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Aus dem Regenwald in den Medikamentenschrank

Feature | 23. August 2017 von Judith Magyar 0

Normalerweise verdienen Pharmaunternehmen ihr Geld mit kranken Menschen. Ein brasilianisches Unternehmen jedoch setzt auf Analysen und ganzheitliche Heilmethoden, damit wir gesund bleiben.

Vor vielen Jahren spielte ein junger Mann namens Victor Siaulys mit seinen Freunden an einem Strand in Brasilien Fußball, als sich einer von ihnen das Knie verdrehte. Das Knie begann anzuschwellen, weshalb einer der jungen Männer ein paar Blätter Eisenkraut pflückte, das am Strand wuchs. Er wickelte die Blätter in ein mit Alkohol getränktes Tuch ein, mit dem er das Knie provisorisch verband. Er war in der Nähe der Fischerdörfer im brasilianischen Mata Atlântica aufgewachsen. Hier im atlantischen Regenwald wurde noch immer die traditionelle Volksheilkunde praktiziert, weshalb er mit der erstaunlichen antioxidativen Wirkung dieser recht unscheinbaren Pflanze vertraut war.

Kurze Zeit später übernahm er zusammen mit zwei Freunden ein kleines Labor, das von Dr. Philipe Aché gegründet worden war. Sie träumten davon, Medikamente zu entwickeln, mit denen sie die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen fördern und ihnen ein langes und besseres Leben ermöglichen konnten. Heute ist ihr Unternehmen Aché einer der größten Pharmahersteller Brasiliens.

Die drei Gründer waren vom ersten Tag an stolz darauf, die besten Medikamente für die Gesundheit und die Bedürfnisse der Brasilianer im Land selbst zu entwickeln. Vor 39 Jahren wurde mit dem Entzündungshemmer Acheflan in Brasilien erstmals ein pflanzliches Arzneimittel auf den Markt gebracht. Es basiert auf dem Extrakt der Cordia Verbenacea und wird für die Behandlung chronischer Sehnenentzündungen und Muskelschmerzen eingesetzt.

„2015 wurde in Brasilien ein Gesetz zum Schutz der Artenvielfalt verabschiedet, mit dem das unglaublich reiche genetische Erbe und das überlieferte Wissen der lokalen Bevölkerung geschützt werden sollen“, erläutert Paulo Nigro, Geschäftsführer von Aché. „Das Gesetz soll Privatunternehmen den Zugang zu diesem Erbe erleichtern, beispielsweise zu traditionellem Saatgut und Heilpflanzen, um diese gewerblich zu nutzen. Aché hat sich zu ethischen Geschäftsgrundsätzen verpflichtet. Das neue Gesetz ermöglicht es uns, in großem Umfang in die Erforschung und Nutzung dieser Pflanzen in Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden zu investieren. Nach der Markteinführung eines Produkts fließt ein Prozent der Nettoeinnahmen zurück an die Gemeinden, um einen nachhaltigen Umgang mit den Pflanzen zu fördern.“

Digitalisierung ermöglicht Innovationen

Aché hat als traditioneller Arzneimittelhersteller angefangen. In einer Hinsicht jedoch unterscheidet sich das Unternehmen von anderen Pharmaherstellern: Schon früh kamen digitale Tools und Plattformen zum Einsatz, um effiziente Geschäftsprozesse zu unterstützen. Die Einsparungen, die damit möglich werden, investiert das Unternehmen umgehend in die Forschung und die Entwicklung von Medikamenten, von denen Patienten profitieren. „Wir wissen natürlich, wie teuer Medikamente sind“, erklärt Paulo Nigro.

Radikale Innovationen, so seine Überzeugung, beginnen mit einem leeren Blatt. Und die Herausforderung endet nicht mit der Diagnose für einen Patienten, sondern es müssen auch jederzeit die für die Behandlung erforderlichen Medikamente verfügbar sein. Dafür zu sorgen, dass Medikamente stets in den Apotheken vorrätig sind, ist eine der Herausforderungen in der Lieferkette, die Aché durch die Vereinfachung von Prozessen bewältigen möchte.

„In einer vernetzten Welt ohne Grenzen, in der es immer mehr auf Echtzeitabläufe ankommt, müssen wir effizient sein“, bekräftigt Sidinei Righini, IT-Chef von Aché. „Wir implementieren derzeit SAP S/4HANA als digitalen Kern, mit dem wir unsere Prozesse vereinfachen können. Das ist jedoch nur der erste Schritt auf unserem Weg zum digitalen Unternehmen. Langfristig möchten wir einen durchgängigen bimodalen Ansatz verwirklichen, indem wir SAP HANA für unsere Geschäftsabläufe nutzen und neue Anwendungen auf der SAP Cloud Platform modellieren.“

Prävention durch personalisierte Daten

Da wir immer älter werden, stellt sich vielen Menschen die Frage nach der Lebensqualität im Alter. „Unser Ziel ist nicht die Behandlung, sondern die Prävention“, erläutert Paulo Nigro. „Wir erfassen und analysieren die Daten unserer sechs Millionen Nutzer, um daraus Programme für einen gesunden Lebensstil zu entwickeln. Wir müssen in einem sehr komplexen Geschäftsumfeld alle erreichen – also Ärzte, Krankenhäuser, Patienten, Hersteller von Wearables und anderen Geräten sowie Forscher. Durch den Einsatz von Analysen, künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen können wir Ärzten personalisierte Daten zur Verordnung präventiver Maßnahmen bereitstellen, die die Gesundheit fördern, anstatt Krankheiten zu bekämpfen.“

Nachhaltigkeit als erklärtes Ziel

Nach Ansicht von Paulo Nigro entstehen Umweltkatastrophen wie der verheerende Dammbruch von Bento Rodrigues in der Regel dann, wenn Systeme an ihre Grenzen stoßen. „Für den Erfolg eines Unternehmens sind Integrität und ethisches Verhalten entscheidend“, resümiert er. „Wenn ich eine unethische Entscheidung treffe, gefährde ich damit das gesamte Unternehmen.“

Aché investierte als erstes Pharmaunternehmen in Brasilien in die nachhaltige Nutzung der Artenvielfalt und die Einführung einer ISO-Zertifizierung. Der Hersteller hat umfassende Programme für die Wiederverwertung oder Aufbereitung von kontaminierten Materialien, Abfällen und Abwasser eingeführt. Und obwohl Aché in privater Hand ist, veröffentlicht das Unternehmen seine Finanzergebnisse und gilt damit als Vorreiter der Branche.

Ein Unternehmen, das Mehrwert schafft und die Gesellschaft daran teilhaben lässt, fördert automatisch auch nachhaltige Praktiken, die das Leben der Menschen verbessern.

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