3 Thesen zur Arbeit von morgen

Feature | 14. März 2014 von Andreas Schmitz 0

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„Viele wollen selbstbestimmt sein, gründen eigene Unternehmen oder gehen in kleine Firmen“, sagt Rahild Neuburger über die heutige Generation von Universitätsabsolventen. (Foto: Privat)

15 Jahre schon arbeitet Rahild Neuburger häufig aus ihrem Homeoffice. Die Wissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und Geschäftsführerin des Münchner Kreis genießt die Flexibilität ihres Arbeitsplatzes und damit ein Stück weit auch das Arbeitsmodell der Zukunft. „Als die Studierenden vor 20 Jahren die Uni verließen, freuten sie sich meist schon über die Chance, bei Siemens unterzukommen“, erinnert sie sich.  Heute sieht das häufig anders aus:  „Viele wollen selbstbestimmt sein, gründen eigene Unternehmen oder gehen in kleine Firmen.“ Kurze Entscheidungswege, Verantwortung, Dinge von Beginn an entscheiden können: Das sind oft die Motive, die den Nachwuchs antreiben. Schon während des Studiums verdienen sich einige Studierende über Miniaufgaben aus dem Netz, durch kleine Texte, Übersetzungen, Programmierungen Geld dazu – über so genannte Crowdsourcing-Plattformen wie clickworker.com, 99 designs.com oder innocentive.com. Flexibler geht es nicht mehr. Denn immer wieder aufs Neue sind die Studenten gefordert, sich kleine Jobs zu beschaffen, die dann aufs Neue Geld in die Kassen spülen. Die Arbeit wird sich ändern. Das zeigt auch das Expertenpapier vom Münchner Kreis über „Die Arbeit in der digitalen Welt“. Hier drei wichtige Erkenntnisse:

1. IT ist „Enabler“ für Technologien UND Wissen

Flexibilität ist auch eine der drei wichtigen Entwicklungen, die der Münchner Kreis in seinem Expertenpapier herausstellt. „Durch den Einsatz intelligenter Tools und Technologien lassen sich Arbeitsprozesse effizienter und effektiver gestalten“, heißt es darin. IT dient also in Hinsicht auf die Flexibilisierung der Arbeit als „Enabler“, insbesondere aber auch dadurch,  „dass die IT einen standortunabhängigen Zugang zu global verfügbarem Wissen und Kompetenzen schafft – das steht manchmal im Hintergrund“, stellt Neuburger fest.

Auch in der „echten“ Arbeitswelt ist das grundsätzliche Crowdsourcing-Denkmodell bereits angekommen. So ist langfristig durchaus vorstellbar, dass sich Unternehmen aus einem Pool gespeicherter Kompetenzen und Fähigkeiten ihre Mitarbeiter für neue Projekte aussuchen. „Da kann es dann durchaus passieren, dass Sie gerade noch in Deutschland gearbeitet haben, dann aber für ein zwei Monate dauerndes Projekt nach Manila abgezogen werden“, erläutert Neuburger. Der weltweit aktive SAP-Partner Accenture sucht sich schon heute seine Mitarbeiter über seine Datenbank zusammen. Die Berater sind selbst gefordert – trotz festem Arbeitsplatz – sich um ihre künftigen projektbasierten Jobs zu bemühen, denn die Teams stellt das Kronberger Unternehmen aus seinem Netzwerk zusammen. „Ganz wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen scheint es zu sein, jungen hochqualifizierten Mitarbeitern einen geeigneten organisatorischen Rahmen zur Verfügung zu stellen“, sagt Neuburger. Gerade SAP kann hier ein Beispiel sein – z. B. mit innovativen Ideen der Zusammenarbeit – wie etwa Design Thinking.

2. Die Arbeit polarisiert sich – automatisierbar oder nicht

Menschen, die hochspezialisiert und besonders gut ausgebildet sind, werden sich nach Ansicht des Experten in der Zukunft leicht tun auf dem Arbeitsmarkt. Denn – zweiter wichtiger Punkt– eine Polarisierung der Arbeit kann bevorstehen – automatisierbare auf der einen und nicht automatisierbare auf der anderen Seite. „IT-Experten, die über hochspezifische Qualifikationen verfügen, haben das Glück, dass ihre Arbeit nicht automatisierbar ist“, erläutert die promovierte Betriebswirtin Neuburger. Spezialisierte Entwicklungs- und Programmierarbeit kann eher kein Roboter übernehmen, auch die Abwicklung komplexer Projekte ist kaum automatisierbar. Genauso wenig wie ein Handwerker, der Leitungen legt, Tischbeine drechselt und zusammenmontiert oder Haare schneidet. „Ich hoffe, dass das eine stärkere Wertsteigerung von Berufen bringen wird, die heute vielleicht nicht so anerkannt sind“, so Neuburger. Die klassische Sachbearbeitung wie sie z.B. in Banken, Buchhaltung etc. hingegen wird jedoch nach und nach immer ersetzbarer. „Darauf ist die Bildung noch zu wenig eingestellt“, konstatiert das Expertenpapier. Polarisiert ausgedrückt: Der Nachwuchs wird möglicherweise zu Verlierern ausgebildet, lautet das Urteil der Experten.

3. Aus Work Life Balance wird Life Balance

Zwiespältig ist der Umgang mit Freizeit und Arbeit in der Bevölkerung. Während in der V. Zukunftsstudie des Münchner Kreis aus 2013 nur jeder vierte der über 7000 international Befragten sich die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben wünschte, sich also drei von vier Befragten flexibel gaben, zeigt die Fallstudie aus dem Monitoring-Report 2013eine eher geringe Nutzung flexibler Arbeitsformen bei den befragten Unternehmen. Auch Neuburger hält nichts von einer Forderung nach einer Pauschalflexibilisierung der Arbeit. Schließlich werden, so ihr Argument, immer Tätigkeiten bleiben, die die Anwesenheit der Mitarbeiter erfordern. Klar ist jedoch auch, dass das traditionelle aus der Industrialisierung stammende Verhältnis zur Arbeit sich massiv ändert. Fabriken und Stechuhren gehören einem Vokabular an, das niemand aus der Generation Y mehr verstehen wird.

„Die jüngere Generation ist schon nicht mehr in den industriellen Strukturen gefangen“, so Wissenschaftlerin Neuburger. Die Konsequenz: Auch der Begriff Work Life Balance gehört möglicherweise bald nicht mehr in die Zeit. Denn die Trennung zwischen dem Privaten und der Arbeit wird sich nach und nach auflösen. Mittags joggen gehen, abends dafür noch eine Stunde Mails machen lautet die Devise. Life Balance also, so die Studie, ist der richtige Anglizismus für die Zukunft. „Arbeit ist Teil des Lebens“, so Neuburger – nur mit dieser Einstellung lässt sich auch der positive Anteil der Flexibilität nutzen, nämlich seine Zeit frei einzuteilen und nicht nach einem straffen Plan durch zu organisieren. Oder – noch schlimmer – durchorganisieren lassen.

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