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„Es geht nicht um Bitcoins, sondern um Relevanz.“

Feature | 5. Oktober 2017 von Andrea Schmieden 0

„Ich saß in Rotterdam beim Abendessen mit einem Geschäftspartner“, erinnert sich Michael Reh, bis 2014 Executive Vice President bei SAP. „Am Nebentisch wurde eine Diskussion über Blockchain geführt. So lernte ich Reinier van der Drift kennen. Am nächsten Tag haben wir zusammen beschlossen, Tymlez zu gründen.“

Blockchain salonfähig machen

Heute ist Reh überzeugter Blockchain-Evangelist. Für ihn geht es darum, Blockchain-Technologie in Unternehmen salonfähig zu machen. Wer weiter im Geschäft relevant bleiben will, kann sich der Digitalisierung nicht verschließen. „Kernprozesse werden bei vielen Unternehmen weiterhin über ihre bestehenden Systeme abgebildet. Das bleibt wahrscheinlich auch noch eine Weile so“, erklärt Reh. Doch daneben entwickeln sich neue Geschäftsmodelle. Und diese werden zunehmend durch Blockchain-Technologie und -Anwendungen ermöglicht.

„Unseren ersten Kunden kennen auch viele SAP-Mitarbeiter“, so Reh. CIBT, das Unternehmen, das für SAP Visa vermittelt, nutzt Blockchain, um Visa fälschungssicher zu machen. Visafälschungen hatten zuletzt stark zugenommen. Jetzt legt CIBT Visa sowie bestimmte Exportdokumente für die niederländischen Antillen fälschungssicher auf der Blockchain ab. So kann jedes Dokument auf Gültigkeit überprüft werden. Das Ergebnis spricht für sich. Die Anzahl der Betrugsfälle seitdem ist: Null.

Zahlreiche Anwendungsfälle

„Estland ist Vorreiter, was Blockchain-Technologie angeht“, weiß Reh. „Da wird auch schon Grundbesitz über die Blockchain beurkundet.“ Dieser Anwendungsfall ist auch für Schwellenländer interessant, wo es oft keine sicheren Wege gibt, Grundbesitz nachzuweisen. Weitere innovative Szenarien ergeben sich im Bereich der Datennutzung: „Wer heute auf Social-Media-Plattformen aktiv ist, weiß nicht, was mit seinen Daten passiert. Der Betreiber der Plattform verdient typischerweise an der Nutzung der Daten, etwa durch das Einspielen personalisierter Werbung. Bei einer Blockchain-basierten Plattform hätte der Benutzer volle Kontrolle über seine Daten. Benutzer können selbst entscheiden, ob und welche Daten sie weitergeben – und selber daran verdienen“, erläutert er.

Auch im Gesundheitswesen könnten sich solche Szenarien durchsetzen: Der Patient ist der Eigentümer seiner Daten, er entscheidet, wem er welche Daten zur Verfügung stellt.

Praxistauglichkeit

Während Blockchain für die Befürworter eine disruptive Technologie ersten Ranges ist, deren Potenzial nur mit dem des Internets selbst vergleichbar ist, sehen Kritiker Hemmnisse wie Skalierbarkeit und Performanz. „Das ist so, als würde man sagen: Autos sind langsam. Es gibt Rennwagen und es gibt Traktoren. Mit einem Rennwagen pflügt man nicht den Acker, mit einem Traktor fährt man keine Rennen“, stellt Reh klar. So gibt es auch bei Blockchain-Technologie unterschiedliche Systeme, die für unterschiedliche Anwendungsfälle optimiert sind.

Eine schwerwiegendere Hürde sieht Reh derzeit eher bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen. „In einigen Teilen der USA werden Blockchain-Transaktionen bereits vor Gericht anerkannt. Europa hinkt da noch hinterher.“ Finanztransaktionen über Blockchain sind daher für viele Unternehmen heute noch mit zu vielen Risiken behaftet, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen, etwa im Hinblick auf Versteuerung, Interoperabilität und Standards, noch unklar sind.

In anderen Anwendungsfeldern kann Blockchain-Technologie heute bereits effizienzsteigernd eingesetzt werden. „Wir stellen gerade einen Auditierungsprozess mit heute 6.000 Schritten auf Blockchain um“, erklärt Reh.

Die Rolle der SAP

„Mit Blockchain muss sich jedes Unternehmen auseinandersetzen“, glaubt er. „Die Generation Y wird viele Gegebenheiten in Frage stellen: Wenn ich Geld an meinen Geschäftspartner überweisen will, warum soll ich dafür eine Bank einschalten? Geschäftsmodelle, die auf einem Zwischenhändler zur Abwicklung von Transaktionen beruhen, werden zunehmend unter Druck geraten.“ Auf der anderen Seite ergeben sich auch neue Chancen, zum Beispiel durch die Verknüpfung von Blockchain-Technologie und Machine Learning.

Reh nennt Data Masking als Beispiel: „Wer in Deutschland Alkohol kaufen will, muss mindestens 18 Jahre sein. Heute beweist man das typischerweise mit dem Personalausweis. Dabei gibt man viele weitere Daten preis, wie Name oder Nationalität.“ Es gibt zahlreiche Anwendungsfälle, in denen intelligentes Data Masking zur Wahrung der Privatsphäre und der Selbstbestimmung über die Daten beitragen könnte. „Für SAP gibt es da viele Möglichkeiten“, betont Reh.

An seine Zeit bei SAP hat Michael Reh viele positive Erinnerungen: „In meinen 14 Jahren bei SAP habe ich enorm viel gelernt – die Wichtigkeit von Skalierbarkeit, die betriebswirtschaftliche Sicht und vieles mehr. Das ist die beste Ausbildung, die man bekommen kann.“ Das alles kommt ihm jetzt zugute: „Bei einem Startup machst du alles – von der Akquise bis zur Programmierung. Das ist vielfältig und interessant. Manchmal vermisse ich aber auch das professionelle Umfeld, das man bei SAP hat.“

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