Betriebskosten senken, strategisch investieren

Feature | 22. März 2004 von admin 0

Die IT-Ausgaben der Versicherungen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Nach Angaben von Prof. Dr. Thomas Gutzwiller von der Universität St. Gallen und CEO der Information Management Group entspricht dies dem zunehmenden Grad der “Informatisierung”, mit dem die Unternehmen den wachsenden Geschäftsanforderungen begegnen. Heute unterstützt ein bunter Strauß an Anwendungen die unterschiedlichsten Geschäftsabläufe der Versicherungen, während sich früher die IT-Ausstattung auf Systeme für die Kernprozesse Produkt- oder Schadenabwicklung beschränkte.
Diese Entwicklung lässt sich nicht rückgängig machen. Versicherungen müssen sich heute in einem weltweiten Wettbewerb behaupten, der ohne leistungsfähige IT-Infrastrukturen nicht zu gewinnen ist. Die Investitionen in neue Technologien angesichts hoher IT-Kosten zurückzuschrauben, wäre daher ein großer Fehler, mahnte Gutzwiller. Vielmehr gelte es, die Betriebskosten für die IT zu senken, um sich Luft zu verschaffen für strategische Investitionen, die effizientere Geschäftsprozesse ermöglichen und somit weiteres Sparpotenzial eröffnen.

Geschäftsmodell mit der IT abstimmen

Für Gutzwiller führt dabei kein Weg an der Standardisierung vorbei, um die Komplexität der Prozesse und der IT zu verringern. Dabei sei es wesentlich, Unternehmensstrategie, Geschäftsprozesse und IT ganzheitlich zu betrachten und aufeinander abzustimmen. Entsprechend müsse die Standardisierung an mehreren Ebenen ansetzen: Im IT-Betrieb und in der IT-Entwicklung durch möglichst wenige unterschiedliche Technologie-Sets, Entwicklungsverfahren und Anwendungssysteme sowie auf der Ebene des Geschäftsmodells durch Prozesse, die zu Integrationsbereichen – auch Makroprozesse genannt – gebündelt sind. Diese Integrationsbereiche lassen sich nach unterschiedlichen Kriterien definieren, etwa den regionalen Absatzmärkten einer Versicherung, ihren Produkten und Dienstleistungen, den Vertriebskanälen oder den Kundensegmenten. Die Integrationsbereiche bilden den Rahmen für einheitliche Prozesse, Leistungen, Anwendungssysteme und Stammdaten und konkurrieren untereinander um Investitionsmittel.
Auf einem anderen Weg rückt die WGV Versicherungsgruppe den IT-Kosten zu Leibe: Das Unternehmen entwickelt in Kooperation mit vier weiteren Versicherungen eine gemeinsame Versicherungs-Software und betreibt seine IT auch gemeinsam mit den Partnern. Rund 6.000 Anwender im Innen- und Außendienst nutzen die Lösung und verwalten damit rund acht Millionen Verträge. Voraussetzung für diese Vorgehensweise sei allerdings, dass sich die IT-Anforderungen der Partner zu fast 80 Prozent decken, erläuterte Klaus Hackbarth, CIO und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der WGV Versicherungen. Dann ließen sich durch Kooperation Synergieeffekte in den Bereichen Konzeption, Entwicklung, Test, Betrieb und Administration erzielen. Die beteiligten Versicherungen sparen auf diese Weise rund 40 Prozent der Kosten, mit denen eine derartige Individualentwicklung bei einem einzelnen Unternehmen zu Buche geschlagen hätte. “Die Vielfalt der Anwendungen, die wir mit der gemeinsamen Lösung bekommen, hätte sich die WGV alleine nicht leisten können”, brachte Hackbarth den Nutzen für sein Unternehmen auf den Punkt.

Outsourcing ja, aber wie?

