9 Lösungen für vernetzte Mobilität

Feature | 24. Juni 2013 von Nicolas A. Zeitler 0

Foto: myTaxi

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Wer mit mehreren Verkehrsmitteln von A nach B gelangen will, dessen Reiseplanung ist bisher meist Flickwerk: Die Fahrt zum Flughafen mit Taxi oder S-Bahn, der Flug, die anschließende Zugfahrt in den Vorort, an dem im Werk des Partnerunternehmens der Geschäftstermin stattfindet – jeder Reiseabschnitt muss in der Regel separat gebucht werden. Das ist für den einzelnen Reisenden aufwändig, und bei ungeplanten Vorkommnissen wie Staus, Verspätungen wegen unterspülter Bahngleise oder einem Flugausfall wegen Schneetreibens gerät schnell der ganze Reiseplan ins Wanken. Das Beratungsunternehmen Roland Berger beziffert den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden durch Verkehrslähmung allein in den 30 größten Megacitys der Welt auf 266 Milliarden US-Dollar.

In ihrer Studie „Connected Mobility 2025“ belassen es die Autoren von Roland Berger aber nicht dabei, diesen Missstand zu beschreiben. Ihr Anliegen ist, ein „neues, optimistisches Bild vom Personenverkehr der Zukunft“ zu zeichnen. Seien heute einzelne Verkehrsdienstleister jeweils in ihrem begrenzten Geschäftsbereich unterwegs – Autovermietung, Fluggesellschaft, Fahrradverleih –, gehöre die Zukunft „Mobilitätsmanagern“, die von der Planung bis zur Abrechnung alle Schritte aus einer Hand anbieten. Mobilitätsmanager sind nach Definition der Studienautoren mobile Online-Plattformen, auf denen der Reisende seine Route und das gewählte Verkehrsmittel jederzeit seinen Wünschen oder der Verkehrslage anpassen kann.

Neues Modell individueller Mobilität

Die Voraussetzungen für dieses neue Modell individueller Mobilität seien günstiger denn je: Zum einen wegen der schon jetzt großen Verbreitung des mobilen Internet, zum anderen weil Verkehrsnetze sich mittlerweile in Echtzeit intelligent steuern ließen. Die Studienautoren haben die Vision von „Connected Mobility“ in neun Segmente unterteilt, die sich nach Zielrichtung und Funktionsweise unterscheiden. In jedem Bereich agieren schon mehrere Anbieter, die einen international, andere regional. Die faszinierende Idee integrierter und vernetzter Mobilität setzen sie relativ simpel und pragmatisch um – wobei die einzelnen Lösungen nicht umfassend sind. Bei den einen steht eher die Vernetzung im Vordergrund, etwa beim Vermitteln von Privatautos an Gelegenheitsfahrer, bei anderen die Reiseplanung über mehrere Verkehrsmittel hinweg, also vom öffentlichen Nahverkehrsmitteln übers Flugzeug bis hin zum Taxi.

Die Lösungen im Überblick:

  1. Integrierte Reisebuchung mit Multicity
  2. Multimodale Navigation mit Moovel
  3. Community-basierte Navigation mit Waze
  4. Stationsungebundenes Carsharing mit car2go
  5. Carsharing-Netzwerk tamyca
  6. Firmen-Carsharing mit Fleetster
  7. Parkinformationen von Parkopedia
  8. Mitfahrgelegenheiten über PickupPal
  9. Taxi-App myTaxi

