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Aufbruch in Kasachstan

Blog | 21. Juli 2016 von Stephan Magura 0

Der junge Staat hat Großes vor. Die SAP soll dabei helfen, die ökonomische Entwicklung der Republik voranzutreiben.

Die ganze Welt blickt auf Kasachstan. Nächstes Jahr. Im Juni.

Dann wird zum ersten Mal ein zentralasiatisches Land Schauplatz der Weltausstellung sein. Wer den Flughafen von Astana mit dem Auto Richtung Stadtzentrum verlässt, kann in einiger Entfernung bereits die Skelette der eindrucksvollen Konstruktionen sehen, die auf dem Gelände der Expo 2017 gerade entstehen.

Die umfangreiche Bautätigkeit auf dem Messegelände – und nicht nur dort wird pausenlos gehämmert und geschweißt – steht symbolisch für die Modernisierung des gesamten Landes. Kasachstan wird neu gebaut, wobei Astana als Regierungssitz, Hauptstadt und ökonomisches Zentrum den Takt vorgibt. Die politische Führung hat das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2050 zu den 30 am stärksten entwickelten Nationen der Welt aufzusteigen. Dazu schafft das seit 1991 unabhängige Land die notwendigen Strukturen.

Organisator des Wachstums

An der Spitze der Modernisierung marschiert „Samruk-Kazyna“. Ein bescheidenes Logo vor einem verglasten Wolkenkratzer mitten in Astana weist den Weg zur Zentrale. Von dort aus steuert der Staatsfonds rund 550 Unternehmen. Zu Samruks Portfolio gehören alle wichtigen Firmen Kasachstans, darunter sämtliche Staatsbetriebe in den strategisch wichtigen Branchen wie Öl- und Gasförderung, Utilities, Verkehrswesen oder Telekommunikation.

„Wenn das Land seine Ziele erreichen will, müssen wir die Führung übernehmen“, meint Samruk-Manager Adamas Ilkevicius, der das ehrgeizige Transformationsprojekt mit seinem Team verantwortet. Und ohne Transformation keine erfolgreiche „Strategy 2050“, das wurde schnell klar: Ausgangspunkt war vor rund drei Jahren ein Benchmark des Fonds und seiner dazugehörigen Firmen mit vergleichbaren Organisationen im Ausland. Damals stellte sich heraus, dass andere Unternehmen bei etwa gleichem Investment wesentlich leistungsfähiger sind. Ilkyavichus: „Also haben wir uns das Ganze mal aus der Vogelperspektive angeschaut – wobei wir erkennen mussten, dass viele notwendige Daten gefehlt haben beziehungsweise unbrauchbar waren.“

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Adamas Ilkevicius (Samruk-Kazyna): „Wir brauchen keinen Software-lieferanten, sondern einen Partner, der mit uns zusammen Business-Lösungen erarbeitet, die Mehrwert generieren.”

Dass man künftig belastbare Daten benötigt, war nur eine Konsequenz der Analysen. Es lag ebenfalls auf der Hand, dass es nicht reicht, nur an einer Schraube zu drehen, sondern dass Samruk-Kazyna sein gesamtes Portfolio an Firmen transformieren muss. Und es braucht Technologie dazu: Ohne zukunftsfähige Informationstechnik können Unternehmen – die zum Teil noch im vergangenen Jahrhundert gegründet wurden – in einer durch und durch technisierten Welt nicht überleben.

Partnerschaft neuer Prägung

Doch was heißt hier zukunftsfähig? In Kasachstan, wo die SAP seit 1997 eine Niederlassung unterhält, zählen sowohl der Fonds als auch seine Portfolio-Firmen zu den langjährigen Kunden der Walldorfer – allerdings ohne einen holistischen Ansatz zu verfolgen. Eine Reihe von Einzelverträgen und ein Gemischtwarenladen an transaktionalen ERP-Lösungen haben dazu geführt, dass IT (und SAP) eher als Kostenverursacher denn als Business-Enabler betrachtet wurde. So ließen sich „die Verbesserungen, die die SAP-Module grundsätzlich beisteuern können, nicht wie gewünscht realisieren“, sagt Maxim Lamskov, SAP MD in Kasachstan. „Wir haben viel Geld investiert, aber unser Erwartungen wurden nicht immer erfüllt“, bestätigt Samruk-Kazynas CIO David Tuganov.

