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Beglaubigung mit Bitcoin und Blockchain

27. Juli 2016 von Stephanie Overby 0

Warum sind internationale Geldtransfers immer noch Tage unterwegs? Mit Blockchain könnte man Überweisungen nach Australien in Sekunden tätigen – und sicher wäre es zudem. Was steckt hinter der Technologie, die den Handel revolutionieren könnte?

In vielen Bereichen ist es erforderlich, die Echtheit digitaler Dokumente rechtlich bindend nachzuweisen. Mit seiner Software könnte das US-amerikanische Start-up-Unternehmen Stampery die Beglaubigung von Daten und Dokumenten schon bald auf den Kopf stellen.

Luis Iván Cuende ist der geborene Unternehmer. In seinem spanischen Heimatort Oviedo hatte er weder Kapital, noch die entsprechende Ausstattung oder Mitstreiter – und trotzdem setzte er sich durch: Schon als Dreijähriger übte der alte Computer seines Vaters – er war Informatiker – große Anziehungskraft auf ihn aus. Mit zwölf brachte Cuende seine eigene Linux-Distribution heraus. Mit 15 gewann er den HackNow-Award für technisch Begabte. Und mit 17 war er Berater von Neelie Kroes, der EU-Kommissarin für die Digitale Agenda.

Heute ist der 20-Jährige CTO von Stampery, einem Start-up im kalifornischen San Mateo, das er 2015 mitgründete und das Bitcoin und die Blockchain-Technologie nutzt. Dabei handelt es sich um eine Art Verzeichnis, in dem sämtliche Bitcoin-Transaktionen aufgelistet und gesichert werden. Ziel ist es, die Echtheit von Dateien zu bestätigen und Dokumente zu beglaubigen oder zu beurkunden.

„Ich wollte schon immer etwas Neues schaffen, denn das macht mir Spaß“, sagt Cuende, der zwischen Silicon Valley und Madrid pendelt. „Ich habe mich für Software entschieden, weil man schnell ein Produkt auf den Markt bringen kann und dafür keine Fabrik oder mehrere Millionen Dollar braucht.“

Als Berater von Neelie Kroes lernte Cuende, wie man etwas bewegen kann. Kroes zählt er zu den revolutionärsten Politikern, denen er je begegnet ist. „Sie ist sehr innovativ – das hat man selten in der Politik“, sagt er. Nach seiner Zeit als Berater probierte er verschiedene Geschäftsideen aus, die letztlich zur Gründung von Stampery führten.

Die eigenen Stärken und Schwächen kennen

Vor vier Jahren entwickelte Cuende die Anwendung Cardwee, mit der Unternehmen über Apple Passbook Treuepunkte für ihre Kunden vergeben konnten. „Es war mein allererstes Produkt und es hatte Potenzial“, erzählt er. „Allerdings hatte ich keine Ahnung vom Geschäft und vom Marketing.“

Die Lehre daraus: Ein Produkt kann noch so gut sein – wenn man nicht weiß, wie man es vermarktet, wird man scheitern. „Das ist die zweitwichtigste Regel im Geschäftsleben“, sagt Cuende. „Ich kann zwar gut Vorträge vor großen Gruppen halten, bin aber schlecht darin, meine Produkte an große Kunden zu verkaufen. Meine Mitgründer haben viel mehr Erfahrung damit und ich versuche, mir etwas von ihnen abzuschauen.“

Ein Rückschlag bedeutet nicht gleich scheitern

2012 lernte Cuende seine Stampery-Partner, den CMO und früheren Marketingleiter Tommaso Prennushi und den CEO, früheren DJ und Kryptografie-Fan Daniele Levi kennen. Er traf die beiden beim jährlichen Technologiefestival von Campus Party, das damals in Berlin stattfand. „Wir waren die einzigen, die sich dort über Bitcoin-Zahlungssysteme in Spanien austauschten“, erzählt Cuende.

Die Drei entwickelten einige Bitcoin-Produkte – allerdings ohne Erfolg. Einmal wollten sie eine Bitcoin-Börse einrichten und hätten dafür eine Lizenzgebühr in Millionenhöhe zahlen müssen. „Das Geld hatten wir allerdings nicht“, berichtet Cuende. Also versuchten sie etwas Anderes und entwickelten die Idee zu Stampery. Laut Cuende war eine währungslose Anwendung, die auf Bitcoin und Blockchain-Technologie setzt und kostengünstig entwickelt werden konnte, „die naheliegendste“ Option. Cuende und sein Team bauten Stampery und sicherten sich im November 2015 Risikokapital von Draper & Associates in Höhe von 600.000 US-Dollar.

Virtuelle Währung Bitcoin

Mit Stampery lassen sich die Existenz, die Echtheit und die Eigentumsverhältnisse von digitalen Dokumenten rechtlich bindend nachweisen. Die meisten erfolgreichen Geschäftsideen liegen auf der Hand, glaubt Cuende. „Es ist nicht so, dass du etwas erkennst, was andere nicht erkennen. Es geht darum, dass du ein Risiko eingehst. Und davor schrecken heutzutage viele zurück.“

Vor ein paar Jahren hielten viele die virtuelle Währung Bitcoin noch für eine abstruse Idee, sagt er. Aber die Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin basiert, faszinierte Cuende und seine Partner. In der Blockchain werden Bitcoin-Transaktionen chronologisch aufgelistet und sind überprüfbar. Manipulationen sind nicht möglich, da ein Netzwerk aus vielen unabhängig verwalteten Computern jedes Update sichert.

