Mehr als eine „teure Schreibmaschine”

Feature | 3. Juli 2012 von Angela Dunn 0

Shanghai; Foto: SAP

Alex Atzberger arbeitet in einem kleinen und bescheidenen Büro im 31. Stock des Ciro Plaza in der Nanjing Road. Von seinem Fenster blickt er auf den Central Business District von Schanghai, und auf der anderen Straßenseite befindet sich die ehemalige Pferderennbahn, auf der sich die Reichen der Stadt bei Pferderennen und Wetten amüsierten, bis dies nach der Machtübernahme durch die Kommunisten 1949 verboten wurde. Im ehemaligen Klubhaus sind heute eine Kunstgalerie und das Restaurant „Kathleen’s“ untergebracht. Den Niederlassungen von Mercedes, Porsche, Maserati und Ferrari nach zu urteilen, setzt die wohlhabende Oberschicht von Schanghai ihr Geld inzwischen eher auf Sportwagen als auf Vollblüter.

"Auf dem chinesischen Markt gibt es einen enormen Informationsbedarf. Wir müssten das Bewusstsein der Unternehmen für unsere Lösungen schärfen", sagt Alex Atzberger, Senior Vice President, SAP; Foto: SAP

Von seinem Büro im Herzen der größten Stadt der weltgrößten Volkswirtschaft hat Alex Atzberger seine Umgebung wie ein militärischer Stratege gut im Blick. Der Absolvent der Harvard Business School wurde bereits mit 35 Jahren zum Senior Vice President berufen und ist der Kopf hinter dem zwei Mrd. Dollar schweren Investitionsplan der SAP für China. Auch für die Umsetzung des sogenannten China-Plans ist er verantwortlich. Die Wände von Alex Atzbergers Büro werden lediglich von einer Landkarte von China geschmückt, auf der Haftnotizen die Städte markieren, in denen die SAP neue Niederlassungen einrichten möchte.

Ausbau der Präsenz durch weitere Niederlassungen

Für Alex Atzberger ist China die Region mit dem größten Marktpotenzial für SAP. „Wir müssen in mehr Städten vertreten sein“, erläutert er die Strategie zur Ausweitung der Präsenz des Unternehmens. Dies ist jedoch nur ein Aspekt einer langfristig ausgelegten Gesamtstrategie, die sich auf fünf Pfeiler stützt. Neben einer stärkeren Präsenz in China sollen spezielle Lösungen für den chinesischen Markt entwickelt, das Netz der Vertriebspartner ausgebaut, das Markenbewusstsein durch gezielte Kampagnen geschärft und die gemeinsame Innovation mit Partnern vorangetrieben werden. Bereits vor einigen Jahren entsandte die SAP den Leiter der Support-Organisation nach Peking, und in diesem Jahr sollen zahlreiche neue Mitarbeiter eingestellt werden. „Wir können nur Erfolg haben, wenn all diese Aspekte zusammenwirken“, so die Einschätzung von Alex Atzberger.

Die SAP richtet Niederlassungen in den ehemaligen Sekundärstädten ein, die sich zunehmend zum Motor der chinesischen Wirtschaft entwickeln. Hierzu gehören Städte wie Wuhan, das wegen seiner sengenden Hitze im Sommer auch als „Ofen Chinas“ bezeichnet wird, und Xi’an, wo bei Ausgrabungen einst die berühmte Terrakotta-Armee entdeckt wurde. Die Hauptstadt Peking ist als Schaltzentrale für SAP China aufgrund des dortigen öffentlichen Sektors unersetzlich, und Schanghai ist und bleibt das wirtschaftliche Zentrum Chinas. Die riesige Fertigungsindustrie Chinas ist größtenteils im Ballungsraum Schanghai und dessen Umgebung angesiedelt. Alex Atzberger erläutert, dass über 70 Prozent des chinesischen BIP in 100 Städten mit mehr als einer Million Einwohnern erwirtschaftet werden.

Den Nutzen der SAP-Lösungen besser kommunizieren

Er ist sich der Tatsache bewusst, dass die SAP den Nutzen ihrer Lösungen den Kunden in China noch besser kommunizieren muss und die SAP-Software bei chinesischen Unternehmen mitunter den zweifelhaften Ruf einer „teuren Schreibmaschine“ genießt. Durch gezielte Kundenorientierung und eine stärkere Präsenz vor Ort sollen diese Missstände behoben werden. „Auf dem chinesischen Markt gibt es einen enormen Informationsbedarf. Wir müssten das Bewusstsein der Unternehmen für unsere Lösungen schärfen“, erläutert er. Spezielle Teams werden sich daher um Branding, die Zusammenarbeit mit Vertriebspartnern und den Aufbau eines funktionierenden Kunden- und Partnernetzes kümmern. Unter anderem ist geplant, Veranstaltungen wie das „SAP-Forum“ in den Städten abzuhalten, in denen die SAP neue Niederlassungen einrichtet.

