Die Zeit für Europas Automobilhersteller drängt. Sie müssen sich auf die neue EU-Verordnung zu CO₂-Emissionen vorbereiten. Die Automobilindustrie in der EU, die für sechs Prozent der Gesamtbeschäftigung in der EU und für sieben Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts (BIP) verantwortlich ist, wird von dem CO₂-Grenzausgleichssystem (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) der EU in hohem Maß betroffen sein.
Die neue Verordnung verpflichtet Unternehmen dazu, die CO₂-Emissionen ausgewählter importierter Produkte zu bilanzieren. Für die Automobilindustrie sind die Kategorien Stahl und Aluminium besonders von Bedeutung.
Komplette Fahrzeuge fallen derzeit zwar noch nicht unter das CBAM, doch der Automobilsektor zählt zu den am stärksten betroffenen Branchen, da er auf emissionsintensive Materialien angewiesen ist. Bei Komponenten wie Karosserieteilen, Fahrgestellen, Rahmen und Batteriewannen besteht eine hohe Abhängigkeit von importiertem Stahl und Aluminium.
Derzeit befindet sich das CBAM noch in der Übergangsphase, am 1. Januar 2026 wird es in die endgültige Phase eintreten. Das bedeutet, dass Unternehmen die Emissionen erfassen müssen, die im Laufe des Jahres 2026 durch die betreffenden von ihnen eingeführten Produkte verursacht werden. Ab Februar 2027 müssen sie Zertifikate für die erfassten Emissionen erwerben, der erste Bericht dazu wird im August 2027 fällig.
Kosten für CBAM werden sich rasch summieren
Ein moderner Personenkraftwagen besteht aus rund einer Tonne Stahl und 200 Kilogramm Aluminium. Der weltweite Durchschnitt liegt bei etwa 1,9 Tonnen CO2-Emissionen pro Tonne produziertem Stahl, und mit jeder Tonne Primäraluminium entstehen rund 15 Tonnen an CO2-Emissionen.
Prognosen von Analysten zufolge könnten sich die Preise für Treibhausgasemissionszertifikate bis 2030 auf 150 Euro pro Tonne CO₂ belaufen. Somit könnten für ein neu hergestelltes Fahrzeug bald 300 Euro an CBAM-Zertifikatkosten anfallen, vorausgesetzt, die Hersteller importieren den EU-Importdaten gemäß 20 Prozent des benötigten Stahls und 54 Prozent des benötigten Aluminiums. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland 2024 vier Millionen Autos produziert hat, könnten deutsche Automobilhersteller und Zulieferer im Jahr 2027 in der Pflicht stehen, rund 1,2 Milliarden Euro an CBAM-Zertifikaten zu erwerben.*
Für die Zeit nach 2027 plant die Europäische Kommission, Kategorien wie Chemikalien und Kunststoffe in die Verordnung aufzunehmen, wodurch noch weitere Autoteile unter die CBAM-Verordnung fallen würden. Im Hinblick darauf ist es für europäische Automobilhersteller und Zulieferer noch wichtiger, dass sie schon heute solide CBAM-Strategien entwickeln.
Vorbereitungen auf CBAM für Automobilhersteller und Zulieferer
In der gesamten EU-Automobilindustrie scheinen die Unternehmen nur unzureichend auf die neue CBAM-Phase vorbereitet zu sein.
Das ist allerdings nicht nur auf die Untätigkeit der Unternehmen zurückzuführen, sondern liegt auch daran, dass die EU-Regulierungsbehörden die Details zur Berechnungsmethode von Emissionswerten und zur Überprüfung von Daten noch nicht endgültig ausgearbeitet haben. Der Umfang der meldepflichtigen Unternehmen und die Fristen für den Kauf von Zertifikaten stehen dagegen bereits fest.
Angesichts dessen ist es für europäische Automobilhersteller und Zulieferer nun an der Zeit, sich auf die Regelungen vorzubereiten, die im Januar 2026 in Kraft treten. Sie sollten folgende Prioritäten ins Auge fassen.
