“Das Beste aus beiden Welten”

Feature | 17. März 2003 von admin 0

Die Eclipse-Plattform dient als Grundgerüst für die Implementierung von Werkzeugen für die Anwendungsentwicklung. Jedes Plug-In verbindet sich dabei mit Andockpunkten (Extension Points) der Eclipse-Plattform und bietet wiederum weitere Andockpunkte an, um das Zusammenspiel aller Pug-Ins zu gewährleisten. Die mittlerweile mehr als 30 Mitglieder der Eclipse-Initiative haben sich dem Open-Source-Modell verschrieben, also einem allgemein zugänglichen, öffentlichen und lizenzfreien System. Der Open-Source-Charakter der Plattform ermuntert Unternehmen dazu, ihre Plug-Ins – etwa Editoren, Analysewerkzeuge oder Debugger – untereinander zu verbinden. Ziel ist es, eine leistungsstarke integrierte Entwicklungsumgebung (Integrated Development Environment, IDE) zu schaffen.
Die Eclipse-Initiative wurde auf Anregung von IBM im November 2001 ins Leben gerufen. Big Blue stellte damals Software im Wert von 40 Millionen US-Dollar zur Verfügung, um Eclipse einen optimalen Start zu ermöglichen. Unterstützung fand IBM unter anderem bei Softwarehäusern wie Rational Software, Borland, Red Hat oder SuSE. Gemeinschaftlich hätten sich, so Skip McGaughey, Vorsitzender des Leitungsgremiums von Eclipse und von IBM für diese Rolle abgeordnet, die Partner entschieden, den Code der Plattform zur freien Verfügung zu stellen. Auf diese Weise sind die beteiligten Unternehmen in der Lage, die Software gemeinschaftlich weiterzuentwickeln und Fehler zu beheben, ohne ständig gleiche Anforderungen unabhängig voneinander mehrfach lösen zu müssen. Die Entwickler in den einzelnen Unternehmen können sich somit auf die für sie wesentlichen Probleme konzentrieren und kommerziell verfügbare Produkte auf der gemeinschaftlich entwickelten Plattform aufbauen. “Und die Zahlen sprechen für sich”, so McGaughey weiter. “Seit der Entstehung von Eclipse wurden bereits über vier Millionen Kopien in 125 Ländern und von mindestens 175 verschiedenen Unternehmen herunter geladen, um die von uns als Plug-Ins bezeichneten Module zu entwickeln, die auf der Plattform aufbauen.”

Die Anforderungen von SAP werden ernst genommen

Zu den neueren Mitgliedern des Konsortiums zählen kleinere Unternehmen wie AltoWeb und Flashline – aber auch Branchenriesen wie SAP oder Hewlett Packard. Michael Bechauf, Vice President des Bereichs Java-Architektur und Standards, vertritt die Interessen von SAP im Leitungsgremium des Eclipse-Konsortiums. Er dient ferner als Bindeglied zwischen der SAP-Entwicklung in Deutschland und Eclipse. Bereits nach der ersten Gremiumssitzung, urteilt Bechauf, sei absehbar gewesen, dass die Mitarbeit bei Eclipse überaus positiv, konstruktiv und professionell ist sowie viele Vorteile für alle Beteiligten bringen würde.
Zum einen habe sich SAP mit ihrem Beitritt zum Leitungsgremium im Dezember 2002 dazu verpflichtet, einen Teil der Technologie und Entwicklungsexpertise für Eclipse beizusteuern. Damit ist SAP in der Lage, mit seiner Stimme im Leitungsgremium Einfluss darauf zu nehmen, welche Projekte das Konsortium in Zukunft initiieren wird, welche Richtung die laufenden Projekte nehmen und welche Themen im Zusammenhang mit Eclipse diskutiert werden – zum Vorteil der SAP-Kunden. Darüber hinaus profitiert SAP in einer Win-win-Situation von Beiträgen anderer Mitglieder im Eclipse-Projekt. Dies zusammen ergibt Vorteile, die sich ähnlich effektiv mit In-house-Lösungen oder Lizenzen eines externen IT-Anbieters nicht erzielen ließen.
SAP hatte dem Eclipse-Projekt bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt Beachtung geschenkt. Denn nachdem sich das Unternehmen entschieden hatte, die Java2 Enterprise Edition (J2EE) als integralen Bestandteil des SAP Web Application Server (SAP WAS) zu unterstützen war klar, dass SAP zum einen allgemeine Java-Entwicklungswerkzeuge wie etwa Debugger benötigen würde. Zum anderen brauchte SAP jedoch eine Entwicklungsumgebung, die sich um spezielle Werkzeuge für die SAP-Anwendungsentwickler erweitern lässt, um deren Produktivität zu steigern.