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Maxim Lamskov (SAP): “Indem wir maßgeblich an der Transformation von Samruk-Kazyna und seinem Portfolio beteiligt sind, treiben wir die Moderni-sierung des ganzen Landes voran.”

Um das zu ändern, haben Samruk-Kazyna und SAP ihre Zusammenarbeit Ende des vergangenen Jahres auf eine neue Stufe gehoben. „Wir brauchen keinen Softwarelieferanten, sondern einen Partner, der mit uns zusammen Business-Lösungen erarbeitet, die Mehrwert generieren“, betont Ilkevicius. Hier trifft sich die künftige Ausrichtung des Kunden mit dem Selbstverständnis einer neuen SAP, die Verantwortung für den Erfolg ihrer Kunden übernimmt.

Die strategische Partnerschaft basiert auf gegenseitiges Vertrauen, das sich im Lauf der Zeit entwickelt hat. In dem zunächst auf fünf Jahre angelegten Vertrag werden verschiedene Einzelprojekte unter einem Dach vereint. Im Rahmen der großen Transformation wird SAP-Software zum Einsatz kommen, die laut SAP Global Account Director Ivan Rhyzhkov dem Kunden ermöglicht, sein Business „mit Hilfe von End-to-End-Prozessen entlang seiner Strategie weiterzuentwickeln“. Da Big Data ein großes Thema sei, werde SAP HANA eine wichtige Rolle spielen, sowie – neben anderen Bausteinen – Predictive Analytics und industriespezifische Ausprägungen.

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Ivan Rhyzhkov (SAP): “Für uns ist das eine völlig neue Form der Kundenbeziehung.”

Schon seit geraumer Zeit stellt Samruk-Kazyna massiv neues Personal ein, um die Transformation mit den richtigen Leuten zu stemmen. Die SAP hat ihrerseits unter anderem Vereinbarungen zur weiteren Lokalisierung von SAP-Software unterzeichnet und sich verpflichtet, noch stärker in die Ausbildung von IT-Nachwuchs für den kasachischen Markt zu investieren. So wird beispielsweise die Nazarbayev-Universität (Astana) in das University-Alliance-Programm der SAP aufgenommen.

Zum Erfolg verdammt

„Für uns ist das eine völlig neue Form der Kundenbeziehung“, erläutert Rhyzhkov, der dem Kunden quasi rund um die Uhr zu Seite steht. Man muss sich nur die für das lokale SAP-Team enorme Dimension des Vorhabens vor Augen führen: Auf Kundenseite wirken rund 200 Leute auf verschiedenen Ebenen an der Transformation mit. Oberster Sponsor ist der Premierminister des Landes; den offiziellen Start für das Megaprojekt verkündete Staatspräsident Nursultan Nazarbayev im Oktober 2014.

Samruk-Kazyna bewegt mit seinem Portfolio zirka 61 Milliarden US-Dollar an Umsatz. Auf Geschäfte mit den Fonds und den von ihm verwalteten Firmen entfallen rund 50 Prozent der jährlichen SAP-Softwareerlöse in Kasachstan. „Indem wir maßgeblich an der Transformation von Samruk-Kazyna und seinem Portfolio beteiligt sind, treiben wir die Modernisierung des ganzen Landes voran“, sagt Maxim.

