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Bernhard Diehm geht vom Platz

3. Mai 2016 von Andrea Diederichs 0

Seit 1979 war Bernhard Diehm bei SAP. Der Herr der Rechner, Erfinder der User-ID und einer der Urväter des legendären SAP-Cups blickt auf 37 Jahre SAP-Leben zurück.

Bernhard Diehm strahlt. Als wir uns treffen, hat die TSG Hoffenheim gerade Eintracht Frankfurt geschlagen und sich damit im Abstiegskampf wieder Luft verschafft. Dass er sich mit dem Verein verbunden fühlt, ist kein Wunder. Stand er doch in den frühen Jahren jeden Freitag mit SAP-Mitgründer Dietmar Hopp auf dem Fußballplatz.

Im April war Bernhard Diehm noch der SAP-Mitarbeiter mit der längsten Betriebszugehörigkeit. Nun hat er das Unternehmen, das er mit aufgebaut hat, nach 37 Jahren verlassen.

An sein Vorstellungsgespräch an einem Freitag im Jahr 1978 erinnert er sich genau. Die „EDV“-Szene war damals klein, man kannte die wenigen Arbeitgeber in Deutschland, von SAP dagegen hatte kaum jemand etwas gehört. Dietmar Hopp wollte ihn nach dem Gespräch gleich einstellen. „Kann ich es mir übers Wochenende überlegen?“, bremste Bernhard, aber Dietmar Hopp wandte ein, bis Montag könnte der Job vergeben sein. „Also schlug ich ein und unterschrieb einen Vertrag, der ungefähr fünf Zeilen lang war.“

Rund 50 Mitarbeiter waren sie damals, auf vier Standorte verteilt, weil die SAP noch kein eigenes Gebäude hatte – und auch keinen eigenen Rechner. „Wir haben auf Lochkarten programmiert. Wenn Hasso Plattner oder Klaus Tschira da waren, waren die an den Lochkarten. Wir haben erstmal auf Papier programmiert – und wenn der Locher frei war, die Programme eingegeben.“ Viele Nächte und Wochenenden arbeitete das Team durch, wenn etwas fertig werden musste. Diese Zeit war für ihn prägend: gemeinsam anpacken, sich gegenseitig helfen, nicht reden, sondern handeln: „Wir haben damals Vieles einfach ausprobiert, ohne immer zu wissen, wo es hinläuft.“

Den Grundton hatten die Gründer gesetzt: Eigenverantwortliches Handeln war explizit gewünscht. Vielleicht war es gerade dieser Geist, der Bernhard die vielen Jahre an die Firma gebunden hat. Ideen einbringen und praktisch umsetzen, das ist sein Antrieb. Dabei dürfen auch Fehler passieren. Nach diesem Credo wünscht er sich auch für die heutigen Mitarbeiter wieder mehr Freiräume. Viele hätten das Gefühl, nur nach Zielvorgabe handeln zu dürfen, diesen Druck sollte man ihnen wieder nehmen. „Es ist Aufgabe der Manager, die Mitarbeiter dahin zu bringen, dass sie selbstverantwortlich handeln können“, so Bernhard. „Das sollten sie fördern und vorleben.“

Rückschau ja, aber keine Nostalgie

1979 nutzte SAP noch einen von Siemens geliehenen Rechner, der mit 768 Kilobit Hauptspeicher einen ganzen Raum ausfüllte, erinnert sich Bernhard. Mit dem ersten eigenen Gebäude in der Max-Planck-Straße 1980 bekam die Firma einen eigenen IBM-Rechner. Die Infrastruktur war von Anfang an sein großes Thema, und so baute er das Rechenzentrum für den R/2-Mainframe-Betrieb mit auf.

Das war auch die Zeit, als aus dem Feierabend-Kicken am Freitag mehr wurde. 1984 organisierte Bernhard gemeinsam Gerd Oswald und Rainer Kaiser das erste SAP-Fußballturnier. Bei einem der ersten Turniere verletzten sich gleich sechs Spieler. Dietmar Hopp sah sich gezwungen, die Veranstaltung vorübergehend ins Abseits zu stellen, ließ sich aber wieder umstimmen. So entwickelte sich über die Jahre der SAP-Cup mit Kultstatus.

Bernhard erlebte den Wechsel von R/2 zu R/3, von der Mainframe- zur Client-Server-Architektur. Den technischen Fortschritt hautnah mitzuerleben, empfand er immer als großen Glücksfall. Alles, was neu war, wollte er als Erster ausprobieren: „Mit neuen Technologien hast du ja immer Probleme gehabt. Aber dranbleiben, bis es läuft – das war für mich immer ein Erfolgserlebnis.“

So tüftelte er damals auch den D-User aus. Als 1987/88 für ein neues Session-Manager-System eine Nutzer-ID mit acht Stellen entwickelt werden musste, kam Bernhard auf die Idee, dafür die Personalnummer zu verwenden. Das erste Zeichen musste alphabetisch sein, so kam es zu D für Deutschland, I für international, C für Kunde. „Die Idee hat sich anscheinend durchgesetzt“, schmunzelt Bernhard, dessen eigene D-Nummer mit der berühmten Zahlenfolge „007“ beginnt.

