Beleglose Kommissionierung im Minutentakt

Feature | 27. Juni 2005 von admin 0

contadis AG

contadis AG

Bei Tabak- und Süßwaren denkt man zunächst nicht an Technik. Doch ein Blick hinter die Kulissen eines großen Distributors solcher Produkte, enthüllt jede Menge Hightech. Die contadis AG, ein Unternehmen, das die gesamte Schweiz beliefert, vertraut beispielsweise auf eine hochmoderne Kommissionieranlage mit Barcode-Unterstützung und auf die Unternehmenssoftware von SAP. “Wir setzen auf Innovation in der Abwicklung unserer Prozesse. Unsere beleglose Kommissionieranlage – sozusagen das Herz von contadis – ist der Stolz der Firma und lässt unseren Innovationsgeist erkennen”, betont Jürg Treichler, Leiter Logistik und Informatikprojekte bei contadis.
Das Sortiment von contadis umfasst rund 10.000 Artikel, davon stammen circa 6.000 aus dem Bereich Rauchen/Raucherzubehör. Täglich müssen 2.500 Pakete kommissioniert werden, um rund 6.000 Kunden aus der Tabak- und Süßwarenbranche – Einzelhändler, Kioske oder Tankstellen – termingerecht mit Waren zu beliefern.

IT-Landschaft

IT-Landschaft

contadis gehört zur Basler Oettinger-Davidoff-Group, die bei ihrer Unternehmenssoftware auf Konzernebene auf SAP-Lösungen setzt. Zunächst nutzte contadis aus SAP for Retail die Module für das Rechnungswesen (FI) und das Controlling (CO), später folgten der Vertrieb (SD), die Lagerwirtschaft (WM) und die Materialwirtschaft (MM). Neben contadis sind fünf weitere Tochterunternehmen an die Lösung angeschlossen, die auf einem Server im Mutterhaus in Basel betrieben wird.
Die von contadis verwendete Kommissionieranlage wurde von der Grazer Firma Knapp geliefert und gehört zu den modernsten Sortiersystemen am Markt. Die Steuerung erfolgt über einen eigenen Leitrechner, der von der SAP-Software mit Daten gefüttert wird. Der Datenaustausch läuft über eine speziell entwickelte Schnittstelle. Die Betreuung und Beratung für das Logistik-Projekt bei contadis übernahm das Consulting der SAP (Schweiz) AG.

Kommissionierung wie am Schnürchen

Kommissionierhalle

Kommissionierhalle

Die Ein- und Auslagerungsstrategie, bestimmt durch Warengruppe, Verpackung und Absatzzahlen, ist in SAP hinterlegt. Wird eine Bestellung aktuell, gelangen die Auftragsdaten aus SAP for Retail an den Leitrechner. Dieser berechnet die Volumina der einzelnen Bestellaufträge, so dass zu Beginn der Kommissionierung ein passender Karton bereitsteht. Die Software bestimmt zudem den Startplatz, an dem die Kommissionierung ihren Lauf nimmt. Die Lagerhalle bei contadis verfügt über verschiedene Startplätze, an denen jeweils Kartons mit Barcodes bereitliegen, die zu Beginn der Kommissionierung gescannt werden. Mit diesem “Startschuss” stellt die Software eine eindeutige Verbindung von Kunde, Auftrag, Artikel und Kommissionierbehälter her. Problemlos lassen sich einem Auftrag mehrere Behälter oder Kartons zuordnen.
Ausgehend vom Startplatz, wo ein erster Teil der bestellten Artikel eingefüllt wird, nimmt der Karton seinen vorgegebenen Weg durch die Halle. Wo immer weitere Waren aufzunehmen sind, wird der Barcode eingelesen. Sind alle Artikel an Bord, geht es zur Klebestation. Der Nummernkreis des Barcodes gibt hier beispielsweise Auskunft darüber, wie der Karton verklebt werden muss, einseitig oder beidseitig. Anschließend wird, ebenfalls vollautomatisch, das Adressetikett aufgeklebt. Zu guter Letzt schickt die Software den Karton im Warenausgang auf die richtige Laderampe – denn schließlich kennt die SAP-Lösung auch die Fahrroute und damit den LKW, auf dem die Lieferung sicher zum Besteller gelangt. Mit einem letzten Scan wird der Warenausgang an SAP for Retail zurückgemeldet. Rechnung und Lieferschein können nun gedruckt werden. Ein Datenabgleich alle 15 Minuten gewährleistet, dass die Bestandsdaten in der SAP-Lagerwirtschaft stets aktuell sind. Die Durchlaufzeit eines Pakets vom Startplatz bis zum Warenausgang beträgt wenige Minuten, in Ausnahmefällen bis zu einer halben Stunde.

Wo nötig: Eingriffe in die Prozesse

Jürg Treichler

Jürg Treichler

“Sollte ein Artikel fehlen”, erklärt contadis-Logistikleiter Roger Bleuer, “weil beispielsweise die geforderten Stückzahlen momentan nicht am Lager sind, kann der Mitarbeiter dies der ERP-Lösung manuell mitteilen. Daraufhin werden Rechnung und Lieferpapiere aktualisiert. Derartige Eingriffe in den Prozess sind heute dank SAP viel einfacher geworden.” Der transparente Belegfluss macht es möglich. Jürg Treichler: “Die Software erlaubt uns ein internes “Track and Trace”. Wir wissen zu jeder Zeit, wo ein Auftrag steht, ob es schon einen Kommissionierauftrag gibt, ob die Lieferung bereits im Warenausgang liegt oder ob die Rechnung schon gedruckt wurde. Früher musste man sich häufig auf die Suche nach Kartons und Belegen machen.”

