Büffeln via Internet

Feature | 28. Mai 2008 von admin 0

Wie verändern moderne Technologien das Bildungswesen?

Cigale: Das US-amerikanische Bildungsgesetz „No Child Left Behind“ hat großen Einfluss auf die Schulen. Es verpflichtet Bildungseinrichtungen in den USA, ihr gesamtes Tun zu dokumentieren. Um den Leistungsstand der Schüler transparenter zu machen, haben die Schulbezirke unterschiedliche Informationssysteme eingeführt. Lehrer und Schulleitung suchen nach Software und Multimedia-Schulungen, die sie zum einen bei den geforderten Nachweisen unterstützen und zum anderen die Leistungen von Schülern verbessern.

Brauchen Schüler heute andere Fähigkeiten und Kenntnisse als vor dem Internet-Boom?

Cigale: Heute haben Schüler Zugang zu viel mehr Informationen. Außerdem stehen Ihnen Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sie Aufgaben, die früher schwierig waren, ganz einfach bewältigen können. Das bedeutet aber auch, dass derjenige schnell ins Hintertreffen gerät, der nicht mit dem Internet umgehen kann oder nicht weiß, wie Kontaktpersonen verwaltet und Kommunikationswerkzeuge effektiv genutzt werden. Überraschenderweise hinken hier meist die Eltern und Lehrer hinterher. Für das Bildungswesen ist es also essentiell, dass Lehrer in Bezug auf die Technologie besser ausgebildet werden. Denn sie müssen sich mit den Werkzeugen auseinandersetzen, die ihre Schüler bereits nutzen.

Welche Schwierigkeiten mussten Sie überwinden, um Ihren Nachhilfe-Service im Internet zu etablieren?

Cigale: Andere Branchen, etwa der Einzelhandel, haben die Vorteile des Online-Geschäfts schnell erkannt. Sie können damit beispielsweise leichter neue Kunden gewinnen und bestehende besser bedienen. Im Bildungssektor fehlen allerdings solche finanziellen und marktbezogenen Anreize. Daher haben neue Technologien hier viel langsamer Fuß gefasst. Im Bildungswesen stellen in vielerlei Hinsicht die Lehrer die Weichen. Neue Werkzeuge schaffen nicht den Einzug in die Klassenzimmer, wenn Lehrer keine Zeit haben oder nicht motiviert sind, sich damit auseinander zu setzen. Dann nutzt es auch nichts, wenn die Schulleitung die besten Technologien erwirbt.

Wir haben daher den Bildungssektor umgangen und Tutor.com erst einmal an öffentliche Bibliotheken verkauft, die den Service ihren Nutzern anbieten. Nachdem wir diesen Bereich als ein Kerngeschäft etabliert hatten, haben wir Eltern und Schüler direkt angesprochen, nach dem Motto: „Ihr kennt doch sicher den tollen Service, den eure Bibliothek bereitstellt? Wir bieten euch einen noch besseren und an eure Bedürfnisse angepassten Dienst, den ihr rund um die Uhr von zu Hause aus nutzen könnt.“

Was treibt Online-Bildung voran, Technik oder Marketing?

Cigale: Technik und Marketing spielen gleichermaßen eine wichtige Rolle. Aus technischer Sicht bietet Tutor.com eine echtzeitfähige Lernumgebung. Jeden Tag finden mehr als 5.000 Live-Sitzungen zwischen einem Schüler und einem Lehrer statt. Vor zehn Jahren wäre das technisch nicht möglich gewesen. Logistisch ist unser Geschäft sehr komplex und fast mit einem Call-Center vergleichbar, denn unsere Lehrer sind über ganz Nordamerika und Kanada verstreut. Für unser Wachstum sind also gleichzeitig bestehende Verbindungen, parallel ablaufende Prozesse sowie für Bildung konzipierte Online-Werkzeuge entscheidend.

Die größte Herausforderung im Marketing ist es, dafür zu sorgen, dass wir bei Eltern und Schülern bekannt sind – und es auch bleiben. Das gilt selbst für uns als Marktführer. Wenn ein Schüler mit seinen Hausaufgaben nicht weiter kommt oder Schwierigkeiten mit dem Unterrichtsstoff hat, der morgen in einem Test abgefragt wird, müssen er und seine Eltern wissen, dass rund um die Uhr ein Lehrer für persönlichen Nachhilfeunterricht zur Verfügung steht.

Was finden Sie an der „Online-Bildung“ am spannendsten?

Cigale: Es bieten sich enorme Möglichkeiten, die mich jeden Tag aufs Neue motivieren. In unserer Anfangszeit vor zehn Jahren haben Jugendliche zum Beispiel kaum SMS- und Instant-Messaging-Nachrichten verschickt. Heute nutzen 99 Prozent der Teenager diesen Dienst ständig. Ich bin davon überzeugt, dass Online-Unterricht in zehn Jahren genauso selbstverständlich und verbreitet sein wird, wie heute das Versenden von Kurznachrichten. Die Brandeis University hat zum Beispiel in einer Studie herausgefunden, dass die Produktivität in Unternehmen nachmittags vor allem auch deshalb zurück geht, weil Schüler Hilfe bei Ihren Hausaufgaben brauchen und ihre Eltern bei der Arbeit anrufen.

Wie schützt Tutor.com die persönlichen Daten, die zwischen Schüler und Tutor ausgetauscht werden?

Cigale: Wir prüfen den Informationsfluss genau und schützen die Privatsphäre der Schüler sowie der Eltern durch eine entsprechende Systemarchitektur. Durch den so genannten „Children’s Online Privacy Protection Act“ ist Datenschutz in den USA im Bildungswesen besonders komplex, wenn es um Minderjährige geht. Firmen dürfen Daten von Kindern unter 13 Jahren nur mit dem Einverständnis der Eltern einholen. Der Datenschutz gehört heute zu den zentralen Anforderungen für jedes Unternehmen. Er muss in jedem Fall gewährleistet sein.

Das Internet bietet Kunden und Anwendern heute Möglichkeiten, wie nie zuvor. Wie wirkt sich das auf Ihre Entwicklungsstrategie aus?

Cigale: Wir entwickeln eine neue Art des Lernens. Um eine solche Innovation in einem eher trägen Markt zu platzieren, muss ein Unternehmen stark verkaufsorientiert ausgerichtet sein. Ich versuche daher, unseren Technikern ein umfassendes Verständnis unseres Geschäfts und unserer Ziele zu vermitteln. Sie müssen in der Lage sein, wichtige Verbesserungen vorzuschlagen und umzusetzen oder Erweiterungen zu entwickeln. Gleichzeitig müssen wir aber sicherstellen, dass keine dieser Entwicklungen zu einem Systemausfall führt oder die Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit beeinträchtigt.

Im Bibliotheksgeschäft haben wir Release-Zyklen von etwa sechs Monaten und es gibt vergleichsweise wenig Änderungen. Anders sieht es im Geschäft mit Endkunden aus, denn hier lernen wir durch den Austausch mit Kunden täglich dazu und veröffentlichen alle ein bis zwei Wochen neue Releases. Dementsprechend ist es für das Technikteam sehr wichtig, sich an den Geschäftsanforderungen auszurichten.

Aber es geht uns nicht darum, die nächste coole Funktion für ein Online-Klassenzimmer zu veröffentlichen, nur weil die Techniker sie für toll halten. Entscheidend ist vielmehr, ob die Funktion den Schülern einen zusätzlichen Nutzen bietet. Denn nur dann werden sie ihren Freunden davon erzählen.

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