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Blockchain: Die Lieferabwicklung dokumentieren und vereinfachen

Feature | 2. Oktober 2017 von Andreas Schmitz 31

Die Blockchain vereinfacht Dokumentationen und senkt Risiken in der Lieferabwicklung der Fertigungsindustrie. Doch was in Pilotprojekten funktioniert, muss auf den großen Maßstab übertragbar sein, gesetzlichen Vorgaben und Regularien entsprechen und sich rechnen.

1. Blockchain aktuell: Wie es heute läuft

Wenn Maschinen oder Bauteile in der Fertigungsindustrie verschifft werden, erhält der Produzent bei der Containerübergabe den zugehörigen Schifffrachtbrief, der ihn als Eigentümer des Gutes ausweist. Diese Konnossemente genannten Papiere sind seit Jahr und Tag die haptischen Nachweise dafür, dass ein Getriebe oder eine Turbine garantiert vom beauftragten Zulieferer stammt. Sobald das Containerschiff ablegt und auf seine wochenlange Reise geht, wird parallel dazu der Nachweis an den Bestimmungsort gesendet – per Luftpost oder Fax. Kommt die Ladung an, überprüft eine unabhängige Kontrollinstanz, dass die richtige Ware an einen Spediteur übergeben wurde. Die Blockchain vereinfacht diese Prozesse und sorgt zudem dafür, dass Manipulationen an den Dokumenten ausgeschlossen sind – auf elektronischem Weg.

2. Blockchain-Sicherheit: Wieso eine Manipulation von Dokumenten in der Blockchain ausgeschlossen ist

Denn mit der Blockchain wechselt lediglich ein elektronisches PDF-Dokument seinen Besitzer. „Es wird digitalisiert und in die Blockchain weggeschrieben“, erläutert Ulrich Scholl, der bei SAP dafür zuständig ist, Industrieinnovationen auf den Markt zu bringen. Die Bitsequenz des Dokumentes wird also erfasst und daraus ein Hashwert in der Blockchain erstellt. „Wird nur ein Bindestrich im PDF ergänzt oder das Dokument bei einem erneuten Digitalisieren leicht verschoben, ändert sich die Bitsequenz und damit auch der Hashwert“, erläutert Scholl, der das elektronische Konnossement als digitalen Zwilling bezeichnet.


DEFINITION DER BLOCKCHAIN

Eine Blockchain ist eine verteilte öffentliche Datenbank, die eine ständig wachsende Liste von Transaktionsdatensätzen speichert. Jeder Datensatz, der so genannte Block, ist mit einem Zeitstempel versehen und kann jederzeit geprüft werden. Jeder Block enthält einen eigenen Hash (sozusagen einen digitalen Fingerabdruck) und auch den Hash des vorherigen Blocks, sodass sich eine Kette bildet, daher der Name Blockchain.


Bekommt der neue Eigentümer das PDF-Dokument, kann er über eine einfache Blockchain-Funktionalität (Docproof) den Hashwert des ihm vorliegenden Dokumentes neu berechnen und mit dem initial erzeugten und in der Blockchain hinterlegten Hashwert abgleichen. Stimmen beide Werte überein, ist das ihm vorliegende das originale Dokument. Der Zugriff auf diese Funktionalität und das zugrundeliegende, geschlossene Blockchain-Netzwerk ist auf definierte Teilnehmer beschränkt – etwa den Hersteller, den Reeder, das Transportunternehmen, die Handelspartner und den Abnehmer.

Die Überprüfung der Echtheit erfolgt hierbei gegen die lokale Kopie des Hashwertes im Blockchain-Netzwerkknoten des Teilnehmers. „Diese Kopie wurde beim initialen Hashen des Dokumentes durch die Blockchain erzeugt und auf seinen Blockchain-Knoten verteilt“, erläutert Scholl. Eine Manipulation der lokalen Kopie wäre nur dann möglich, wenn das Dokument auf gleiche Weise auf allen Rechnern bzw. Knoten der Teilnehmer des geschlossenen Blockchain-Netzwerkes verändert würde. „Das ist praktisch ausgeschlossen“, erläutert Scholl.

Vorteil: Eine unabhängige Instanz ist nicht nötig, um zu überprüfen, dass das Dokument echt ist. Zudem erübrigt sich der physische Transport und die persönliche Weitergabe der Dokumente.

Bei der Blockchain handelt es sich um ein Protokoll, das dafür sorgt, dass die Daten in der Blockchain sicher und konsistent verteilt und aktuell auf allen Netzwerkknoten gehalten werden. Über ein Public- oder Private-key-Verfahren können nur die Teilnehmer die Daten einsehen, die dazu berechtigt sind (Ulrich Scholl, SAP).

3. Blockchain-Herausforderungen: Woran es noch hapert

Die Blockchain ist – wie auch das Internet der Dinge und maschinelles Lernen – eine Technologie. „Deshalb ist es wichtig, sich in Diskussionen nicht auf die Blockchain zu beschränken, sondern immer auch die Geschäftsprozesse und -modelle im Auge zu behalten“, erläutert Scholl.