Transparenz – Grundlage für Optimierungen

Roger Bleuer

Roger Bleuer

Ein beachtlicher Zuwachs an Transparenz ist der Hauptnutzen, den die Software von SAP dem Tabak- und Süßwaren-Distributor beschert. Und eine bessere Datentransparenz für die Logistik ist gleichbedeutend mit mehr Flexibilität bei der Abwicklung der Prozesse. Dazu Roger Bleuer: “Früher hatten wir beispielsweise ein Warenwirtschaftssystem, das nur Totalmengen abbilden und diese einem Lagerplatz zuordnen konnte. Es war nicht ersichtlich, ob sich die Ware an mehreren Orten befand.” Das hat sich mit der SAP-Warenwirtschaft grundlegend geändert. Bei Bedarf lassen sich einem Artikel mehrere Lagerplätze zuordnen, um beispielsweise zwischen Haupt-, Puffer-, Kommissionierlager oder anderen Orten zu unterscheiden.
Diese Flexibilität ist für eine rationelle Kommissionierung enorm wichtig, denn die einzelnen Warengruppen oder Bestellvolumina stellen unterschiedliche Anforderungen an die Abläufe. Um nur einige Varianten zu nennen: Die Kommissionierung von Zigaretten erfolgt weitgehend vollautomatisch. Tabak und Qualitätszigarren befinden sich in einer klimatisierten Umgebung und werden manuell entnommen. Ähnliches gilt für einige der Süßwaren, die ebenfalls einen klimatisierten Raum erfordern. Getränke hingegen werden auf Paletten gelagert. Aus Gewichtsgründen ist eine wegoptimierte Einlagerungsstrategie bei Getränken besonders wichtig. Braunwarenartikel (Raucherzubehör) hingegen entnimmt contadis nach der pick-to-light-Methode, bei der Lichtsignale den Mitarbeitern die für einen Auftrag benötigten Waren anzeigen. Die Kommissionierung von Qualitätszigarren und Süßwaren unterstützen Radiofrequenz-gesteuerte Handterminals mit Fingerscanner. Bei Großaufträgen wiederum werden die Waren oftmals direkt aus dem Hauptlager entnommen, nicht aus dem Kommissionierlager der beleglosen Anlage. Alles in allem sind damit eine ganze Reihe unterschiedlicher Prozesse IT-technisch abzubilden.

Weniger Aufwand mit Absatzzahlen

Hinzu kommt, dass die Nachfrage vieler Waren saisonbedingt schwankt. Jedes Jahr gibt es Trendsetter, Waren, die während einer gewissen Zeit besonders stark nachgefragt sind. Auch verändert sich die Produktpalette ständig. Auf diese Entwicklungen muss die Logistik kurzfristig reagieren. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Optimierung der internen Wege. Das Prinzip ist einfach: Häufig nachgefragte Artikel erhalten einen Lagerplatz in den “vorderen Reihen”, weniger gängige rücken nach hinten. “Die sich ständig ändernden Absatzzahlen und die neuen Artikel müssen von uns permanent berücksichtigt werden”, erläutert Treichler. “Dank der SAP-Lösung sind die Absatzzahlen schnell greifbar, dadurch ist es wesentlich einfacher geworden, in kürzester Zeit neue Lagerplätze zu vergeben.” Für solche Auswertungen diente früher eine spezielle Software, die jedoch nur monatliche Reports erlaubte. Die entsprechenden Funktionen bei SAP for Retail gewährleisten heute eine tagesaktuelle Einsicht in die Absatzzahlen. Als es diese durch die ERP-Lösung bedingte Transparenz noch nicht gab, waren kontinuierliche Prozessoptimierungen weit schwieriger. Meistens ging es auch nicht ohne einen EDV-Fachmann, der gewisse Parameter neu definierte oder Funktionen programmierte. “Wir waren mit dem Altsystem viel zentraler organisiert”, so Bleuer, “mit der Einführung der SAP-Software haben wir die Verantwortlichkeiten mehr in die jeweiligen Abteilungen transferiert, das betraf besonders auch die Logistik – aus unserer Sicht ist das ein weiterer Vorteil.”
Weiteres Potenzial für Verbesserungen im Gesamtablauf sehen die Logistikspezialisten der contadis in der Routenplanung. Hier ist mehr Flexibilität denkbar, denn die Planungsgrundlage für die zwölf LKWs des hauseigenen Fuhrparks sind bislang fixe Routen. Der Barcode der beleglosen Kommissionieranlage ist im Moment lediglich ein Hilfsmittel für den internen Warentransport. Es hängt nicht zuletzt von der Logistik der Kunden ab, ob der Barcode eines Tages auch als externer Datenträger Verwendung findet. Auch das wäre möglich.

Richard Läpple

Richard Läpple

Ralf M. Haaßengier

Ralf M. Haaßengier

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