Andritz wächst, die IT bleibt homogen

Feature | 26. Januar 2009 von Georg Komornyik, Vorstandsmitglied von S&T 0

Firmensitz der Andritz AG in Graz, Österreich (Foto: Andritz AG)

Die Andritz AG
Die Andritz-Gruppe ist ein international tätiger Lieferant von Anlagen, Systemen und Dienstleistungen für die Zellstoff- und Papierindustrie, für Wasserkraftwerke, die Stahlindustrie sowie andere Spezialindustrien (Fest-/Flüssigtrennung, Futtermittel und Biomasse). Der Hauptsitz der Gruppe, die rund 13.000 Mitarbeiter beschäftigt, befindet sich in Graz, Österreich. Andritz verfügt auf der ganzen Welt über Produktionsstätten sowie Service- und Vertriebsgesellschaften.

Aus der Zentrale der Andritz-Gruppe in Graz werden die international agierenden Organisationseinheiten gesteuert. Und das sind eine Menge, denn seit Anfang der 1990er Jahre hat Andritz unter anderem Firmen in den USA, Finnland, Dänemark, Holland, Frankreich, Deutschland, Kanada und Brasilien erworben.

Eine der Folgen: Eine sehr heterogene IT-Landschaft, bestehend aus unzähligen Enterprise-Resource-
Planning(ERP)-Systemen und einer Vielzahl lokaler IT-Lösungen. Die IT-gestützten Geschäftsprozesse folgten auf lokaler Ebene einer jeweils eigenen Struktur und Dramaturgie.

Die Andritz-Gruppe übernahm von den erworbenen Firmen neben zigtausenden Kunden- und Lieferantenstammdaten auch Millionen von Materialstammsätzen. Diese Informationen stellen einen wesentlichen Wert für das Unternehmen dar. Durch unterschiedliche Produktbeschreibungen, Normierungen, physikalische und chemische Eigenschaften sowie zahlreiche Dubletten entwickelten sie sich allerdings auch zu einer der größten Herausforderungen bei der Harmonisierung der Geschäftsprozesse.

Geschäftsprozesse anpassen

Die Aufgabe: Die IT-gestützten Geschäftsprozesse sollten international standardisiert, automatisiert und skaliert werden. Die Grundlage dafür sind verlässliche Stammdaten, die innerhalb der verschiedenen Verantwortungsbereiche (Product Homes) erfasst, standardisiert und harmonisiert werden müssen.

Ein einheitliches Datenmodell definiert die zukünftigen globalen Prozesse. Immer mehr Andritz-Niederlassungen sollen bis zum Jahr 2013 nacheinander in das globale ERP-System in Graz eingebunden werden.

Stammdaten-Template definieren

Für die Verwaltung der Stammdaten wurde ein globales Template auf Basis von SAP ERP definiert. Dieses bildete zunächst die übergreifenden Geschäftsprozesse, später die untergeordneten Prozesse ab. Das Stammdatenmanagement wurde schrittweise im Zuge der SAP-ERP-Einführung umgesetzt. Die Konzeption und Durchführung erfolgte durch die S&T, gemeinsam mit der österreichischen Beratungsfirma CNT und der Andritz-Gruppe.

Dubletten beseitigen und vermeiden

Membranfilterpresse für die Entwässerung von Klärschlamm (Foto: Andritz AG)


Ziel der Stammdatenharmonisierung ist es, für jeweils einen Materialstamm einen Stammsatz mit weltweiter Gültigkeit zu haben. Das gelingt durch vereinheitlichte Materialtexte, die vorhandene Dubletten identifizieren und neue vermeiden.

Dazu wurden bei den Werkstoffen zunächst die Materialeigenschaften sowie die unterschiedlichen internationalen Normierungen erfasst. Nach der weltweiten Vereinheitlichung wurde der Andritz Standardtext (AST) und der Andritz Material Code (AMC) in SAP ERP abgebildet.