Mehr als Finanztransaktionen

„Da die Einträge nicht verändert werden können, ist möglich, was sonst unmöglich ist“, erklärt Cuende. Dazu gehört zum Beispiel eine elektronische Währung zu überweisen, ohne dass eine Bank oder eine andere Einrichtung dafür bürgt. „Warum sollten wir uns dabei nur auf Finanztransaktionen beschränken? Wir können über alles Buch führen und Nachweise für die Existenz, Echtheit und sogar für den Besitz von Dateien und Dokumenten erbringen. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Computers, dass digitale Informationen nicht verändert und gelöscht werden können.“

Cuende sah nur einen Nachteil: „Die Blockchain ist nicht für größere Transaktionsvolumina geeignet.“ Cuende und seine Mitbegründer wollten aber die Echtheit von Millionen von Dokumenten bestätigen – und das Bitcoin-Netzwerk schaffte nur 2,5 pro Sekunde. Hier kam die technische Innovation ins Spiel. Sie entwickelten Stampery so, dass Milliarden von Datensätzen pro Sekunde mit einem Zeitstempel versehen werden konnten. Außerdem funktioniert die Technologie in Verbindung mit jedem Blockchain-Netzwerk, nicht nur mit Bitcoin.

Dadurch ist das Risiko geringer. „Selbst wenn das System morgen nicht mehr funktioniert – und das ist sehr unwahrscheinlich – können wir auf eine andere Blockchain migrieren“, erklärt er. Zudem sind die rechtlich bindenden Zertifikate, die Stampery erstellt, auch dann gültig und einsehbar, wenn es Stampery nicht mehr geben sollte. Denn Stampery setzt auf eine dezentralisierte Technologie.

Notare aufgepasst: Die Zeiten von Papier und Stift sind vorbei

Stampery hat zurzeit 1.500 Kunden, die sich in drei Gruppen einteilen lassen: Personen, die ihr geistiges Eigentum schützen wollen; Anwälte, die Dokumente beglaubigen und beurkunden; und Softwareentwickler. Anwälte erkennen den Mehrwert der Lösung sofort. „Sie müssen tagtäglich die Echtheit vieler digitaler Dokumente bestätigen. Aber auch Songwriter, Künstler und Erfinder kommen zu uns, wenn sie nachweisen möchten, dass sie ein Lied geschrieben, ein Kunstwerk geschaffen oder sogar einen Prozess erfunden haben“, sagt Cuende. „In letzter Zeit steigt das Interesse von Unternehmen an Themen wie Dokumentenverwaltung und Systemsicherheit.“

Das Interesse an Themen wie Dokumentenverwaltung und Systemsicherheit steigt.

Benutzer können bis zu zehn Dateien im Monat in der Blockchain speichern und ein Gigabyte verschlüsselten Speicherplatz kostenfrei nutzen. Für 9,99 US-Dollar im Monat sind 1.000 Dateien inbegriffen sowie 50 Gigabyte Speicherplatz. Das Produkt lässt sich mit dem Cloud-Storage der Dropbox integrieren. Mit Stampery können sich Kunden auch den Versand und den Erhalt einer E-Mail bestätigen lassen. „Per E-Mail lässt sich ein Geschäft abschließen. Die Zertifizierung funktioniert mit einem Klick – und nur die beiden Parteien sind daran beteiligt“, sagt Cuende.

Ein Schwerpunkt von Stampery sind nicht-regulierte Märkte, die man für sich gewinnen möchte. Aber auch regulierte Märkte sind eine Zielgruppe, denen man „den Mehrwert einer mathematisch sicheren Technologie aufzeigen möchte, mit der die Echtheit von Dokumenten bestätigt werden kann“, sagt Cuende. Dies gelte besonders für Europa, da Notare dort eine größere wirtschaftliche Rolle spielten als in den Vereinigten Staaten.

Jahrhundertelang waren Papier und Stift der Standard. Notare sind „nicht vor Änderungen geschützt. Sie haben diese Bücher, in denen sie Dokumente beglaubigen oder beurkunden, und das erkennt der Staat dann an. Diese Art der Beurkundung ist mit Kosten und Verantwortung verbunden“, sagt Cuende. „Dieses Vorgehen durch Mathematik zu ersetzen, könnte Milliarden für ganze Branchen einsparen.“ Anfang 2016 traf Stampery eine Vereinbarung mit der estnischen Regierung: Jeder Träger eines elektronischen Ausweises kann das System nutzen, um persönliche und geschäftliche Dokumente zertifizieren und beglaubigen zu lassen.

Die notarielle Beurkundung durch Mathematik zu ersetzen, könnte Milliarden einsparen.

Ein Team führen, das stetig wächst

Inzwischen hat sich Cuendes Idee zu einem tragfähigen Geschäftsmodell entwickelt. Cuende arbeitet zehn Stunden am Tag und führt ein Team, das stetig wächst. „Neue Talente zu gewinnen, ist mir sehr wichtig. Es macht Spaß, mit klugen Köpfen zu arbeiten, die viele Dinge besser können als ich“, so Cuende. „Mein Alltag ist einfach nur verrückt geworden. Der Druck kommt von allen Seiten“, sagt er. „Natürlich ist das eine Herausforderung. Aber ich finde das toll.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Magazin Digitalist.

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