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Blockchain Boot Camp: Für wen lohnt sich die neue Technologie?

Feature | 2. Mai 2017 von Uta Spinger 51

Austausch wurde beim SAP Next-Gen Blockchain Boot Camp in Regensdorf bei Zürich großgeschrieben. In Workshops konnten die Teilnehmer Anwendungsszenarien für verschiedene Branchen entwerfen und diskutieren. Das Fazit: Die Distributed Ledger Technology bietet einen Mehrwert für fast jede Branche.

Beim Boot Camp in der Schweiz herrschte heftiges Schneetreiben – und das Ende April. Für die Teilnehmer der Konferenz war dies nur eine Wetterkapriole, aber für Landwirte wie Winzer oder Obstbauern kann ein plötzlicher Wintereinbruch im Frühling existenzgefährdend sein. Wohl dem, der eine Versicherung für eventuelle Ernteausfälle abgeschlossen hat. Und glücklich derjenige, dessen Versicherung auf Blockchain setzt. Denn über die Technologie, bei der Daten sicher verschlüsselt über Blöcke ausgetauscht werden, kann die Versicherung den Anspruch des Landwirts durch festgelegte Parameter – etwa mehrere Frosttage im April – automatisch prüfen und sofort die Auszahlung veranlassen.

Weniger Verwaltung, mehr Kundenfokus dank Blockchain

Das ist ganz im Sinne von Paul Meeusen vom Rückversicherer Swiss Re: „Wir Versicherer müssen uns wieder darauf besinnen, was unser Kerngeschäft ist: Menschen Schutz und Hilfe zu bieten. Dafür müssen wir unsere oft langwierigen Prozesse überdenken.“ Und Blockchain könnte dazu beitragen, Prozesse und Standards so neu zu definieren, dass Ansprüche automatisch geprüft und Versicherte sofort ihr Geld erhalten könnten. Das funktioniert wie bereits für den Agrarbereich beschrieben, ein anderes Beispiel wäre der Reisesektor. Sobald ein Flug mehr als 30 Minuten Verspätung hat, könnte ein Versicherter Entschädigung bekommen – und das automatisch, denn das Blockchain-Netzwerk erhält die Fluginformationen in Echtzeit und triggert sogleich die Auszahlung, wenn die Kriterien des Vertrags erfüllt sind.

Aus diesem Grund setzt Swiss Re auf Blockchain und arbeitet gemeinsam mit 15 Branchengrößen wie Munich Re oder Allianz im Rahmen der B3i-Initiave an der Entwicklung von Standards. Die Vision dabei: Was Swift im Bankensektor ist, könnten die B3i-Standards für Versicherer werden. Im Juni soll die neue Generation von Verträgen, genannt Smart Contract, auf Basis von Blockchain getestet werden.

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Erfolgreiche Innovation im Bankengeschäft

Die neue Technologie hat das Potenzial, das Finanzwesen umzukrempeln, denn Transaktionen werden automatisch in Sekunden ausgeführt und genehmigt: SAP hat mit der kanadischen Bank ATB Financial und dem Fintech-Startup Ripple Labs bereits die erste internationale Blockchain-Zahlung von Kanada nach Deutschland getätigt. Für Unternehmen, die global agieren, könnte dieses Modell eine Alternative zu teuren und langsamen klassischen Banküberweisungen sein.

Auch für den früheren CIO der SAP, Oliver Bussmann, der heute eine Beratungsfirma leitet, ist Blockchain „ein Megatrend.“ Er zitierte eine Studie des World Economic Forum, an der er mitgearbeitet hat: Der Studie zufolge investieren mehr als 24 Länder derzeit in die Technologie, vorne dabei neben USA und Großbritannien sind auch China und Russland. 1,4 Milliarden US-Dollar wurden in den vergangenen drei Jahren investiert, über 90 Banken springen gerade auf den Blockchain-Zug auf, viele davon engagieren sich in Netzwerken. Laut Bussmann werde das gerade im Zusammenspiel mit anderen neuen Technologien wie IoT die Digitalisierung enorm vorantreiben: „Wir bewegen uns von einem zentralen Cloud Computing Geschäftsmodell hin zu einem dezentralem Edge Computing – in Echtzeit und branchenübergreifend.” Und für dieses Geschäftsmodell brauche man die Blockchain-Technologie. Sein Rat an die Teilnehmer: „Warten Sie nicht zu lange, nutzen Sie die Vorteile als Early Adopters.“

