Zukunft der Arbeit: Upstalsboom und „Die Stille Revolution“

„Was braucht ihr, um besser arbeiten zu können?“ fragte Bodo Janssen, damals Geschäftsführer einer Hotelkette, seine Mitarbeiter und die wollten einen neuen Chef – den haben sie bekommen. Aus Janssens Revolution in der Unternehmenskultur entstand ein inspirierender Dokumentarfilm über die Zukunft der Arbeit.

Die größte Kantine im Walldorfer Hauptsitz der SAP ist bis auf den letzten Platz besetzt, als rund 500 SAP-Mitarbeiter unter Anleitung von Global Mindfulness Practice Direktor Peter Bostelmann und SAP Deutschland Geschäftsführer Daniel Holz sieben Minuten lang einfach nur dasitzen und sich bei der einer Achtsamkeitsübung auf ihren Atem konzentrieren.

Rund 500 SAP-Mitarbeiter schauen in der Kantine in Walldorf die Dokumentation "Die Stille Revolution".
Die SAP-Kantine in Walldorf, in der 500 SAP-Mitarbeiter auf Bodo Janssen warten – den Mann, der die „Stille Revolution“ in seinem Unternehmen Upstalsboom begann.

Sie sind alle gekommen, um einen illustren Gast live zu erleben: Bodo Janssen, Inhaber und Geschäftsführer von Upstalsboom. Das mittelständische Unternehmen mit rund 650 Mitarbeitern betreibt Hotels und Ferienwohnungen an Nord- und Ostsee und in Berlin und ist mittlerweile zum Synonym für einen Kulturwandel in der Arbeitswelt geworden. Der 44-jährige ist ein gefragter Vortragsredner, Kursleiter, Buchautor und Interviewpartner, sein Unternehmen wurde mehrmals als einer der besten Arbeitgeber Deutschlands ausgezeichnet.

An diesem Nachmittag stellt er zusammen mit Regisseur Kristian Gründling den preisgekrönten Dokumentarfilm Die Stille Revolution bei SAP vor. Der Film veranschaulicht, wie Janssen bei Upstalsboom der Wandel zu einer werteorientierten Unternehmenskultur gelungen ist, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Der Dokumentarfilm "Die Stille Revolution" befasst sich mit Unternehmenswerten und Mitarbeiterzufriedenheit.
500 SAP-Mitarbeiter durften sich gemeinsam mit Bodo Janssen den Dokumentarfilm Die Stille Revolution über Janssens Wertewandel in der Unternehmenskultur ansehen.

Am Anfang des Erfolgs stand eine krachende Niederlage

Als Janssen die elterliche Hotelkette nach einer Insolvenz übernahm, hielt er sich zunächst an die klassischen Regeln der Betriebswirtschaft. „Ich baute auf, schuf neue Strukturen, doch 2010 stagnierten die Umsätze, es ging irgendwie nicht weiter. Die Mitarbeiterzufriedenheit sank, Kündigungsraten und Fehlzeiten stiegen und Bewerbungen blieben aus. Deshalb führten wir eine Mitarbeiterbefragung durch, auch mit der Frage: „Was braucht Ihr, um besser arbeiten zu können?“

Das Ergebnis war niederschmetternd. Eine Forderung der Mitarbeiter lautete: wir brauchen einen anderen Chef!“ „Das war ein Schock für mich“, erzählt Bodo Janssen, „anfangs fühlte ich mich wie gelähmt, in einem Vakuum. Ich konnte nicht einfach gehen und das Unternehmen an meinen Vater zurückgeben, denn der war 2007 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen.“ Kurz überlegte er die Ergebnisse der Umfrage verschwinden zu lassen und einfach weiter zu machen wie bisher.

Aber dann präsentierte er die Ergebnisse seinen Mitarbeitern ungeschönt. Und er begann, sein Verhalten und sein Verständnis von Führung radikal zu überdenken. „Für mich ging es darum, Lösungen zu finden für die Missstände, die ich selbst verursacht hatte.“

Bodo Janssen: „Mein Auftrag als Unternehmer und Manager ist dafür zu sorgen, dass alle – Mitarbeiter und Kunden – ein gutes Leben führen und sich weiter entwickeln können.“

Janssen ging ins Kloster. Über Jahre war er regelmäßig Gast in der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach, um von Pater Anselm Grün und seinem Team zu lernen, machte dort Workshops zusammen mit seinem Management-Team. Parallel dazu befasste er sich mit den Erkenntnissen der positiven Psychologie und Neurobiologie. Dabei lernte Janssen sich und seinen Managementstil von einer wenig angenehmen Seite kennen. „Viele meiner Verhaltensweisen waren nur Fassade, ich musste mich immer darstellen, legte Wert auf Statussymbole. Keiner hatte sich bisher getraut, mir zu widersprechen.“

Der Upstalsboom Weg – Die Komfortzone verlassen

Bodo Janssen fragte sich, für welche Ziele er eigentlich leben wollte. „Nach und nach verstand ich, dass ich Mitarbeiter und Kunden bisher nur als Mittel zum Zweck gesehen hatte, um den Unternehmenserfolg zu erreichen. Dabei muss es umgekehrt sein. Mein Auftrag als Unternehmer und Manager ist dafür zu sorgen, dass alle – Mitarbeiter und Kunden – ein gutes Leben führen und sich weiter entwickeln können.“

Aus diesen Erkenntnissen entstand über die nächsten Jahre der Upstalsboom Weg, eine Unternehmenskultur, die auf gemeinsamen Werten basiert, welche Management und Mitarbeitern des Unternehmens am Herzen liegen, wie Fairness, Wertschätzung, Zuverlässigkeit, Offenheit, Achtsamkeit, Vertrauen, Verantwortung, Qualität und Lebensfreude.