1. Einarbeitung in CBAM und Bewertung eigener Prozesse
Die wichtigsten Elemente des CBAM wurden definiert, jetzt müssen Unternehmen handeln. Wenn Sie dies noch nicht getan haben, sollten Sie sich zunächst mit dem Gesamtprozess und den Anforderungen vertraut machen.
Wenn Sie in den Geltungsbereich fallen, das heißt wenn Sie die De-minimis-Schwelle für den Import von mehr als 50 Tonnen CBAM-relevanter Waren pro Jahr oder 100 Tonnen von damit verbundenen CO₂-Emissionen pro Jahr überschreiten, sollten Sie ermitteln, welche Bereiche Ihrer Lieferkette am stärksten betroffen sind. Identifizieren Sie Ihre wichtigsten Lieferanten und importierten Waren, entwickeln Sie einen gezielten Ansatz, um von diesen Lieferanten die tatsächlichen Emissionsdaten zu erhalten, und bewerten Sie die potenziellen finanziellen Auswirkungen. Da immer mehr Materialien in den Anwendungsbereich des CBAM fallen und die Preise für Treibhausgasemissionszertifikate steigen, werden die finanziellen Auswirkungen in den kommenden Jahren zunehmen. Unternehmen müssen sich darauf vorbereiten, diese neuen Verpflichtungen zu erfüllen und die finanziellen Auswirkungen zu tragen.
2. Zusammenarbeit mit Lieferanten
Identifizieren Sie Ihre wichtigsten Lieferanten – in der Regel die 50 bis 100 größten – und konzentrieren Sie sich auf diese. Erstellen Sie dann einen zielgerichteten Plan für die Zusammenarbeit und definieren Sie gleichzeitig einen fundierten Ansatz für den breiteren Lieferantenstamm. Ziehen Sie in Betracht, Ihre Beschaffungsbedingungen zu überarbeiten, um zukünftig die Weitergabe von Daten verlangen zu können. Gegebenenfalls können Sie Ihre Lieferanten auch bei der Einarbeitung in das Thema Emissionen und deren Berechnung unterstützen. Eine enge Zusammenarbeit ist unerlässlich, um tatsächliche Emissionsdaten zu erhalten, die teureren Standardwerte zu vermeiden und weiteres Potenzial für die Dekarbonisierung zu identifizieren.
Der Zugang zu vertrauenswürdigen Lieferantendaten ist eine der größten Herausforderungen, mit denen Unternehmen heute konfrontiert sind.
Während die EU Mechanismen für den Datenaustausch zwischen Zulieferern und Importeuren bereitstellt, bietet Catena-X, ein Branchennetzwerk für die europäische Automobilindustrie, in Kombination mit einer Datenaustauschsoftware von Drittanbietern eine Alternative zur Erfassung vertrauenswürdiger, standardisierter Emissionsdaten. Catena-X ermöglicht es Unternehmen, in einer vertrauenswürdigen Umgebung zusammenzuarbeiten und Daten auszutauschen. Es bringt Hersteller, Technologieanbieter und Lieferanten zusammen, um die Datenaustauschprozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu standardisieren. Über den Datenaustausch hinaus fördern diese Netzwerke den Wissensaustausch, sodass die Mitglieder kennenlernen, Standards abstimmen und gemeinsam die Compliance-Bereitschaft beschleunigen können.
Um Teil dieses Netzwerks zu werden, müssen sich Unternehmen in der Regel registrieren und zertifizierte Software einführen, die einen standardisierten Datenaustausch unterstützt. Dann können sie beginnen, mit anderen Mitgliedern zusammenzuarbeiten. Dieser Ansatz gewährleistet Interoperabilität und automatisiert die Erfassung vertrauenswürdiger Emissionsdaten. Catena-X arbeitet aktiv daran, seine Möglichkeiten und Standards zur Unterstützung des CBAM zu verfeinern.
3. Das richtige Tool für das jeweilige Geschäft finden
Das Wichtigste ist, den richtigen Technologiepartner zu finden, der die CBAM-Berichterstattung optimiert und die Integration von Daten zu Treibhausgasemissionen in zentrale Finanzbuchhaltungsprozesse unterstützt.