Doch wie möchte er den Unternehmen in China zu besseren Abläufen verhelfen? Ein Weg führt über die Top-Kunden. „Einige unserer Lösungen decken die Anforderungen, die Unternehmen auf dem hiesigen Markt bereits heute haben, nicht ab“, gibt Alex Atzberger mit entwaffnender Ehrlichkeit zu. „Die Anforderungen liegen jedoch in Bereichen, in denen wir stark sind. Ein Beispiel sind die enormen Datenmengen, die verarbeitet werden müssen – ein perfekter Einsatzbereich für SAP HANA. Eine weitere Anforderung sind die speziellen Berichtsstandards in China. Diese können wir in unsere Produkte integrieren. Es geht also nicht nur um Lokalisierung, sondern vielmehr darum, in China Lösungen für China zu entwickeln.“

Alex Atzberger erinnert sich, wie er als kleiner Junge in Deutschland von den neuen Hochgeschwindigkeits-ICEs fasziniert war. Heute gleitet der Transrapid Shanghai, die weltweit einzige Magnetschwebebahn mit Technologie von Siemens, mit Geschwindigkeiten von bis zu 430 km/h durch die ehemaligen Reisfelder von Pudong und bringt Reisende in nur acht Minuten vom Flughafen in die Stadtmitte. Mit dem Taxi würde die Fahrt mindestens 45 Minuten dauern.

Vorreiter beim Einsatz neuer Technologien

„Was ich um mich herum an Technologie sehe, ist einfach unglaublich“, sagt er und beschreibt begeistert den neuen, weltgrößten Bahnhof von Nanjing und die hochmodernen Züge, die Deutschland Generationen voraus sind. „Da es noch keine vorhandene Infrastruktur gibt, kann es sich China erlauben, die neueste und beste Technologie einzusetzen.“ Aus denselben Gründen sind chinesische Unternehmen Vorreiter beim Einsatz innovativer Technologien und setzen auf Cloud-basierte und mobile Lösungen. „Es gibt in China viele private und mittelständische Unternehmen mit großen Ambitionen. Dieses Segment hinkt den großen internationalen Konzernen und staatlichen Unternehmen vermutlich hinterher, was den Einsatz von Technologie betrifft, ist aber zugleich das Segment, das Innovationen am schnellsten auf den Markt bringt und die größte Offenheit zeigt“, berichtet Alex Atzberger und bezeichnet diese Unternehmen als „die Zielgruppe“ für die Innovationen von SAP in China.

Nach einem kürzlichen Besuch in Nanjing bat SAP-Aufsichtsratsvorsitzender Hasso Plattner die Geschäftsführung von SAP China, die Möglichkeiten zur Einrichtung eines Innovations- und Forschungszentrums in Kooperation mit der Universität Nanjing zu prüfen. Die verschiedenen Stadtbezirke von Nanjing konkurrieren miteinander um ausländische Investoren, indem sie ihnen Landparzellen in Softwareparks oder High-Tech-Zentren ähnlich dem Silicon Valley anbieten, erläutert Alex Atzberger. „Huawei beschäftigt dort bereits 10.000 Entwickler“, verweist er auf das Beispiel eines riesigen und erfolgreichen IKT-Unternehmens aus der Region.

„Es ist beeindruckend, in welchen Dimensionen die chinesische Regierung denkt und in welchem Ausmaß die Entscheidungen auf Ebene der Provinzen getroffen werden. China hat langfristige Ziele im Blick und tut wirklich alles dafür, dass sich Investoren im Land engagieren. Es ist einfach unglaublich. Wir prüfen derzeit die verschiedenen Angebote“, so Alex Atzberger.

Was der Westen von China lernen kann

Die Regierung spielt in der chinesischen Wirtschaft bekanntermaßen eine wichtige Rolle. Für Alex Atzberger ist von Interesse, welchen Nutzen westliche Unternehmen aus ihrem Engagement in China ziehen können: „Wir müssen gemeinsam mit China erfolgreich sein, nicht nur in China Erfolg haben. Unser Wertversprechen ist sehr groß. Die deutsch-chinesischen Beziehungen sind ausgezeichnet, und wir tauschen Best Practices mit anderen deutschen Unternehmen aus“, berichtet er. Auch die Zusammenarbeit bei Themen wie Nachhaltigkeit sei hervorragend. Er vermutet, dass lokale Unternehmen bei Entscheidungen lokaler Behörden zur Auftragsvergabe mitunter im Vorteil sind. Dabei zeigt er eine überraschend „chinesische“ Haltung und hat auf die Frage, was der Westen von China lernen könne, sofort eine klare Antwort parat:

„Es empfiehlt sich, einen Plan zu haben. Ich glaube fest an Marktmechanismen. In den Jahren, in denen es bei SAP nicht so gut lief, hatten wir keine klare langfristige Strategie. Auch Länder brauchen eine klare langfristige Strategie. Man muss wissen, was man erreichen möchte. Und China weiß das.“

Alex Atzberger wurde im Jahr des Drachen in Hongkong geboren und war damit für seine tragende Rolle bei der Entwicklung des China-Plans der SAP prädestiniert. Er erzählt, wie seine Mutter Deutschland Ende der 1960er-Jahre verließ und nach Malaysia ging, wo ihr Mann arbeitete. Durch den Beruf des Vaters lebte die Familie in unterschiedlichsten Ländern auf der ganzen Welt, was die Weltanschauung von Alex Atzberger entscheidend prägte. „Mir hat es schon immer gefallen, das große Ganze im Blick zu haben“, sagt er und schaut hinaus auf die riesige Millionenstadt, die sich bis zum Horizont erstreckt.

 

 

 

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