hat.

Nach dem Blockchain-Prinzip der verteilten Datenbank würde die Serialnummer auf vielen Rechnern gespeichert werden. Das Scannen einer Verpackung gäbe dann eine Serialnummer zurück, die sofort gegen die Blockchain geprüft werden könnte. So wäre es nahezu unmöglich, mit einer gefälschten Nummer durchzukommen. „Wir können nicht verhindern, dass gefälschte Medikamente in die Vertriebskette gelangen, das ist unmöglich. Aber wir könnten sie zumindest aufspüren“, ist Nürnberg überzeugt.

Mehrere große Pharmaunternehmen sind bereits mit von der Partie. Sie unterstützen SAP Life Sciences dabei, die erfolgreich abgeschlossene Machbarkeitsstudie bis Januar 2019 in ein tatsächliches Produkt umzusetzen. Genau rechtzeitig zum Inkrafttreten der neuen gesetzlichen Bestimmungen.

Aber Nürnberg verfolgt ein größeres Ziel. Für ihn geht es nicht nur darum, ein weiteres Produkt zu verkaufen. Er würde die Software internationalen Hilfsorganisationen gerne zum geringstmöglichen Preis zur Verfügung stellen. Denn sie sind die ersten, die in Katastrophen- oder Kriegsgebieten helfen.

Und das Letzte was man möchte, ist das Leben von Menschen, die gerade dem Tod entkommen sind, durch gefälschte Medikamente zu gefährden. „Ich denke, man sollte mit dem helfen, was man am besten kann; und das ist bei SAP eben das Entwickeln von Software“, sagt Nürnberg nachdrücklich.