Upstalsboom betreibt Hotels und Ferienwohnungen an Nord- und Ostsee und in Berlin.
Bodo Janssens Unternehmen Upstalsboom betreibt mit rund 650 Mitarbeitern Hotels und Ferienwohnungen an Nord- und Ostsee und in Berlin.

Bodo Janssens Ziel ist es inzwischen nicht mehr, immer mehr Betten zu belegen, sondern Menschen zu stärken. „Meine Aufgabe ist es, ihr physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden zu fördern, so dass sie ihr volles Potential entfalten und sich für das einsetzen können, was ihnen persönlich wichtig ist. Denn Menschen, die den Sinn ihres Tuns für sich erkannt haben, schöpfen daraus inneren Halt, auch wenn sich die äußeren Umstände ändern. Sie setzen sich eigene Ziele, statt diese von außen zu erwarten.“

Das bedeutet für den Unternehmer auch, gewohnte Abläufe und Denkweisen zu hinterfragen und die Komfortzone zu verlassen. Es gibt keine Uniformen, die Mitarbeiter bestimmen selbst, was sie bei der Arbeit tragen. Jeder Mitarbeiter trägt Verantwortung für seinen Bereich und trifft eigenständige Entscheidungen. Alle springen aber auch unabhängig von ihrer Rolle ein, wo gerade etwas zu tun ist. Das kann dazu führen, dass in Notfällen auch schon mal der Hoteldirektor beim Abziehen der Betten hilft. Die Kollegen lernen voneinander, unabhängig von Hierarchien und Rollen.

Zukunft der Arbeit: Menschlichkeit steht im Mittelpunkt

Gute Führung definiert sich laut Janssen über Menschlichkeit. „Heute sind für mich die besten Führungskräfte diejenigen, die Schwäche zeigen und eigene Fehler zugeben können. Erst dann trauen sich die anderen, selbst Fehler und Schwäche zu zeigen. Denn wir brauchen den Misserfolg auf dem Weg zum Erfolg.“ Das Ziel von Führung ist es laut Janssen, „starke Menschen zu schaffen, die in einer friedvollen Gemeinschaft zusammenarbeiten“.

„Wirtschaftlichkeit ist die Basis unserer Existenz, aber nicht der Sinn unseres Handelns. Wir möchten unseren Mitarbeitern jeden Tag die Möglichkeit bieten zu wachsen. Der wirtschaftliche Erfolg kommt dann von selbst“, erläutert Bodo Janssen sein Prinzip.

Inzwischen hat er wesentliche Teile des Unternehmens in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt und damit auch nach außen ein Zeichen gesetzt, dass es ihm nicht um Profitmaximierung geht.

Das schafft Vertrauen und macht Upstalsboom – ungeplant – erfolgreicher. 2018 wird das Unternehmen voraussichtlich um 50 Prozent wachsen. Die Mitarbeiterzufriedenheit liegt bei 80 Prozent. Die Krankheitsquote ist von acht auf drei Prozent gesunken, weit unter Branchendurchschnitt. Die Weiterempfehlungsrate der Gäste beträgt 98 Prozent und die Bewerberzahlen liegen im dreistelligen Bereich. Was sie an Upstalsboom anzieht, formuliert eine Mitarbeiterin am Ende des Dokumentarfilms so: „Ich weiß jetzt genau, wofür ich da bin, und deshalb bin ich hier.“

In der anschließenden Podiumsdiskussion in der SAP-Kantine, u.a. mit Daniel Holz, Cawa Yonousi und Peter Bostelmann, erzählt Bodo Janssen, wie der Kontakt zu SAP zustande kam: „Durch einen Pressebericht erfuhr ich über die Arbeit von Peter Bostelmann und der Global Mindfulness Practice bei SAP – daraus hat sich inzwischen ein regelmäßiger Austausch ergeben.“

Bodo Janssen findet es faszinierend zu sehen, wie SAP es geschafft hat, ein weltweites Netzwerk zum Training von Achtsamkeit und emotionaler Intelligenz in einem international operierenden Unternehmen erfolgreich aufzubauen und mit dem Search Inside Yourself Training mit mehr als 7.000 Teilnehmern eine eigene Stille Revolution zu starten.

Aber auch für SAP hat er einen Tipp parat: „Wenn ich bei Upstalsboom unterwegs bin, ist es mir sehr wichtig, Kontakt mit meinen Mitarbeitern aufzunehmen – und wenn es nur ein freundlicher Augenkontakt bei einer zufälligen Begegnung auf dem Flur ist. Bei meinem Aufenthalt bei SAP war das eine richtige Herausforderung. Ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich es geschafft habe, dass mein Blick und mein Lächeln von einer Zufallsbegegnung auf dem Gang erwidert wurden. – Dabei wollen wir doch eigentlich alle gerne angesehene Menschen sein.“