Wer hinter SAPs Chinageschäft steht

Feature | 18. Juni 2012 von Susan Galer 0

Illustration: iStockphoto

Wie so oft hat Xiaoqun Clever in der vergangenen Woche mehr Zeit im Flugzeug verbracht als in ihrem Büro. Nanjing, Peking, Schanghai – nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge, und mindestens eine dieser Städte hat sie diese Woche schon zweimal besucht. Kundenbesuche sind ihr wichtig und gehören zum Alltag, doch seit ihrer Ernennung zur Leiterin der SAP Labs China hat die Häufigkeit solcher Anlässe deutlich zugenommen.

Die neue Funktion ist eine große Auszeichnung, bringt jedoch auch zusätzliche Verantwortung und Pflichten mit sich, die sie neben ihren Aufgaben als Leiterin des Bereichs Design & New Applications und als Corporate Officer der SAP AG bewältigen muss. „Die Aufgaben greifen ineinander“, berichtet Clever. „Als Leiterin der SAP Labs habe ich die Aufgabe, die Innovation in China voranzutreiben – das mache ich bei SAP bereits seit 15 Jahren.“ Dennoch muss sie nun den Beweis antreten, dass sie SAP als innovationsstärkstes Unternehmen in China positionieren kann.

SAP Business One: Ein Stück Innovation aus China

China ist bekannt für schnelles Wachstum und die Einführung neuer Technologien. SAP Business One, die ERP-Software für den Mittelstand, wurde in China entwickelt und dort auch für China lokalisiert. Inzwischen wird die Software in 123 Ländern vertrieben. „Wir schlagen Brücken und bringen Innovationen auf den chinesischen und weltweiten Markt“, fügt sie hinzu.

Für Kunden in China, die weltweit agieren wollen, ist die globale Erfahrung der SAP ausschlaggebend. „Einheimische Softwarefirmen verfügen nicht über globale Best Practices, wie die SAP sie anbietet. Sie möchten von unserer Erfahrung profitieren. Und mit unseren Partnern sind wir bestens positioniert, Mehrwert für die Kunden zu schaffen“, betont Clever.

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Xiaoqun Clever, Leiterin der SAP Labs

Clevers Neuanfang an der Universität Karlsruhe

Xiaoqun Clever hat ihren Nachnamen nicht selbst gewählt. Zwar legen sich Chinesen, die im Ausland arbeiten, häufig einen Namen zu, den Kollegen ohne fundierte Kenntnisse in Mandarin einfacher aussprechen können, doch „Clever“ ist schlicht der Name von Xiaoquns deutschem Ehemann. Als Clever 1989 in Deutschland ankam, musste sie zunächst Deutsch lernen, um ihr Informatikstudium an der Universität Karlsruhe aufnehmen zu können. Ihre bereits in der Heimat absolvierten Informatikkurse wurden nicht anerkannt, so dass sie ganz von vorne beginnen musste. Unbeirrt nahm sie die Herausforderung an und widmete sich mit Begeisterung einem Fach, das in ihren Augen eine große Zukunft hatte. „Programmiersprachen und das, was man damit machen kann, haben mich schon immer fasziniert“, erzählt sie. „Deshalb wollte ich mich nicht durch ein paar sprachliche oder bürokratische Hürden davon abhalten lassen.“

Seit sie 1997 bei SAP angefangen hat, haben ihr viele Mentoren zur Seite gestanden − in Deutschland, den USA und in China. Sie rechnet es den aktuellen SAP-Vorstandsmitgliedern hoch an, ihr Unterstützung und Inspiration gegeben zu haben und ihr besonderer Dank gilt Hasso Plattner, SAP-Mitbegründer und Aufsichtsratsvorsitzender. An Plattner bewundert sie: „Seine beeindruckende Fähigkeit, neue Informationen aufzunehmen und sich in acht- oder neunstündigen Technology Deep Dives auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er bezieht die Sicht des Kunden mit ein und weiß sehr genau was getan werden muss.“

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Zwei Milliarden Dollar für die Erschließung des chinesischen Marktes

Bevor Clever ihre neue Rolle am Standort Schanghai übernahm, war sie direkt an der Entwicklung des Wachstumsplans für die SAP in China beteiligt. Nun ist sie als Leiterin der SAP Labs China auch für seine Umsetzung verantwortlich. Investitionen in Höhe von zwei Milliarden Dollar (1,6 Milliarden Euro) sollen die Erschließung des chinesischen Marktes durch innovative Lösungen ermöglichen.