1. Herausforderung: Standortspezifische Datenmodelle

Das komplexe Stammdatenmanagement wird wesentlich vom jeweiligen Geschäftsmodell, von der Daten-Historie sowie den betriebswirtschaftlich-
technischen Konzepten der unterschiedlichen Standorte, Geschäftsbereiche bzw. erworbenen Firmen bei Andritz beeinflusst. So kann dasselbe Produkt hier ein „komplexes Zeichnungsteil“ und da eine „einfache Handelsware“ sein – gerade Altkonstruktionen, die abhängig vom jeweiligen Geschäftsmodell sind, stellen häufig ein zentrales Problem dar.

Mitentscheidend für das Datenkonzept sind auch Größe und Art des Standorts:

  • Bei einem Fertigungsstandort für Spezialmaschinen orientiert sich die konkrete Daten-Strategie eher am Fertigwarenbestand und an neuen Produkten.
  • An einem Standort mit Großanlagenbau liegt das Augenmerk auf den beim SAP-Produktivstart abzuwickelnden Kundenaufträgen, inklusive darunter liegenden Stücklisten.
  • Bei einem Service-Standort stehen das Fertigwarenlager und das gängige Ersatzteilprogramm im Fokus.

2. Herausforderung: Stammdatenmanagement und SAP-Rollout

Insbesondere bei der Einführung von SAP-Lösungen hat das Stammdatenmanagement starken Einfluss auf das Projektvorgehen. Die Voraussetzung für ein reibungsfrei ablaufendes Stammdatenprojekt sind stabile und passende SAP-Templates für das lokale Rollout.

Um kurzfristige Belastungsspitzen zu vermeiden, muss dieses Teilprojekt früh starten, Dies kann zu einem Dilemma führen: Ein SAP-Stammdatenkonzept, das global gültig und in die operativen SAP-Prozesse eingebettet ist, kann nur auf der Basis von stabilen SAP-Prozessen umgesetzt werden. Dieser Zeitpunkt ist aber für die Aufbereitung und Migration von Stücklisten und technischen Zeichnungen möglicherweise zu spät – oder führt beim Rollout zu Spitzenbelastungen für das Projektteam.

Andritz hat diese Herausforderung gelöst, indem man technische Materialdaten definierte, die bereits früher bereinigt werden konnten – was die Situation entspannte.

3. Herausforderung: Organisation des Stammdatenmanagements

Während des globalen SAP-Template-Projekts hat ein IT-Projektleiter das Stammdaten-Konzept vorangetrieben. Nach dem ersten Rollout diskutierte man verschiedene Optionen zur Organisation des Stammdatenmanagement in Workshops. Mit dem Ergebnis: Letztendlich gehört das globale Stammdatenmanagement in den Verantwortungsbereich der Geschäftsleitung. Dies verdeutlicht auch die Entscheidung der Andritz-Gruppe, die globale Koordination des Stammdatenmanagements im Verantwortungsbereich eines Global Process Owners (GPO) anzusiedeln.

Denn erst durch ein einheitliches Stammdatenmanagement werden Stücklisten weltweit austauschbar und können ohne Überarbeitung an unterschiedlichen Fertigungsstandorten verwendet werden.

Es geht doch: Harmonische und weniger komplexe Prozesse

Inzwischen arbeiten Andritz-Niederlassungen in Finnland, Dänemark und China sowie die ersten Standorte in den USA und Deutschland mit den harmonisierten Prozessen und Stammdaten. Vor dem eigentlichen Projektstart überprüfte eine spezielle Arbeitsgruppe mittels eines ERP-Prototyps die Leistungsfähigkeit und den Abdeckungsgrad von SAP ERP.

Zunächst konzentrierte man sich auf übergreifende Prozesse wie Finanzwesen, Konstruktion, und die Verwaltung des Produktlebenszyklus (Lifecycle Management), Projekt- und Auftragsabwicklung sowie der Kundenbetreuung. Im anschließenden Business Blueprint (Dokumentation der Geschäftsprozessanforderungen) definierte man dann auch die nach- bzw. vorgelagerten Unterprozesse wie operative Beschaffungs-, Logistik- und Produktionsabläufe und implementierte das globale SAP-Template.

So hat Andritz das SAP-Projekt jederzeit im Griff.

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