Banker, Bäcker, Buchhändler – wer macht das SOA-Rennen?

Feature | 19. Dezember 2005 von admin 0

Eric Austvold

Eric Austvold

“Branchenanwendungen liefern einen Stamm unverzichtbarer Geschäftsprozesse und eine Reihe von Best Practices. Jedes Unternehmen muss Einnahmen und Ausgaben auf das Hauptbuch buchen oder Gehaltsabrechnungen bearbeiten. Standardsoftware bietet hierfür ‚Best-in-class’-Prozesse. Viele weitere, maßgeschneiderte Prozesse in den Unternehmen könnten von den Standard-Best-Practices profitieren. SOA-Technologien machen genau das möglich. Sie bieten eine Methode, auf vorhandene Prozesse zuzugreifen um neue zu schaffen”, fasst Austvold zusammen.

SOA-Implementierungen in den Branchen

SOA-Implementierungen in den Branchen

Darüber hinaus verzeichneten seiner Meinung nach Unternehmen, die bereits jetzt auf SOAs setzen, klare Wettbewerbsvorteile. SOAs beschleunigen die Versorgungsketten, verbessern die Kommunikation und sorgen für Flexibilität. Das Rennen hat begonnen: 74 Prozent aller von AMR befragten Unternehmen verfügen bereits über eine SOA oder haben vor, die Technologie eingehend auf ihre Bedürfnisse hin zu prüfen. Doch Austvold malt kein undifferenziertes Bild von der schönen, neuen SOA-Welt. Die größte Schwäche von SOAs sieht er in deren Komplexität. Einigen Unternehmen dürften daher die notwendigen Fertigkeiten fehlen, die Modularität der SOA-Systeme IT-technisch in den Griff zu bekommen. Bestimmte Branchen werden mit SOAs gut fahren, andere vermutlich ins Rudern kommen.

Welche Branche führt bei SOAs?

Austvold: Führend sind Unternehmen, die einer großen Vielfalt an Technologiekomponenten bedürfen, um die Wünsche der Kunden zu befriedigen. Hierzu zählen Dienstleister, etwa Finanzdienstleister, Makler, Banken, Reiseveranstalter und Unterhaltungsfirmen, Regierungen oder Healthcare-Unternehmen.

Und wo kommen die SOA-Einführungen eher schleppend voran?

Austvold: Bei den produzierenden Unternehmen. Das liegt zum Teil daran, dass sie zuallererst eine moderne Lösung für das Enterprise Resource Planning (ERP) in der Produktion benötigen. Erst dann können sie daran denken, beispielsweise Prozesse auch über die Firewall des Unternehmens hinaus zu etablieren. ERP ist die Voraussetzung für einen Wechsel zu SOA.

Wie schwer ist der Wechsel von einer Branchen-Software auf eine SOA?

Austvold: Software-Einführungen gleichen in gewisser Weise einer Fahrt mit der Rolltreppe. Ganz unten haben die Unternehmen überhaupt keine ERP- oder sonstige Lösung. Also setzen sie auf breitgefächerte Unternehmenslösungen, wie etwa SAP. Mit diesen Anwendungen erhält ein Unternehmen Best Practices für die Finanzbuchhaltung, das Personalwesen, die Produktion und andere elementare Geschäftsprozesse. Beim Hochfahren implementieren sie immer neue Funktionalitäten, die sich dadurch eindeutig unterscheiden, wie die Unternehmen die Märkte bedienen.

Vor zehn Jahren war diese Vorgehensweise völlig ausreichend. Doch heute ist der Markt mit Technologiesystemen gesättigt. ERP-Lösungen, die den Unternehmen einst zu einem Wettbewerbs- und Kostenvorteil verholfen haben, finden mittlerweile überall Verwendung und dienen daher nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal. Unternehmen, die nun also oben auf der Rolltreppe ankommen, müssen die nächste Innovationsstufe erklimmen. Sie wollen die bestehenden branchenspezifischen Funktionalitäten nicht vernichten, sondern nach dem SOA-Prinzip ergänzen.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Austvold: SOA-Technologien lassen sich etwa in einem Anfrage- und Angebotsprozess (RFQ, Request for Quotes) dazu verwenden, unstrukturierte Daten wie Tabellenkalkulationen und E-Mail mit strukturierten Daten in den ERP-Lösungen – Kundendaten, Produktinformationen – zu verbinden. Erhält beispielsweise ein SAP-Anwender die Anfrage, ob das Unternehmen das Produkt X herstellen kann, kann er in der ERP-Lösung auch gleich den Preis kalkulieren. Doch ein Management der Anfrage- und Angebotsprozesse erfordert weitaus mehr. Zum Beispiel formale, schriftliche Antworten oder Preisangebote. Hier stellt sich die Frage, ob der Anwender Word-Dokumente oder elektronische Dokumente verwenden soll. Und: Der Anwender macht Fehler. SOA-Technologien erlauben es, den Prozess automatisiert mit vergleichbaren Informationen und in beständiger Qualität abzuwickeln.

