Auf den Leib geschneidert

Feature | 19. September 2007 von admin 0

In der Textilwirtschaft ist die Internationalisierung der Produktion nahezu komplett. 95 Prozent der westeuropäischen Bekleidungshersteller produzieren nach aktuellen Schätzungen mittlerweile im Ausland, vor allem in China, Indien und Bangladesh oder in Rumänien, Bulgarien, Serbien, Montenegro oder Bosnien. Die „klassischen“ Produktionsländer für US-amerikanische Anbieter sind Mexiko, Zentralamerika und die Dominikanische Republik. Allerdings vollzieht sich auch hier eine Verschiebung in Richtung Asien, vor allem nach China.
Diese Internationalisierung in der Produktion betrifft die Großen und die Kleinen der Branche gleichermaßen. Für sie bedeutet die Globalisierung vor allem eines: Sie müssen von Europa oder den USA aus die Terminkette in der Beschaffung überwachen, damit die Fertigware pünktlich zu Saisonbeginn in den Geschäften ist. Viele Unternehmen besitzen hierfür jedoch nur ungenügende technologische Voraussetzungen. Sie bestellen Rohware wie Stoffe und liefern diese an ihre Produzenten. Von dort gibt es aber keineswegs permanent Rückmeldung über den jeweiligen Auftragsstatus.
Wurden die Stoffe beispielsweise verschnitten oder ist eine Maschine ausgefallen, treffen hierüber keine oder nur verspätete Informationen bei Vertrieb und Disposition des Auftraggebers ein. Dieser hat dann enorme Schwierigkeiten zu reagieren und den Liefertermin zu halten, indem er auf einen anderen Produktionsstandort ausweicht oder für Stoffnachschub sorgt. Der Handel jedenfalls erwartet, „just in time“ beliefert zu werden – er kann sich leer stehende Regale nicht leisten.

Doppeltes Manko im Mittelstand

Die entsprechenden Informationslücken ließen sich mit moderner IT schließen – doch gerade hier hinkt weltweit die mittelständische Bekleidungsindustrie in doppelter Hinsicht hinterher.
Zum einen verfügen die Auftraggeber in den Abnehmerstaaten oftmals über eine heterogene IT-Infrastruktur. Sie setzen in Entwicklung, Finanzbuchhaltung, Beschaffung, Vertrieb oder Lagerhaltung auf Software-Lösungen verschiedener Hersteller. Das verursacht den bekanntermaßen hohen Aufwand für die Pflege der Schnittstellen. Auf Prozess-Ebene wiederum führt nicht integrierte Software dazu, dass beispielsweise nicht produktbezogene Kosten nur schwer den Kostenstellen zuzuordnen sind.
Neben diesen allgemeingültigen Nachteilen bei fehlender Integration gibt es auch branchenspezifische Probleme. Die vorhandenen IT-Lösungen bilden etwa in der Regel die notwendige Produkt- und Saisonvarianz nicht sinnvoll ab, sind der Flächenbewirtschaftung nicht gewachsen und erfordern hohen Aufwand in der Stammdatenpflege.
Zum anderen ist es um die IT der Produzenten in den Billiglohnländern of noch schlechter bestellt. Viele haben nur eine rudimentäre IT, die sich bestenfalls aus historisch gewachsenen Einzellösungen in den Bereichen Fertigung, Materialwirtschaft und Rechnungswesen zusammensetzt. Andere verfügen sogar nur über ein einfaches Warenwirtschaftssystem.
Nicht selten werden diese Aufgabengebiete in kleineren Fertigungsbetrieben schlichtweg manuell bearbeitet. Kommuniziert wird telefonisch oder per Fax. Das Risiko, dass Aufträge falsch übermittelt werden – beispielsweise infolge von Schreibfehlern oder sprachlichen Missverständnissen – ist hoch, der Prozess langsam. In einer Branche mit Saisongeschäft ist das oft ein entscheidender Nachteil.