Lokal entwickeln, zentral testen

Im Gegensatz zur Java-Entwicklung läuft die herkömmliche SAP-Entwicklungsumgebung auf einem zentralen Applikationsserver, wobei ein Thin Client mit geringer Logik auf der Entwicklungsworkstation zur Anmeldung beim Server dient. “SAP nutzte bisher mit dem SAP GUI ein sehr allgemein gehaltenes Front-End”, erläutert Bechauf. “Auf dem SAP GUI lässt sich jede beliebige Unternehmensanwendung ausführen, es dient aber auch als Zugang zur zentralen Entwicklungsumgebung.” Diese verfügt über ein zentrales Quellcode-Repository, in dem der Programmcode gespeichert ist, da kein Code auf der Workstation des Entwicklers gesichert wird. Die Programme werden dementsprechend auch ausschließlich auf dem SAP-Applikationsserver ausgeführt und getestet.
Im Vergleich zu einer Java-Entwicklungsumgebung ergeben sich hier fundamentale Unterschiede. “Die Entwicklungsobjekte bei Java werden auf der Workstation des Entwicklers gespeichert, der üblicherweise einen Teil des Codes entwickelt oder eine Datenbanktabelle als Teil eines Softwareprogramms modifiziert und die Tests lokal durchführt”, erläutert Bechauf. Ist bei der Entwicklung ein bestimmter Meilenstein erreicht, stellt der Entwickler die Quellen in ein zentrales SAP-Repository, wo der gesamte Java-Quellcode gespeichert ist. “Das führt dazu, dass alle abhängigen Objekte automatisch rekompiliert werden”. Er fügt hinzu: “Bei SAP haben wir damit gewissermaßen das Beste aus beiden Welten, eine lokale Entwicklungsumgebung für Java-Programme auf der Workstation des Entwicklers, sowie eine zentrale Testumgebung, mit der wir die Konsistenz und Integrationsfähigkeit aller Entwicklungskomponenten, aus denen eine Unternehmensanwendung besteht, gewährleisten können.”

Eclipse als Basis für SAP NetWeaver Developer Studio

SAP wird nach Bechaufs Ansicht das Eclipse-Projekt nicht nur um die Expertise bei der Entwicklung komplexer Anwendungen bereichern. Auch die Beteiligung von SAP an anderen Java-Initiativen und Normierungsinstitutionen wird sich auszahlen. So gehört SAP beispielsweise dem SE/EE Executive Board des Java Community Process (JCP) an und wirkt damit auf die künftige Gestaltung von Java ein – mit entsprechenden Synergieeffekten für das Eclipse-Projekt.
“JSR 88 zum Beispiel führt eine standardisierte Methode ein, um Softwarekomponenten auf einem J2EE 1.4-konformen Applikationsserver zu installieren. Damit kann der Entwickler die Software direkt aus der Entwicklungsumgebung von Eclipse heraus installieren”, erklärt Bechauf. Eclipse wird die künftige Strategie von SAP stark beeinflussen – so beispielsweise bei der neuen Softwarelösung SAP NetWeaver. Auf dieser Integrations- und Anwendungsplattform lassen sich Lösungen entwickeln, integrieren und ausführen, kurz, eine vollständige Enterprise-Services-Architektur aufbauen.
Als Teil von SAP NetWeaver wird das SAP NetWeaver Developer Studio Werkzeuge für die Anwendungsentwicklung in Unternehmen bereitstellen. SAP NetWeaver Developer Studio basiert vollständig auf der Eclipse-Plattform. Bei SAP ist die Entwicklungsorganisation Development Frameworks für alle auf Eclipse basierten Werkzeuge zuständig, die den Anwendungsentwicklern bei SAP helfen, Applikationen für SAP NetWeaver zu entwickeln.