Eine der AMR-Studien nennt “eine schnellere und flexiblere Neukonfiguration der Geschäftsprozesse” als Hauptgrund dafür, dass die Unternehmen auf SOA umsteigen. Welche Vorteile bieten SOAs denn nun konkret in den Branchen?

Austvold: Nehmen wir doch die Absatz- und Vertriebsplanung eines Unternehmens, das Verbrauchsgüter (Consumer Packaged Goods, CPG) herstellt. Will dieses CPG-Unternehmen eine neue Zahnpasta auf den Markt bringen, so verfügt der Geschäftsführer mit Sicherheit über eine Prognose, wie viele Tuben er für den Start produzieren sollte. In den Produktionsplan müssen alle Beteiligten im Unternehmen eingebunden sein – aber beispielsweise auch die Einzelhandelspartner oder die Logistikdienstleister. Gleiches gilt für die parallel laufende Werbekampagne zur Produkteinführung. Eine Menge Leute müssen am gleichen Strang ziehen.

Hierfür ließe sich beispielsweise auf der SOA ein Service aufsetzen, der allen beteiligten in einem Standard-Format die Informationen der Produkteinführung zur Verfügung stellt. Ändert sich die Prognose für den Absatz des Produkts, muss vielleicht auch der Preis oder der Zeitplan für die Werbekampagne geändert werden. Der Service erlaubt es, die Beteiligten auch individuell zu benachrichtigen und ihnen Daten im Kontext zu liefern. Beispielsweise interessiert es den Geschäftsleiter im Einzelhandel nicht, dass das Unternehmen zehn Millionen Zahnpastatuben weltweit herstellt. Er will vielmehr wissen, wie viele davon in den kommenden 72 Stunden bei ihm anrollen. Insgesamt betrachtet lautet das Ziel, mit Enterprise Services besser auf die tatsächliche Nachfrage der Kunden zu reagieren. Unternehmen, die neue Produkte dynamisch erzeugen und rasch auf den Markt bringen können, werden die größten Gewinne erzielen.

Wo liegt die Herausforderung bei SOAs?

Austvold: Die Unternehmen müssen beispielsweise klären, wie die Services auszusehen haben. Wie müssen sie hierfür ihre Software konzipieren, entwickeln, instand halten? Mit diesen Fragen werden dann auch die IT-Unternehmen konfrontiert. Jede Firma in jeder Branche wird diesbezüglich eine Lernkurve durchlaufen müssen. Ein anderes Hindernis ist der Widerstand gegenüber Veränderung – dieser liegt in der menschlichen Natur begründet.

Was sind Ihre persönlichen Schlussfolgerungen hinsichtlich SOAs?

Austvold: SOAs vereinigen die Möglichkeiten für glanzvolle Erfolge und spektakuläre Niederlagen. Warum sind Standardanwendungen wie SAP so erfolgreich? Weil sie schwierig zu entwickeln sind. Niemand sollte selbst ein ERP-System programmieren. Ähnliches gilt für eigen entwickelte Erweiterungen. Wer ohne eiserne IT-Disziplin mit der Programmierung beginnt, wird baden gehen. SAP verspricht, dass ihre Enterprise Services, die so genannten SAP xApps, und ihre SOA-Plattform, die Enterprise Services Architecture (ESA), leichter zu handhaben sind als Eigenentwicklungen. Das kommt beispielsweise den Nachzüglern in Sachen SOA, den produzierenden Unternehmen, die zwar immer noch Standardanwendungen bevorzugen, gleichzeitig aber auch eine SOA-Strategie haben wollen, entgegen.

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