Er denkt gerne an die alten Zeiten, aber Nostalgie ist ihm fremd. Schließlich haben ihn gerade die Veränderungen, die er mit dem Unternehmen durchlebt hat, immer fasziniert. „Das war ja das Tolle bei SAP. In einer anderen Firma hätte ich vielleicht nie die Chance gehabt, in so kurzer Zeit so viel Neues kennenzulernen, mich mit neuen Technologien zu beschäftigen und mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenzuarbeiten.“

„Herr über die Großrechner“

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Bernhard Diehm vor dem Rechenzentrum in Rot, das er mit aufgebaut hat. (Foto: Norbert Steinhauser)

Mit SAP R/3 wurde die SAP international, es brach eine neue Zeit an. Der „Herr über die Großrechner“, wie die Bild-Zeitung ihn in einer großen Reportage genannt hatte, erhielt nun den Auftrag, die Infrastruktur für SAP R/3 aufzubauen.

Bernhard reiste in die USA und nach Singapur, kümmerte sich um die Vernetzung der neuen Landesgesellschaften und die Standardisierung der Infrastruktur, leitete ein internationales Team von etwa 200 Leuten. Auch das Rechenzentrum in Rot und das Nachbargebäude ROT15 hat er mitgeplant. „Mitgearbeitet“, „mitaufgebaut“, das sind immer wieder seine Worte. Mehr als seine persönlichen Leistungen zählen für ihn das Wir-Gefühl und die Hilfsbereitschaft über Teamgrenzen hinweg.

Doch mit dem Wachstum der Firma kam auch die Spezialisierung. Die einstmals so kurzen Entscheidungswege wurden länger, das kleine, eingeschworene Team rund um die Gründer, das gemeinsame Anpacken, die durchgearbeiteten Nächte für ein gemeinsames Vorhaben gab es so nicht mehr.

„Mein großes Ziel war immer, die beste Infrastruktur bereitzustellen, damit die interne Produktentwicklung optimal arbeiten kann.“ In der Zeit, die auf seinen Wechsel zu SAP Hosting im Jahr 2004 und später zu SAP Business ByDesign folgte, stieß er damit jedoch an Grenzen. Im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen hatte er mehr und mehr das Gefühl, die Ideen seines Teams nicht mehr anbringen zu können. „Ich hatte zu der Zeit nicht die Kraft, um noch weiter etwas zu bewegen.“ Bernhard nahm sich 2007 eine Auszeit von elf Monaten. Rückblickend beschreibt er diese Zeit als das Beste, was ihm passieren konnte. „Ich fing wieder an, anders mit mir selbst, mit meinem Körper, mit meinem Umfeld umzugehen.“ Zurück bei der SAP schaltete er bewusst einen Gang zurück, bürdete sich nicht mehr so viel Verantwortung auf, gab seine Managementposition ab.

„Richtig gut“ für die Zukunft aufgestellt

Um Menschen kümmern wollte sich Bernhard aber weiterhin. In den letzten Jahren beim Service und Support empfand er es als große Bereicherung, seine Erfahrung an jüngere Mitarbeiter weiterzugeben. „Das war nochmal eine tolle Zeit, weil ich erfahren habe, dass junge Mitarbeiter wirklich von den Erfahrenen profitieren können, vor allem von ihrem Netzwerk.“

Wie fühlt man sich, wenn man nach so langer Zeit die Firma verlässt? Bernhard winkt ab, ist nicht sentimental. „Es waren 37 Jahre, jetzt darf auch mal Schluss sein“, lächelt er. Stolz? Ja, stolz ist er auf jeden Fall, die ganzen Jahre dabei gewesen zu sein. „Das ist ein Teil von mir. Das war ja letztendlich mein Leben.“

Wie sich die Firma in den letzten Jahren entwickelt hat, findet er richtig gut. Mit SAP HANA, SAP S/4HANA und Cloud-Lösungen sei die Firma sehr gut aufgestellt. Seine eigene Zukunft lässt er in Ruhe auf sich zukommen, genießt, dass alles offen ist. Sich nicht gleich ins nächste Projekt stürzen – auch das hat er während seiner Auszeit gelernt.

Ein paar Fixpunkte gibt es aber doch. Seine Frau und er engagieren sich seit Jahren im Walldorfer Verein „Hilfe zur Selbsthilfe“, der weltweit Kinder und ihre Familien unterstützt, etwa im vergangenen Jahr bei der Erdbebenkatastrophe in Nepal. Aktiv Fußball spielt er nicht mehr, dafür hat er mit dem Golfspielen begonnen. Das Gute sei, so Bernhard: „Man muss nichts tun, aber man kann etwas tun.“

Fotos: Norbert Steinhauser

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