Erst dann können wertschöpfende Anwendungsszenarien entstehen, die auch ein Zusammenspiel der Blockchain mit anderen Technologien wie IoT oder maschinelles Lernen erfordert. Heute ist noch offen, ob sich dadurch bestehende und etablierte Prozesse in der Lieferantenbeziehung grundsätzlich verändern werden und welche neuen Geschäfts- und Prozessmodelle dadurch geschaffen werden können.

– Beispiel Automobilindustrie: Autohersteller arbeiten heute in erster Linie mit ihren direkten Lieferanten zusammen, die einerseits Fahrzeugteile liefern und gleichzeitig die Einhaltung von Vorschriften wie etwa die Recycling-Quote eines Fahrzeuges garantieren müssen – auch für darunter liegende Lieferketten. Für die Zusammenarbeit der direkten Lieferanten stellen die OEMs ihren Zulieferern in der Regel Lieferantenportale zur Abwicklung der Prozesse bereit. „Die Einführung einer Blockchain-basierten Infrastruktur würde den Autoproduzenten eine Kooperation und Transparenz über die gesamte Lieferkette ermöglichen und hiermit eine Neudefinition und Erweiterung des etablierten Geschäftsnetzwerkes über klassische Teilnehmer hinaus ermöglichen“, erläutert Scholl. So könnten beispielsweise im Zuge des weiteren Ausbaus der E-Mobilität und der Umsetzung von Future-City-Konzepten Energieversorger, Mobility Service Provider oder Betreiber von Ladestationen und Verkehrsmanagement-Systemen zu diesem Netzwerk gehören. Deren Services gehen also weit über die Leistungen eines klassischen Zulieferers hinaus.

– Ein ähnliches Umdenken steht dem regulatorischen Umfeld bevor. Heute sind Regulierungsbehörden fokussiert darauf, die Einhaltung von notwendigen Dokumentationsvorschriften und -prozessen sicherzustellen – etwa im Flugzeugbau hinsichtlich der Dokumentation der Herkunft und Historie von Flugzeugteilen, im Automobilbau hinsichtlich der Einhaltung vorgeschriebener Anforderungen für das Fahrzeug-Recycling. Künftig wird die Kontrolle der Dokumentation in den Hintergrund treten und ein Fokus beispielsweise auf der Überprüfung der in die Blockchain übertragenen Daten liegen. „Das erfordert neue Prozesse und Rollenbeschreibungen, die sich etwa auch damit beschäftigen, Betrugsversuche computergestützt aufzudecken und entsprechende Schritte einzuleiten. Eine Kombination aus Blockchain und maschinellem Lernen wird hier eine wichtige Rolle spielen“, erläutert Scholl.

4. Blockchain-Momentum: Geschäftsnetzwerke als Treiber der Blockchain

Die Blockchain schafft digitale Transformationspotentiale, die Prozess- und Geschäftsmodelle wie auch Geschäftsnetzwerke maßgeblich beeinflussen werden. „Hierzu ist insbesondere ein Fokus auf das Zusammenspiel von heutigen Wettbewerbern in einem gemeinsamen Geschäftsmodell entlang der industriespezifischen Wertschöpfungsketten zu erwarten“, sagt Innovationsexperte Scholl. In der Seefracht etwa arbeiten die wichtigsten Reedereien wie Maersk, die Mediterranien Shipping Company (MSC) und die China Open Shipping Company (Cosco) trotz ihrer Wettbewerbssituation daran, bestehende Prozesse zu vereinfachen und Geschäfte gemeinsam mit den Häfen und Transportunternehmen auf Basis von neuen Technologien auszubauen.

Wichtiger Teil des größeren Geschäftsnetzwerkes ist auch die vereinfachte und kostengünstigere Abwicklung der Handelsfinanzierung, die wegen den hohen Kosten für kleine und mittelständische Unternehmen meist unattraktiv ist. Sieben Banken – darunter die Deutschen Bank, die Rabobank und HSBC – schlossen sich zu einem Konsortium zusammen, um grenzüberschreitende Handelsfinanzierungen für KMUs über eine Blockchain-Plattform zu vereinfachen. Und auch SAP ist Mitglied von wichtigen Blockchain-Konsortien wie beispielsweise dem Hyperledger-Konsortium und kooperiert darüber hinaus mit verschiedenen Blockchain-Anbietern wie beispielsweise Everledger. „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Kunden betriebswirtschaftliche Wertschöpfungspotentiale dieser Technologie zu identifizieren, um dann bestehende Blockchain-Standards mit den jeweiligen Konsortien weiterzuentwickeln und dann in einem weiteren Schritt als Teil unserer Lösungen anzubieten“, erläutert Scholl.

Weitere Informationen:

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