Saisongeschäft, Flächenbewirtschaftung, Stammdaten

Abhilfe schafft hier eine ERP-Lösung, die alle Bereiche von der Disposition über Produktion und Logistik bis zu Berichts- und Rechnungswesen einschließlich Kostenrechnung und Profitcenterbetrachtung integriert und zudem Branchenspezifika berücksichtigt – etwa das Saisongeschäft.
Die saisonalen Besonderheiten äußern sich vor allem im „Farbverhalten“ in den jeweiligen Jahreszeiten. Im Frühjahr und Sommer werden vor allem helle Farben nachgefragt, in Herbst und Winter sind es dunkle. Daneben gibt es Farben, die ganzjährig gefragt sind. Dieses Verhalten muss der Bekleidungshersteller bei der Bestellung berücksichtigen. Er muss einen ausreichenden Bestand an „Never-out-of-stock“-Artikeln haben und den saisonalen Anteil überschaubar halten. Eine branchenspezifische Software bildet die Disposition sowohl von Saison- als auch von ganzjähriger Lagerware in einer Lösung ab. Beide Produktgruppen benötigen oftmals dieselben Stoffe, Garne oder Knöpfe, aber in unterschiedlichen Farben. Dabei ist es möglich, Saison- und Lagerware für den Vertrieb getrennt zu führen, aber in der Disposition und Lagerverwaltung zusammenzufassen. Aber auch eine komplett separate Bestandsführung ist möglich.
Die Flächenbewirtschaftung ist eine weitere Besonderheit der Textilwirtschaft. Hersteller müssen zunehmend die Ladenflächen ihrer Händler organisieren. Hierbei kann es sich um rein dispositive Serviceleistungen handeln, etwa um eine selbstständige Nachbestückung, um die vereinbarten Mengen auf der Fläche bereitzustellen. Aber auch konsignationsbasierte Geschäftsprozesse, bei denen die Ware zunächst im Eigentum des Textillieferanten verbleibt und erst bei Verkauf an den Endkunden bezahlt wird, nehmen massiv zu. Um diese unterschiedlichen Varianten der Flächenbewirtschaftung zu unterstützen, müssen kundenspezifische Regelwerke im ERP-System hinterlegt, elektronische Meldungen wie Abverkäufe oder Inventurmeldungen verarbeitet und bei Bedarf flächenspezifische Sortimente abgebildet werden.
Typisch für die Textilwirtschaft sind deswegen riesige Datenmengen, die durch ständig neue Designs, häufige Saison- und Kollektionswechsel und die große Anzahl von Lagermengeneinheiten entstehen. Eine entsprechende Branchensoftware verfügt daher über eine flexible Stammdatenstruktur, die Angaben wie Größe, Farbe und Qualität auf der Ebene der Lagermengeneinheiten berücksichtigt. Die Merkmale – Farbe, Stoff- und Garnart, Knöpfe – werden je Warengruppe definiert, also Herren- oder Damenbekleidung, Ober- oder Unterbekleidung, Hosen, Blusen oder Hemden. Zudem ermöglicht eine solche ERP-Lösung, den Bestand in verschiedene Kategorien aufzuteilen, beispielsweise nach Herkunftsland oder Qualität. Letztlich vereinfachen und beschleunigen Textilhersteller mit einer Branchensoftware die zeitaufwändigen Massenänderungen von Stammdaten, die in der Branche unvermeidlich sind.
Wichtig ist auch, dass die ERP-Software Fremdwährungskonten abbilden kann. Europäische Unternehmen etwa, die in Asien einkaufen, müssen den Lieferanten in aller Regel in US-Dollar bezahlen. Eine leistungsstarke ERP-Lösung ermittelt zudem ausgehend von den Bestellungen und dem aktuellen Bestand an Fremdwährungen automatisch, wann welche Finanzmittel in welcher Höhe für welchen Kunden benötigt werden. Außerdem unterstützt eine ERP-Komplettsoftware alle für die Textilbranche wichtigen Vertriebskanäle und berücksichtigt die aktuellen Zollbestimmungen, Quotenregelungen sowie die Lieferantenkapazitäten.

Informationslücken geschlossen

Bisher waren solche ERP-Lösungen wegen der hohen Anschaffungskosten nur den Großen vorbehalten. Nun sind auch Lösungen für kleinere Unternehmen erhältlich, die auf dem SAP-Branchentemplate SAP All-in-One aufsetzen. 80 Prozent aller Prozesse sind vorkonfiguriert, die Software lässt sich also rasch einführen.
Diese Lösungen mit branchenspezifischer Ausprägung erlauben es beispielsweise, Nachrichten per EDI auszutauschen. Unterstützt werden Standard-Formate wie PRICAT für Preislisten, Artikelstammdaten, EAN-Nummern, Maß- oder Mengenangaben, DESADV für den Lieferavis, INVOICE für Rechnungen, ORDERS für Bestellungen oder LSRPT für Abverkaufsdaten.
Generell sind die mittelständischen Bekleidungshersteller in Europa und den USA damit in der Lage, ausländische Produktionsstätten, Tochtergesellschaften oder Fremdfirmen nahtlos an die eigene IT anzubinden, um vom Heimatstandort aus die Produktion in Echtzeit zu steuern.
Je nach ihrer technischen Ausstattung schicken die Lieferanten diese statusbezogene Rückmeldungen per E-Mail im EDI-Format. Ein Kommunikationsserver wandelt diese E-Mails dann in das Datenformat der ERP-Lösung um und dient somit als Brücke zwischen Mensch und Unternehmenssoftware. Größere und IT-technisch entsprechend ausgerüstete Produzenten können auch auf das XML-Format für den Datentransfer zurückgreifen. In der Regel dürfte der Austausch via EDI oder XML aber nur zwischen den großen Bekleidungsherstellern und ihren eigenen Töchtern und Standorten im Ausland anzutreffen sein.
Für kleine Produzenten und Zulieferer sind vor allem internetbasierte Rückmeldeszenarien interessant, die der große Abnehmer mit Hilfe seiner ERP-Lösung zur Verfügung stellt. Hiermit lassen sich Status- und Terminmeldungen übermitteln und somit die notwendigen Dispositionsläufe fahren. Die entsprechenden Internetverbindungen benötigen nur sehr niedrige Übertragungsraten, da die Eingabemasken nur für den konkreten Vorgang aufgebaut sind. Damit ist auch die Informationslücke zwischen den mittelständischen Herstellern und ihren kleinen Zulieferern geschlossen.

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