Neue dezentrale Geschäftsmodelle: Uber in der Blockchain

Genau das tun bereits rund 1600 Startups, die das Forschungsteam der Technischen Universität München (TUM) unter die Lupe genommen hat. Die meisten tummeln sich im Finanz- und Versicherungssektor. Es geht dabei um Ideen wie die elektronische Geldbörse oder Anwendungsbeispiele im Bereich Bitcoin-Infrastruktur (Entwicklung eines Bitcoin Geldautomaten). Aber auch andere Branchen sind dabei: So nannte Dr. Andranik Tumasjan, der an der TUM mögliche Geschäftsmodelle von Blockchain erforscht, folgende Anwendungsbeispiele: 3D-Druck im Manufacturing, Nachverfolgbarkeit in der Logistikkette: Ist Bio wirklich bio? Eine transparente Logistikkette mit Blockchain könnte die Antwort darauf geben.

Blockchain bietet sich auch an, wenn es um Urheberrechte bei Songs geht. So streamt ein Startup mit der Technologie Songs und der Künstler erhält direkt vom Verbraucher die Bezahlung, anders als bei Spotify, das Gebühren verlangt. Darin sieht Tumasjian auch einen großen Vorteil von Blockchain: „Künftig wird es ohne Mittelsmänner wie Uber gehen. In 5 bis 15 Jahren verschwinden diese Vermittler.“ Ein dezentrales Uber-ähnliches Startup (LaZooz) steht schon in den Startlöchern.  Genauso wie ein Ebay-Blockchain-Modell (OpenBazaar), über das der Käufer den Verkäufer direkt mit Bitcoins bezahlt. Weitere Modelle, die durch Blockchain entstehen: automatische, dezentrale Geschäftsmodelle wie die bereits erwähnte Agrarversicherung (Jami Crop) oder die Entschädigung bei Flugverspätungen. Der Vorteil für Kunden: schnellere Prozesse, weniger Kosten, Kontrolle über die eigenen Daten, da Informationen in der Blockchain durch kryptographische Verfahren verschlüsselt sind. „Am Ende wird es gänzlich dezentrale, digitale Firmen geben wie Otonomos. Dezentrale Marktplätze wie LaborX würden entstehen, auf denen jeder seine Arbeit anbieten kann, die Bezahlung erfolgt natürlich in Bitcoin.

Wird Blockchain ERP-Systeme ersetzen?

Und was hat Blockchain mit ERP-Systemen wie denen der SAP zu tun? McKinsey sagt bereits ein Potenzial von 80 bis 110 Milliarden US-Dollar an Effizienzsteigerung voraus. Zur Frage, ob Blockchain gar das Ende der ERP-Welt wie wir sie kennen, sein wird, meinte Dirk Siegel von Deloitte: „Wir gehen eher von einer Erweiterung der ERP-Systeme durch Blockchain aus.“ So könnte etwa ein Teil der SAP Contract Lifecycle Management (CLM)-Funktionen in Blockchain aufgehen und beide Systeme nebeneinander existieren, später könnten neue Systeme entstehen, die speziell mit der neuen Technologie entwickelt würden. Dies zeigt auch die Kooperation von SAP und Deloitte, bei der eine auf Distributed Ledger Technologie basierende Plattform für Schuldscheindarlehen von Deloitte in SAP Loans Management SAP S/4HANA integriert wird.

Ein Beispiel für die vorausgesagte Effizienzsteigerung in der IT-Landschaft gab Stefan Gasslitter, CEO SIAG Bozen. Mit Hilfe von Blockchain könnten die Behörden in Südtirol transparente Systeme entwickeln, die den Vorschriften entsprechen, IT-Landschaften vereinfachen und ein neues Niveau von Datensicherheit ermöglichen. So will die Landeshauptstadt Bozen ihre Bürgerdienste verbessern und konnte bereits einen vierstufigen Prozess auf eine Stufe vereinfachen. Vierzig weitere Behörden in Südtirol wollen dem Beispiel folgen und Blockchain als Infrastrukturschicht für die gesamte IT-Landschaft einführen. Die SAP Cloud Platform ermöglicht dabei Blockchain-as-a-Service.

Wer angesichts der Blockchain-Revolution nun Angst um seinen Job hat, zumindest die IT-Branche hat laut Thomas Spangemacher vom SAP Innovation Center gute Aussichten. „Man braucht für die Vertragserstellung vielleicht bald keinen Rechtsanwalt mehr, wohl aber Entwickler.“

Weitere Informationen

Mehr zu Blockchain erfahren Sie im Video „The Blockchain and us“

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