1. Integrierte Reisebuchung: Darunter versteht Roland Berger die Steuerung von Buchung, Fahrscheinausgabe und Bezahlung. Diese Dienstleistungen bietet zum Beispiel Multicity an, das in Deutschland und Frankreich verfügbare Mobilitätsportal von Autohersteller Citroen. In Berlin betreibt Multicity außerdem Carsharing mit Elektrofahrzeugen.  Das Mobilitätsportal verspricht, durch einen Vergleich von Bahn-, Flug- und PKW-Reise die günstigste, zeiteffizienteste und umweltfreundlichste Verbindung zu finden. Nach Eingabe von Start und Ziel, Reisedatum, Alter und eventuellen Bahncard-Ermäßigungen der Reiseteilnehmer errechnet Multicity bei unserem Test in 25 Sekunden Preis, Zeit, nutzbare Zeit und Umweltbelastung des Trips. Wer von München aus zehn Tage lang in den Urlaub nach Aix-en-Provence fahren will, gelangt am günstigsten mit dem Flugzeug dorthin, dafür ist hier die Umweltbelastung am größten. Am wenigsten Kohlendioxid verursacht mit 54,2 Kilogramm die Zugfahrt, auf der außerdem die nutzbare Zeit zum Lesen oder Dösen mit bis zu 86 Prozent am größten ist. Nutzbare Zeit bleibt einem Alleinreisenden bei einer Autofahrt natürlich keine. Dafür ist die Fahrtzeit mit jeweils unter zwölf Stunden hinterm Steuer kürzer als bei den anderen Verkehrsmitteln. Kleines Manko beim Test: Den Preis für die Bahnreise kann das Portal nicht ermitteln und beim Klick auf „Buchung“ für die Zugreise ist in der Maske plötzlich als Start „Köln Messe/Deutz“ eingetragen und als Ziel „Düsseldorf Flughafen“.

2. Multimodale Navigation: Unter diesem Begriff subsumieren die Studienautoren Navigation über verschiedene Verkehrsträger hinweg, einschließlich der Integration von Echtzeitdaten. Auf diesem Feld tätig sind etwa der chinesische Anbieter Baidu Navi und die deutsche Moovel. Das Portal ist als Android-, iOS- und Web-App verfügbar und somit auf den meisten Smartphones nutzbar. Es verbindet Fahrtauskünfte verschiedener Anbieter in mehreren deutschen Städten – „gleichwertig und ideologiefrei“, wie der Anbieter verspricht. Wer etwa vom Hegelplatz im Stuttgarter Zentrum einen Ausflug nach Fellbach am Neckar unternehmen will, erhält Abfahrtszeiten der S-Bahn ebenso angezeigt wie eine Verbindung über den Dienst von myTaxi, jeweils mit Kosten und Fahrzeit. Neben Stuttgart sind bisher Angebote aus Berlin und der Region Rhein-Ruhr integriert. Außer Nahverkehr und Taxi-Diensten bindet Moovel auch das Portal mitfahrgelegenheit.de und den Carsharing-Dienst car2go ein. Regional ist das Angebot noch recht begrenzt. Die Anbieter versprechen, dass nach und nach weitere Optionen hinzukommen.

Community-Navigation meldet Unfälle in Echtzeit

3. Community-basierte Navigation: Ziel dieses Ansatzes ist es, Straßen gleichmäßiger auszulasten, indem innerhalb eines Netzwerks Verkehrsströme ausgewertet werden. Ein Beispiel ist die für iOS und Android kostenlos verfügbare App Waze. Sie verbindet weltweite Navigation mit einem Community-Gedanken. Die nach Angaben auf dem Portal 30 Millionen Fahrer, die Waze nutzen, speisen zum Teil automatisch, zum Teil händisch für alle anderen sichtbare Daten über ihre Fahrt ein: Das System erkennt, wo besonders langsam gefahren wird. Wer eine Polizeikontrolle, einen Unfall oder eine anderen Gefahr auf der Straße passiert oder in einen Stau gerät, kann die Gemeinschaft davon in Kenntnis setzen. Indem sie etwa den Neubau von Straßen in ihrer Nachbarschaft melden, können die Nutzer außerdem daran mitarbeiten, Straßenkarten aktuell zu halten. Auf einer Weltkarte lassen sich in Echtzeit Verkehrsmeldungen  der Nutzer online abrufen. Die Karte macht deutlich: Genutzt wird das System derzeit fast nur in den USA, und dort primär im Osten.

