ADAC: Vorbeugen gegen Fachkräftemangel

Feature | 9. April 2013 von Andreas Schmitz 0

Foto: ADAC

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Vor gut einem Jahr zog der Allgemeine Deutsche Auto Club (ADAC) in ein neues Gebäude. Ab sofort bekamen die Mitarbeiter ihren Caddy, eine Art Rollschrank, zur Verfügung gestellt und dürfen sich jeden Morgen aufs Neue einen Schreibtisch suchen, an dem sie arbeiten möchten. Für alle 2.500 Mitarbeiter in der ADAC-Zentrale, darunter knapp 300 IT-Kollegen, gab es nun keine festen Sitznachbarn mehr. Auch für Mitarbeiter, die bereits mehr als zwanzig Jahre im Unternehmen waren, gab es keine Ausnahme.

Die meisten arbeiten in den auf Weinrauchs DIN A3-Sitzplan gelb markierten Bereichen, Großraumbüros mit luftig gestellten höhenverstellbaren Schreibtischen. Dann gibt es eine Handvoll Cockpits, Einzelbüros für wichtige Telefonate und ruhiges, konzentriertes Arbeiten – grün markiert. Selbst innerhalb des Raumes, in dem sich der Leitstand der zwei ADAC-eigenen Rechenzentren befindet, ist freie Platzwahl angesagt. Lediglich Führungskräften (blau) wurden Einzelbüros zugestanden, die allerdings bei Urlaub oder Abwesenheit auch von den anderen Mitarbeitern genutzt werden können und sollen.

„Neue flexible Denke“ fördern

Die Idee wurde vom Fraunhofer Institut für Arbeit und Organisation (IAO) im Projekt Office 21 erdacht: Mobiles, flexibles und dezentrales Arbeiten nennen das die Arbeitsforscher. Was heißt das? Für Weinrauch ist das vor allem eine „neue flexible Denke“, die er sich von seinen Mitarbeitern erhofft. Um Fragen zu klären, ist der Weg zum Kollegen schnell mal zurückgelegt – verbesserte „Face-to-Face-Kommunikation“ heißt das dann offiziell. Auch Freiberufler können sich unter die Festangestellten mischen und finden in der Regel auch einen freien Platz. „Wir haben mit einer Belegungsquote von 85 Prozent geplant“, sagt Weinrauch, „einige sind auch Dienstreise, im Urlaub oder krank – dann haben wir immer noch ein Puffer für Externe, die uns projektbezogen unterstützen.“ Weiterer Vorzug: Reorganisationen und projektbezogenes „Zusammensitzen“ sind einfacher zu bewerkstelligen als bisher. „Es ist kein aufwendiger Umzug von Schränken, Schreibtischen und Telefonen nötig“.

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Die vier großen Trends des Fraunhofer IAO:

Das Fraunhofer-IAO aus Stuttgart macht aktuell vier große Trends aus, die die Zukunft der Arbeit beschreiben und die auch beim ADAC angewandt werden:

1. „Die Volatilität von globalen Angebots- und Nachfragemärkten führt zu hohen Flexibilitätsanforderungen an Unternehmen und ihre Belegschaften. Produktlebenszyklen werden kürzer, Innovationszyklen schneller.“

Neben seinem Kerngeschäft der Pannenhilfe auf den Straßen und der Betreuung seiner mehr als 18 Millionen Mitglieder ist der ADAC auch in anderen Geschäftsfeldern aktiv – verkauft Reisen, Reisführer, Wanderkarten, entwickelt Apps. Circa 80 solcher Angebote hat der ADAC bis dato in seinem mobilen Digital-Portfolio. Eine Navigationsapp etwa hilft ADAC-Mitgliedern, Staus frühzeitig zu erkennen, indem sie die Standortinformationen der Smartphones und Tablets automatisch auswertet.

2. „Demographischer Wandel und ein neues Selbstbewusstsein von Erwerbspersonen verschieben die Machtverhältnisse auf betrieblichen Arbeitsmärkten.“

Wer als Experte im Bereich IT arbeitet, weiß um seinen Wert. Nicht selten sind die Arbeitskräfte, die von den Erfahrungen und Fähigkeiten Idealkandidaten sind, nicht erst 30 Jahre alt – wie erhofft – sondern über 50. Beim ADAC gehört es zur Personalpolitik, einen Mix aus älteren und jungen Mitarbeitern zu fördern.

(Foto: ADAC)

CIO Günter Weinrauch vom Allgemeinen Deutschen Auto Club (ADAC) (Foto: ADAC)

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3. „Technologische Innovationen machen unabhängiger von festen Arbeitsorten, Arbeitszeiten und Arbeitsaufgaben.“

Jeder Mitarbeiter beim ADAC ist mit eigenem Laptop ausgestattet und kann im Fall der Fälle im Homeoffice arbeiten. Dabei sieht Weinrauch ähnlich wie auch Yahoo-Chefin Marissa Meyer den besonderen Wert der Zusammenarbeit in der Anwesenheit im Büro, denn: „Gerade IT-ler neigen ja dazu, eher weniger als zu viel zu reden“. Die Mitarbeiter sollten also möglichst auch vom Informationsfluss vor Ort profitieren. Das Motto beim ADAC deshalb: „So flexibel wie es sinnvoll ist“.

4. „Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. Arbeit der Zukunft ist gestaltbar.“

Immer mehr Menschen sehen auch in der Freizeit und in ihren Hobbys einen wichtigen Ausgleich zum stressigen Alltag und machen diese Priorität auch gegenüber dem Arbeitgeber klar. Etwa 15 Prozent der Mitarbeiter der ADAC-IT sind dort momentan in Teilzeit beschäftigt. Darf man Fraunhofer-Forschern Glauben schenken, dürfte der Anteil eher wachsen als sinken.

Was der ADAC seinen Mitarbeitern in puncto Flexibilität mit Office 21 zumutet, bedeutet für einigeMitarbeiter sicher eine Veränderung, die nicht ganz einfach ist. Dafür setzt der ADAC im Gegenzug aber ebenso auf Flexibilität – nämlich in den Auswahlkriterien für die Einstellung: „Es ist ein deutsches Phänomen, auf dem Arbeitsmarkt ausschließlich den einen Idealkandidaten zu suchen“, sagt ADAC-Manager Weinrauch, der in 2013 zwanzig neue Mitarbeiter einstellen wird und in der Vergangenheit auch schon einen Kandidaten für die IT-Beratung eingestellt hat, der mit 59 Jahren für das Arbeitsamt sicher allein wegen seines Alters als „unvermittelbar“ gegolten hätte. „Bei Berufseinsteigern müssen Sie damit rechnen, dass die Kollegen nach drei bis fünf Jahre wechseln“, sagt Weinrauch, „diese Zugehörigkeitsdauer übertrifft ein neuer Mitarbeiter um die 50 im Normalfall leicht“. Zudem weiß jemand mit Erfahrung oftmals besser Bescheid: „Was hilft es mir, wenn ein Junger zwar schneller ist, aber in die falsche Richtung läuft, weil er das große Ganze nicht realistisch einschätzen kann? Entscheidend ist hier die richtige Mischung“.

Mitarbeiter in der ADAC-Zentrale in München (Foto: ADAC)

Mitarbeiter in der ADAC-Zentrale in München (Foto: ADAC)

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