Massive Einsparungen verspricht das Outsourcing im Bereich der IT. So hat, mit zeitlicher Verzögerung zu anderen Branchen, die Outsourcing-Welle inzwischen auch die Versicherungswirtschaft erfasst. “In der Finanzdienstleistungs- und Versicherungsbranche zuckeln wir immer hinterher”, kommentierte Dr. Rainer Janßen, Group Information Executive bei der Münchner Rückversicherung, den Trend. Dies sei allerdings eine Chance, von den Erfahrungen anderer zu lernen, etwa der Automobilbranche, die inzwischen schon wieder “Insourcing” betreibe, so Janßen weiter. Outsourcing nach dem vermeintlichen “Rundum-Sorglos”-Prinzip sei mit Vorsicht zu genießen. Versicherungen dürften kurzfristige Einsparungen nicht mit dem Verlust von Kernkompetenzen erkaufen und damit langfristig die Kontrolle über ihre Prozesse aufs Spiel setzen. Janßen: “Dann holen die Kosten die Unternehmen irgendwann wieder ein.”
Bevor die Münchner Rückversicherung daher bestimmte Aufgaben im IT-Betrieb an externe Partner auslagerte, führte sie ein prozessbasiertes Servicemodell nach ITIL (IT Infrastructure Library) ein. Die Vorteile: Dienstleistungen sind als klar strukturiertes Angebot auf Basis von Service Levels definiert. Dieser Leistungskatalog orientiert sich an den Bedürfnissen der Anwender und schafft Kostentransparenz. Solch klare Strukturen sind eine solide Grundlage für ein Outtasking einfacher Dienstleistungen im operativen Betrieb, etwa Hotline, Support oder Systemadministration. Dagegen bleiben strategische Aufgaben, wie das Lösungs- und Infrastrukturdesign sowie die Service- und Produktverantwortung, im Unternehmen. Diese Strategie hat sich laut Janßen bewährt: Ein Benchmark mit ähnlichen Unternehmen bescheinigte der Münchner Rückversicherung durchweg gute Ergebnisse.

Klare Schnittstellen zu externen Partnern

Klare Schnittstellen zu externen Partnern sind auch für die Deutsche Bank die wichtigste Grundlage ihrer Outsourcing-Strategie. Allerdings verfolgt das Geldinstitut dabei einen weiter reichenden Ansatz als die Münchner Rückversicherung, wie Christoph Bleischwitz, Leiter Rechenzentrum Services & Infrastruktur bei der Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG den Kongressteilnehmern erläuterte. Die Deutsche Bank lässt ihr Rechenzentrum von IBM betreiben und lagerte bestimmte Leistungen, wie Server-Unterstützung, Network-Services, Call-Center oder E-Banking-Support, an die Sinius GmbH aus. Der Dienstleister ging aus der ausgegründeten IT-Abteilung der Deutschen Bank hervor und gehört nun mehrheitlich zu Siemens Business Services. Eine klare Leitungsstruktur zwischen der Deutschen Bank und Sinius sorgt für eine reibungslose Zusammenarbeit. Auf diese Weise schöpft die Bank nachhaltige Kostensenkungspotenziale bei der IT-Infrastruktur aus. Zusätzliche Einsparungen erzielte das Geldinstitut unter anderem durch vereinheitlichte Betriebssysteme und Hardware sowie standardisierte Services.
Bei Zurich Financial Services sind Offshoring, die Konvergenz der bestehenden SAP-Landschaft und einheitliche Finanzprozesse der Schlüssel zum Erfolg. Zurzeit betreibe der Finanzdienstleister mit hohem Kostenaufwand mehr als 30 verschiedene SAP-Implementierungen auf unterschiedlichen Plattformen, erklärte Andreas Maier, Mitglied der Geschäftsleitung bei Zurich Financial Services. Die SAP-Konvergenz erfordere zwar größere Investitionen, eröffne aber gleichzeitig ein enormes Sparpotenzial. Sie ist zudem die Voraussetzung für weitere Projekte im Rahmen einer “Global Enterprise Application”-Strategie, mit der das Unternehmen seine IT-Landschaft konsolidiert.

Investitionsfreiräume richtig nutzen

Die Betriebskosten zu senken, ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Für eine effiziente IT-Infrastruktur müssen aber gleichzeitig die damit geschaffenen Investitionsfreiräume strategisch sinnvoll genutzt werden. Ziel der ERGO Versicherungsgruppe ist es, künftig ein Drittel der IT-Ausgaben für Projekte zur Verfügung zu stellen, die es dem Unternehmen ermöglichen, neue Geschäftsfelder zu erschließen und sich an Marktveränderungen anzupassen. Vorangetrieben wird diese Strategie von der ITERGO Informationstechnologie GmbH, dem IT-Dienstleister von ERGO. Dr. Bettina Anders, Vorsitzende der Geschäftsführung von ITERGO, nannte unter anderem die Optimierung von Steuerungsprozessen und das Change-Management als lohnende Investitionsfelder.

Sabine Höfler

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