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4. Carsharing – stationsungebunden: Die Kurzzeitmiete von Autos, die im Stadtgebiet verteilt sind, bietet mittlerweile eine Vielzahl von Anbietern an. Weltweit in mehreren Ländern von den USA über Großbritannien bis Deutschland aktiv ist car2go, eine Tochter von Autohersteller Daimler. Ob in Austin/Texas, London oder München: In mittlerweile 21 Städten sind die weiß-hellblau lackierten Smarts zu finden und zu buchen. Zugeschnitten ist das Mietwagenkonzept auf Fahrten in der Stadt. Finden lassen sich freie Autos über iOS- und Android-App, auf der Webseite per Google Maps oder einfach am Straßenrand. Zu zahlen ist die Fahrzeit, kein monatlicher Festpreis. Wer bei einem Tankfüllstand unter einem Viertel den Smart wieder vollständig betankt, erhält 20 Freiminuten.

5. Carsharing-Netzwerke: Anders als beim vorherigen Dienst stellt hier nicht ein Anbieter die Fahrzeuge zur Verfügung, sondern die Nutzer vermieten sie untereinander. Weltweit ist eine Handvoll Anbieter aktiv, in den USA zum Beispiel RelayRides, in Deutschland tamyca. Die Idee dahinter: Interessen von Autobesitzern und Gelegenheitsfahrern zusammenbringen, wie es die Betreiber von tamyca formulieren. Erstere können sich den Unterhalt ihres Fahrzeugs durch andere Fahrer mitfinanzieren lassen, das andernfalls den Großteil der Zeit ungenutzt herumstünde. Letztere sparen sich die teure Anschaffung und die laufenden Kosten eines Wagens. Eine Spritztour vom Zentrum in München aus? Eine Suche im Umkreis von zwei Kilometern spuckt gute 20 Treffer aus – vom Transporter Typ Fiat Doblo über den schnittigen BMW Z4 bis hin zum gediegenen Opel Astra. Spontane Trips klappen allerdings nicht immer: Die angegebenen Antwortzeiten der Anbieter für Anfragen liegen bei bis zu vier Tagen. Vor dem Start müssen sich Mieter und Vermieter außerdem noch zur Schlüsselübergabe treffen. Abgerechnet wird per Kreditkarte, Lastschrift, Sofortüberweisung oder PayPal. Während der Fahrt ist der Mieter über eine Voll- oder Teilkasko-Versicherung von tamyca abgesichert.

Firmenfuhrpark per SaaS besser auslasten

6. Carsharing für Firmenkunden: In dieses Modell fallen Carsharing und Mitfahrgelegenheiten speziell für  Firmenflotten. In den USA hat die Autovermietung Avis 2011 das Programm „On Location“ gestartet. In Deutschland kümmert sich beispielsweise Fleetster gezielt um sogenanntes „Corporate Carsharing“.  Mit Dienstwagen ist es nicht anders als mit privaten Autos: Abgesehen von Außendienstler-Fahrzeugen stehen sie die meiste Zeit ungenutzt in der Garage. Fleetster zielt darauf, den Fuhrpark von Firmen besser auszulasten, vom Fahrrad bis zum LKW. Das spart Fahrzeuge und erlaubt bei ausreichender Kapazität, dass Mitarbeiter Pool-Fahrzeuge zum Beispiel am Wochenende für die Fahrt an den Badesee nutzen. Die Plattform nutzen Unternehmen ohne lokale Installation als Software-as-a-Service. Über Browser oder App buchen Mitarbeiter freie Fahrzeuge, den Schlüssel erhalten sie am Empfang oder über einen Schlüsseltresor. Die Pro-Version für eine unbegrenzte Zahl an Nutzern und Fahrzeugen kostet zehn Euro im Monat, die Eco-Variante mit zusätzlichem Reichweiten-Management für Elektroautos fünf Euro mehr.

