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Analytics: Gewährleistungen in der Massenproduktion

Feature | 6. November 2017 von Andreas Schmitz 4 Hot Story

Mann+Hummel produziert 170 Millionen Filter im Jahr. Werden Teile reklamiert, regelt oft eine Quote, mit welchem Prozentsatz sich der Ludwigsburger Autozulieferer an den Schäden beteiligen muss. Eine neue Analysemethode schafft nun mehr Klarheit.

Wenn Autohersteller wie Audi, VW, Daimler oder BMW Produkte von Mann+Hummel verbauen, geht die Anzahl der Teile schnell in die Tausende. Denn bei den Öl-, Kraftstoff- oder Innenraumfiltern des Ludwigsburger Autozulieferers handelt es sich um vergleichsweise kleine Teile. Zu wissen, welche Produkte und Chargen von welchen Bauteilen reklamiert werden, ist für Autozulieferer Mann+Hummel eine Herausforderung. Denn die Autobauer – die OEMs – übermitteln die Listen der betroffenen Einzelteile meist in Excel-Listen mit über 1.000 Positionen.

Gewährleistung: Wer ist verantwortlich?

Es gibt in der Regel zwei Gründe für die Reklamation von Bauteilen. Zum einen gibt es jene Teile, die bereits beim Einbau auffallen, weil sie defekt sind. Diese „0-Kilometerfälle“ sind gut dokumentiert und werden meist zurückgeschickt. Die weitaus komplexeren Fälle sind jene Teile, die in der Gewährleistungsfrist kaputt gehen. Ist etwa ein Ölfilter bereits innerhalb der ersten zwei Jahre nach dem Verkauf eines Fahrzeuges defekt, ist ein Autohersteller, der das Produkt einsetzt, dazu verpflichtet, ihn kostenfrei auszutauschen. Wer jedoch für den Schaden aufkommen muss, ist nicht eindeutig.

Nur jedes zwanzigste „Schadteil“ wird geprüft

„Jedes einzelne Bauteil zu prüfen, wäre sehr aufwendig“, erläutert Rainer Müller, Director of Global Warranty, bei Mann+Hummel. Deshalb entscheidet sich der Hersteller (nicht zuletzt aufgrund anfallender Transportkosten) meist dafür, nur einen geringen Anteil der Teile zur Prüfung an den Produzenten zurückzuschicken. Zudem verhandeln Hersteller und Kunde einmal im Jahr ihren Anteil an Kosten für defekte Produkte. „Manchmal haben die Teile tatsächlich einen Mangel, manchmal sorgen auch Verbau- oder Bedienfehler auf Kundenseite für Probleme“, erläutert Müller diesen Kompromiss.

Zentrale Datenbank: Eine Sicht auf alle Excel-Listen der OEMs

Viele wichtige Informationen stecken in den Excel-Listen. Um welches Produkt handelt es sich? In welchem Fahrzeug wurde es eingesetzt? Seit wann? Bei welcher Laufleistung ist es ausgefallen? Wie lange ist der Fahrzeugtyp schon am Markt? Zudem gibt es für jeden Defekt einen Fehlercode. Seit kurzem fließen bei Mann+Hummel diese Informationen aus den diversen Formaten der Excel-Listen in eine zentrale Datenbank hinein, die über die „Automotive Consulting Solution“ von SAP eingebunden wird. Der Vorteil liegt darin, dass der Ludwigsburger Konzern mit knapp 3,5 Milliarden Euro Umsatz nun kundenübergreifend die Informationen über Reklamationen analysieren kann. „Die einheitlich deutlich größere Datengrundlage ist zudem die Basis für unsere neue Reporting-Strategie“, erläutert der Warranty-Verantwortliche Müller von Mann+Hummel.

Generell sind zwei Analysen besonders interessant, die nun davon profitieren, dass nicht mehr verschiedene Datenquellen im Einsatz sind:

Mit Hilfe der nun auch bei Mann+Hummel eingesetzten Schichtlinienanalyse ist es nun möglich, herauszufinden, wie hoch die Ausfallmenge je nach Lebensdauer des Produktes ist. Jedem Bauteil kann so eine Ausfallrate etwa nach zwölf, 15 oder 18 Monaten zugeordnet werden. Zudem lässt sich analysieren, ob es Werke oder Länder gibt, die durch viele Reklamationen auffallen und damit Indizien dafür geben, das Produktionsverfahren zu überprüfen oder in speziellen klimatischen Zonen alternative Produkte anzubieten.

Ebenfalls interessant ist der zentralisierte Datenpool für die Weibull-Analyse. Hier geht es darum, herauszufinden, zu welchem Zeitpunkt ein Bauteil mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ausgefallen sein wird. Zudem lässt sich analysieren, ob Produkte regional unterschiedlich zuverlässig sind oder in bestimmten Fahrzeugen länger eingesetzt werden können.

„Produktionsschwächen zu kennen ist wichtig, um sie so schnell wie möglich wieder abstellen zu können“, erläutert SAP-Experte Clemens Paulus den Sinn der Analysemethoden, der darüber hinaus vor allem drei konkrete Vorteile in der neuen auf SAP Warranty Management basierenden Automotive Consulting Solution sieht:

  • Durch eine einheitliche Datenbasis sind die Daten transparenter für den Hersteller, der nun konkrete Analysen und Reports erstellen kann.
  • Die internen Prozesse lassen sich harmonisieren, denn für jeden OEM gibt es nun einen klar definierten Prozess von der Erfassung und Speicherung der Daten über deren Analyse bis hin zur Finanzbuchhaltung.
  • Auch die Zuordnung der Kosten durch die Begleichung der Schäden wird nun einfacher, da sich auf Basis der Kundendaten sofort die richtigen Kostenstellen allokieren lassen.

Gute Basis für künftige „Faktorverhandlungen“

Klar ist, dass mit dieser Lösung auch die Zahlungsquote für einzelne Produkte sinken wird – besonders vor dem Hintergrund, dass der weltweite Rollout vor wenigen Wochen weitgehend abgeschlossen wurde. Diese jährliche „Faktorverhandlung“, wie der Mann+Hummel-Experte Müller sie nennt, wird künftig auf jeden Fall auf mehr konkreten und vor allem präziseren Fakten basieren als bisher.

Weitere Informationen:

Erfahren Sie mehr zu SAP Automotive Consulting Solutions im aufgezeichneten Webinar: SAP Automotive Consulting Solutions, Aktuelle Entwicklungen im Hinblick auf S/4HANA und Fiori

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