Das bedeutet aber auch, dass die SAP-Mitarbeiter vor Ort Unterstützung aus der Region CIS und darüber hinaus brauchen werden, um die gestiegenen Anforderungen des Kunden zu erfüllen, meint Maxim. Denn Samruk-Kazyna benötigt so viel SAP-Expertise wie möglich, um die Transformation zum Erfolg zu führen. Ein Scheitern kann sich weder die eine noch die andere Seite leisten. Der Erfolgsdruck ist für beide sehr hoch.

Business First

Deshalb haben Ilkevicius und seine Mannschaft viel Wert auf eine gründliche Vorbereitung gelegt, also wichtige Business-Entscheidungen getroffen – etwa, wie man den Bereich Treasury mit mehr als 500 Einheiten am besten organisiert – und Prozesse definiert, bevor über Fragen zur Technologie überhaupt gesprochen wurde. Das Mantra der Transformation bei Samruk-Kazyna lautet: „people, processes, technology“, und zwar in dieser Reihenfolge. So habe man die Mitarbeiter sämtlicher Firmen frühzeitig einbezogen und einen Dialog über die notwendigen Veränderungen gestartet.

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Möchte Silos aufbrechen: David Tuganov (Samruk-Kazyna).

IT-seitig wurde schon vor einiger Zeit ein Gremium installiert, in dem CIOs des Samruk-Verbunds ihre Meinungen austauschen. Im Rahmen einer aktiveren IT-Governance sei es wichtig gewesen, die Silos aufzubrechen und eine neue Form der Kommunikation zu pflegen. Damit habe man auch deutlich gemacht, dass Technologie künftig einen anderen, höheren Stellenwert haben müsse, erläutert Samruk-CIO Tuganov. Sie sei aber kein Selbstzweck, sondern bleibe ein – wichtiges – Werkzeug, um Business-Ziele zu realisieren.

Inzwischen wird die Transformation schrittweise umgesetzt. Dazu werden die Firmen in Gruppen eingeteilt. Zusammen mit den drei Portfolio-Unternehmen Kazakhstan Temir Zholy, Kazpost und KazMunayGas macht Samruk-Kazyna den Anfang. Methodisch orientiert man sich an den Phasen „Design“ (wie wollen wir künftig arbeiten?), „Planning“ (welche Lösungen brauchen wir dazu und in welcher Abfolge wollen wir sie implementieren?) sowie „Realization“ (die Zukunft bauen – also die Lösungen einführen) und stellt damit eine einheitliche Vorgehensweise sicher. Während die zweite Gruppe den Designprozess bald abschließt, befindet sich die erste Gruppe bereits in der Realisierungsphase.

Kasachstan digitalisiert

Um die Abhängigkeit von Öl und Gas zu reduzieren sowie seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, investiert das Land zunehmend in die Digitalisierung. Das Programm „Digital Kazachstan 2020“ wird von der SAP unterstützt. Laut Geschäftsführer Maxim Lanksov befindet sich die SAP dazu in intensiven Gesprächen mit dem staatlichen IT-Dienstleister für die öffentliche Verwaltung namens „Zerde“.

Wobei die Einführung der Lösungen einem langfristigen Implementierungsplan folgt: Zunächst werden die für alle Unternehmen verbindlichen Standardlösungen zentral als Software-as-a-Service-Komponenten bereitgestellt. Danach sind auf einer zweiten Ebene die Unternehmens-Templates, die ERP-Funktionen zusammenfassen, an der Reihe. Anschließend kümmert man sich in einem dritten Layer um die branchenspezifischen Anwendungen.

Ilkevicius erwartet spannende Zeiten. „Wir müssen mit vielen Unbekannten rechnen, da wir uns in einem instabilen Umfeld bewegen.“ Der Leiter des Transformationsprojekts spielt dabei auf die unsichere Weltwirtschaft an. Nach den Boom-Jahren sind die Marktpreise für Öl und Gas eingebrochen. Das spürt Kasachstan, das auf die Einnahmen aus den Rohstoffexporten angewiesen ist.

Ilkevicius: „Wir wissen noch nicht, wo unsere Reise endet. Aber wir sind davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

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