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7. Parken: In den Zentren großer Städte raubt die Suche nach einem freien Parkplatz Autofahrern viel Zeit. Spezielle Dienste informieren über freie Plätze, bei manchen lassen sich Stellplätze auch vermitteln oder untervermieten. In weltweit 40 Ländern in mehr als 6000 Städten informiert die Plattform Parkopedia über insgesamt mehr als 28 Millionen Parkplätze. Verzeichnet sind öffentliche Parkhäuser, Parkzonen am Straßenrand und auch private Stellflächen, die die Besitzer gegen Geld zur Verfügung stellen. Beim Klick auf die Markierung eines Parkplatzes auf dem Stadtplan öffnet sich ein Fenster mit umfangreichen Angaben: Öffnungszeiten, Tarife, Informationen zu Überdachung oder Kameraüberwachung und Nutzerbewertungen. Manche Parkplätze lassen sich direkt reservieren. Bei allen anderen zeigt sich ein Manko des Dienstes: Echtzeitinformationen über freie Parkplätze fehlen. Dem Fahrer bleibt also unter Umständen nicht erspart, an einem besetzten Parkhaus vor der Schranke wenden und erneut suchen zu müssen. Immerhin erfährt er über Parkopedia sofort, wo in der Umgebung es freie Plätze geben könnte. Die ursprünglich für iPhone programmierte App ist auch für Android und Windows Phone sowie als Web-App verfügbar, eine Blackberry-Version ist laut den Betreibern in Arbeit.

8. Mitfahrgelegenheiten: Diese Art, sich ein Auto zu teilen,  stammt noch aus der Vor-Internet-Zeit und ist damit längst nichts Neues mehr. Dank Internet und Smartphones lässt sich das Mitfahren heute allerdings nahezu in Echtzeit organisieren. Fahrten weltweit lassen sich auf der Plattform PickupPal finden. Mehr als 168.000 Mitglieder hat das Netzwerk, mehr als 140.000 Fahrten in mehr als 120 Ländern stehen im System. Gezielt nach Fahrten zu bestimmten Zeitpunkten suchen lässt sich mit PickupPal allerdings kaum. Die Suchmaske erlaubt nur die Eingabe des Zielortes, die Ergebnisliste führt alle Fahrten dorthin auf. Eine Fahrt zum gewünschten Zeitpunkt muss sich der Nutzer dann aus der Liste heraussuchen.

Taxi-App neuerdings mit Kartenleser

9. Taxi Apps: Binnen kurzer Zeit haben Taxi-Apps den klassischen Taxi-Zentralen das Leben ganz schön schwer gemacht. 2009 als Start-Up in Hamburg gegründet, hat sich die App myTaxi mittlerweile in weiteren deutschen Städten und in anderen Ländern etabliert. Ob in Zürich, Barcelona oder London: Überall lassen sich Taxis direkt über die App myTaxi bestellen. Mit dem Zusatzdienst myTaxi Payment können Fahrgäste direkt im Taxi von Smartphone zu Smartphone Fahrten abrechnen. Seit diesem Frühjahr bietet myTaxi auch einen Kartenleser an. Der Fahrer steckt ihn auf sein Smartphone auf, dort funktioniert er im Zusammenspiel mit der App. Die EC- oder MasterCard des Fahrgastes wird durch den Leser gezogen, auf dem Display des Fahrers unterschreibt der Passagier. Bisher hat myTaxi die Kartenleser in Deutschland, Spanien und den USA eingeführt. Künftig sollen auch VISA-Karten akzeptiert werden. Verfügbar sind die Apps für iPhone und Android-Smartphones, die Fahrgast-Version zusätzlich für Windows Phone.

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1 comment

  1. Michael W

    Coole Übersicht, vielen Dank dafür;-)

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