Der EU-CBAM-Bericht erfordert viele Daten, die alle mithilfe von maßgeschneiderten ERP-basierten Systemen automatisch angefordert, ausgefüllt und gemeldet werden können. Dazu werden die tatsächlichen Emissionswerte verwendet. Die Lösung SAP Green Token unterstützt die Berichterstattung für CBAM-Anmelder, indem sie standardisierte, auditierbare Berichtsworkflows ermöglicht. Die Lösung SAP Green Ledger verwaltet das Zertifikateregister und trägt dazu bei, die finanzielle und CO₂-Bilanzierung von CBAM-Emissionen und -Zertifikaten in Übereinstimmung mit Rechnungslegungsstandards wie US-GAAP und IFRS (geplant für das erste Halbjahr 2026) sicherzustellen.
Manuelle Prozesse wie E-Mails und Excel-Dateien sind fehleranfällig, nicht skalierbar und machen die Einhaltung der CBAM-Anforderungen zeit- und ressourcenintensiv.
Vorbereitung aller Systeme auf CBAM-Konformität
Das CBAM wird die Materialbeschaffung in der Automobilindustrie neu gestalten, indem es CO₂-Emissionen als Kostenfaktor einführen und die Transparenz in globalen Lieferketten fördern wird.
Das ideale Szenario für Automobilhersteller und Zulieferer besteht darin, entschiedene Maßnahmen zur Dekarbonisierung zu ergreifen – zum Beispiel die Beschaffung von emissionsarmen Stahl- und Aluminiumprodukten, intensivere Bemühungen um Kreislaufwirtschaft und die Optimierung von Produktdesigns, um weniger CBAM-Materialien einzusetzen – und gleichzeitig die Aktivitäten zur Einhaltung der CBAM-Vorgaben vollständig zu automatisieren.
Der Zugriff auf genaue Daten zu Emissionen in der Lieferkette und deren finanzielle Auswirkungen liefert die Erkenntnisse, die Führungskräfte benötigen, um in den kommenden Jahren die Dekarbonisierung voranzubringen und Risiken zu reduzieren.
Die richtige Kombination aus Softwaretools und Zusammenarbeit innerhalb des branchenspezifischen Netzwerks ermöglicht die kostenoptimierte und automatisierte Konformität mit den CBAM-Anforderungen und liefert wertvolle Informationen über die Lieferkette. Die SAP-Lösungen für nachhaltige Unternehmensführung können einen messbaren ROI erzielen, indem sie die Datenerfassung und Workflows automatisieren. Zudem ermöglichen sie es Finanzteams, manuellen Prozessen ein Ende zu setzen, damit sie sich stärker strategischen Analysen und Maßnahmen widmen können. Dies trägt dazu bei, eine skalierbare Grundlage für ein kontinuierliches CO₂-Kostenmanagement zu schaffen und gleichzeitig den standardisierten Datenaustausch und die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu unterstützen.
Beginnen Sie jetzt mit den Vorbereitungen, um sicherzustellen, dass Ihr Unternehmen weiterhin wächst, während sich die endgültige Phase des CBAM 2026 nähert.
Lesen Sie das CBAM-Playbook und sehen Sie sich das CBAM-Webseminar an, um mehr zu erfahren.
Thomas Janzen ist Branchenexperte bei der SAP SE.
*Dies ist eine grobe Berechnung, um die möglichen Auswirkungen zu veranschaulichen. Sie basiert auf Daten, aus denen hervorgeht, dass die EU im Jahr 2024 27,4 Millionen Tonnen an Fertigerzeugnissen aus Stahl eingeführt hat. Der EU-Verbrauch lag bei etwa 129 Millionen Tonnen. Daher gehen wir davon aus, dass Importe etwa 20 Prozent des EU-Stahlverbrauchs ausmachen. 2023 stammten 54 Prozent des in der EU verwendeten Aluminiums aus Importen. Legt man diese Durchschnittswerte zugrunde, ergibt das etwa zwei Tonnen an importierten Treibhausgasemissionen pro Fahrzeug oder 300 Euro, wobei 20 Prozent der Emissionen eine Tonne Stahl und 53 Prozent der Emissionen 200 Kilogramm Aluminium zugerechnet werden.