Gartner: Das Konzept der besten Werkzeuge auf einer Plattform

Damit zählt der Kern der Eclipse-Entwicklungsumgebung naturgemäß zum Handwerkszeug der SAP-Anwendungsentwickler. Verbunden mit den SAP-Erweiterungen bietet die Eclipse-Entwicklungsumgebung damit neben Editoren und Compilern eine Reihe von Werkzeugen für die Entwicklung von Unternehmensanwendungen. Hierzu gehören beispielsweise ein Datenbank- Dictionary, Werkzeuge für Web-Services und Datenbank-Persistenz, das Design-Time-Repository sowie ein automatischer Component-Build-Service. Darüber hinaus beinhaltet SAP NetWeaver Developer Studio eine Reihe von Werkzeugen für die Entwicklung von Benutzeroberflächen auf Unternehmensebene. Diese gründen sich auf der Web-Dynpro-Technologie von SAP.
Web-Dynpro nutzt deklarative Design-Prinzipien. Auf Basis von Eclipse hat dabei die Gruppe um Rainer Ehre, Vice President der Entwicklungsorganisation Development Frameworks bei SAP, eine Reihe von Plug-Ins bereitgestellt. Diese Werkzeuge unterstützen den Entwickler dabei, Web-basierte Benutzeroberflächen interaktiv zusammenzusetzen. Dabei kommen vordefinierte Interaktions-Schemata, Kontrollbibliotheken und Editoren für Ablauf und Inhalt der Anwendung zum Einsatz und es ist nicht mehr notwendig, jede einzelne Anwendung individuell von Grund auf zu entwerfen. Dies trägt entscheidend zur Erhöhung der Entwicklungs-Produktivität bei. Laut Ehres Schätzung werden deshalb innerhalb der kommenden zwei Jahre viele Anwendungsentwickler von SAP auf die Eclipse-basierte Java-Entwicklungsumgebung umsteigen. Ehre fügt hinzu: “Eclipse bietet uns alle grundlegenden Funktionen, die wir brauchen, um Werkzeuge für das SAP NetWeaver Development Studio zu entwickeln, mit denen unsere Anwendungsentwickler dann überaus produktiv arbeiten können.”
Abgesehen von den Entwicklern sind auch die Analysten von Eclipse überzeugt. Mark Driver von Gartner führt die starke Interoperabilität der Eclipse-Plattform darauf zurück, dass sie allgemeine Dienste für Plug-Ins aller Mitgliedsunternehmen bietet. “Der Open-Source-Charakter ermöglicht es Unternehmen, Werkzeuge der vielen anderen Beteiligten in einer einzigen Entwicklungsumgebung zu integrieren”, lobt Driver. Dennoch sind seiner Ansicht nach noch einige Herausforderungen zu meistern. So gilt es beispielsweise, das ideale Verhältnis zwischen Komponenten und Integration zu bestimmen. “Je stärker das Produkt eines Unternehmens in kleine Komponenten aufgeteilt ist, desto einfacher lässt es sich in Eclipse integrieren”, erklärte Driver. “Unternehmen mit einem monolithischen System hätten jedoch kaum eine Chance auf eine effektive Integration.” Driver bekräftigte, Eclipse sei ein ehrgeiziges Projekt. Im Falle eines Erfolgs würde es sicher dazu beitragen, die Idee, die besten Entwicklungs-Werkzeuge auf einer einheitlichen Plattform zu vereinen, wieder aufleben zu lassen.

Barbara Gengler

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