Clever weiß sehr genau, wie diese Anforderungen erfüllt werden können: „Der Erfolg der SAP beruht in erster Linie auf Innovation“, betont sie. Die Quintessenz der Innovation und damit auch der Auftrag für ihre Teams in den SAP Labs China – dem drittgrößten Forschungs- und Entwicklungszentrum der SAP – besteht für sie deshalb darin, „attraktive Produkte“ zu entwickeln. Produkte, „die auf den neuesten Technologien basieren und den Kunden ansprechen.“

Vereinfachung ist eine der wichtigsten Kundenanforderungen. Clever sieht die Rolle der SAP darin, als vertrauenswürdiger Partner zu agieren und zu ermitteln, was der Kunde noch nicht hat. „All unsere Entwickler lernen, dass weniger manchmal mehr ist. Vereinfachung wird nicht erzielt, in dem man Probleme vereinfacht“, erklärt sie. „Es passiert, wenn man eine komplexe Problematik studiert, die Probleme verdaut und dann zur einfachsten Lösung gelangt. Manchmal scheint der Weg des Kunden kompliziert. Wir bringen unseren Entwicklern bei, neue Wege finden, das Problem zu lösen, das sich hinter der Beschreibung des Kunden verbergen könnte.” Unternehmen in China suchen nach Lösungen, mit denen sie ihre Abläufe besser verwalten, ihre Präsenz auf internationale Märkte ausweiten und ihr Geschäftsmodell optimieren können. „Hierfür wünschen sie sich die Unterstützung von SAP“, resümiert sie. „Unsere Lösungen sind dabei nicht der Zweck, sondern das Mittel zur Bewältigung dieser Herausforderungen.“

Als hinderlich für den Einsatz neuer Technologien erweisen sich jedoch häufig die Anforderungen an die Skalierbarkeit einer Lösung, so Clever: „Alles, was in oder für China entwickelt wird, muss sich auch schnell erweitern lassen. Die Skalierbarkeit spielt in China eine wesentlich größere Rolle als in den meisten anderen Ländern. Unsere bestehenden Produkte bieten chinesischen Unternehmen gute Wachstumsmöglichkeiten. Doch auch bei der Entwicklung neuer Produkte sollte das Augenmerk stets auf der Skalierbarkeit liegen. Dies wird unsere dringlichste Herausforderung in den SAP Labs China sein.“

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Lösungen in China müssen noch skalierbarer sein

Ende März unterzeichnete Clever eine gemeinsame Absichtserklärung mit der Regierung in Nanjing. In dieser Erklärung verspricht die SAP, dort noch in diesem Jahr ein zweites globales Innovationszentrum zu errichten. An der Universität Nanjing schließen jedes Jahr mehr als 72.000 Studenten ihr Informatikstudium ab, weshalb die Stadt Peking als wichtigste Ideenschmiede der chinesischen IT-Branche ablösen möchte.

Die besten Talente für die SAP, ihre Partner und Kunden zu gewinnen hat für Clever hohe Priorität. Ihr regelmäßiger Austausch mit wichtigen Kunden und Hochschuleinrichtungen festigt zum einen die Vorreiterrolle von SAP in China, macht das Unternehmen jedoch auch zu einem attraktiven Arbeitgeber für junge, begabte IT-Absolventen.

„Warum sollte sich ein Absolvent für SAP entscheiden und nicht für ein anderes Unternehmen?“, fragt sie. „Weil die SAP kreatives und unkonventionelles Denken fördert, wie es diese jungen Talente aus ihrem Studium gewohnt sind. Wir sind ein Unternehmen, das Produkte entwickelt, die für die Kunden attraktiv sind – die Entwicklungsarbeit ist für uns kein reiner Selbstzweck. Das ist für junge Talente ebenso wichtig wie der Gehaltsscheck“, zeigt sie sich überzeugt. „Bei SAP dürfen und sollen die Mitarbeiter auch Mut zeigen – und ja, hier in China haben sie tatsächlich auch die Möglichkeit, die Welt zu verändern.“

Jungen Leuten, die sich für Technologie begeistern, rät sie, sich mit Leidenschaft dafür einzusetzen und ihre Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. „Bleibt Euren technischen Wurzeln treu, lebt Eure Leidenschaft für Perfektion, Präzision und die Schönheit des Produkts — intuitiv und benutzerfreundlich. Geht bei der Qualität keine Kompromisse ein und haltet Euch stets an die Fakten“, fügt sie hinzu.

Clevers Ziel ist es, ihren Mitarbeitern zu helfen, ihre Talente zu entfalten. Ihre Teams zählen mehr als 2.000 junge, motivierte und engagierte Leute. „Meinen Managern sage ich, dass wir für unsere Teams da sind und wir sie unterstützen, damit sie ihre Potenziale voll entfalten können. Wir sind stolz darauf, Mitarbeiter der SAP Labs China zu sein.“

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Mutter und Top-Managerin mit sportlichen Ambitionen

In ihrer neuen Rolle muss Clever sehr viel reisen. Doch die Top-Managerin und Mutter zweier Söhne von neun und elf Jahren findet sogar noch Zeit für Sport. Erst kürzlich lief sie bei einem Marathon mit und vergangenes Jahr nahm sie mit ihrem Team an einem Benefizlauf in Frankfurt teil, der zugunsten an Brustkrebs erkrankter Frauen veranstaltet wurde.

Auf die Frage nach ihrem größten Erfolg antwortet sie jedoch: „Mein Studium der Betriebswirtschaft abzuschließen und gleichzeitig Mutter von zwei kleinen Kindern zu sein. Ich bin stolz darauf, dass ich alles so erfolgreich unter einen Hut bringen konnte.“         

Heute unterhält sie sich per Videotelefonie mit ihren Kindern, wenn sie auf Reisen ist. „Meine Kinder bringen mich zum Lachen“, schmunzelt sie. „Ich freue mich immer sehr, wenn ich unterwegs bin und ihre Gesichter sehe.“

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