So sieht die IT-Zukunft aus

Feature | 6. Dezember 2012 von Christiane Pütter 0

Bergsteiger: istockphoto

Ob Wirtschaft oder Sport, Mode oder IT – gegen Jahresende rufen Experten ihre Prognosen für die Zukunft aus. So mancher Trend wird sich später als Medienhype entpuppen. Wir haben Analysten nach ihrer Einschätzung gefragt.

  1. Cloud Computing
  2. Mobile IT/Bring your own device (BYOD)
  3. Big Data/Business Intelligence (BI) und Analytics
  4. Outsourcing
  5. In-Memory Computing

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Frank Mang ist Leiter des SAP-Geschäfts bei Accenture in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Foto: Privat

1. Cloud Computing – (k)ein Thema ohne Grenzen

Die Mutter aller Vorhersagen, der „Gartner Hype Cycle“ in der Version 2012, nennt Cloud Computing eine der großen Entwicklungen. Die Cloud werde die IT-Welt in den nächsten fünf Jahren prägen. Andreas Zilch, Member of the board bei der Experton Group, sieht Cloud Computing aktuell jedoch in einer schwierigen Phase. Der Technologie müsse der Sprung vom Medienhype in die Reifephase gelingen. Nichtsdestoweniger spricht auch Zilch diesem Trend nachhaltige Wirkung zu.

Laut Mario Zillmann zeigen sich einige Effekte bereits. Der Senior Consultant bei Lünendonk erklärt: „Cloud Computing ist ein Thema, das derzeit von nahezu allen IT-Anbietern getrieben wird.“ Es sei kein Trend mehr, sondern begründe bereits konkrete Geschäftsmodelle.

Auch für Peter Lempp, COO von Capgemini, ist das Thema in der Praxis angekommen, vor allem bezüglich der Private Cloud. Lempp sieht die Chancen und Grenzen von Cloud Computing realistisch: „Cloud Services sind besonders geeignet, um schnell und selektiv Veränderungen herbeizuführen, sie ersetzen jedoch nicht unbedingt integrierte IT-Landschaften. Da liegt weiterhin die Herausforderung darin, keine neuen Daten-Silos aufzubauen.“

Ruediger Spies erwartet, dass Cloud Computing CIOs im kommenden Jahr einige Arbeit bescheren wird. Der Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC führt aus: “Cloud Computing, insbesondere der Einsatz von Public-Cloud-Komponenten, bleibt eine Mischung aus organisatorischen, rechtlichen und technologischen Aufgabenstellungen.“ Entscheider müssten den richtigen Mix finden.

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Peter Lemp ist COO von Capgemini. Foto: Privat

2. Mobile IT/Bring your own device (BYOD) – die Macht des Mitarbeiters

„Mittlerweile bestimmen die Mitarbeiter, wie Anbietermarkt und Unternehmens-IT aussehen.“ Diese These stammt von Carolina Milanesi, Research Vice President bei Gartner. Konkret: Immer mehr Menschen nutzen ihre privaten Handhelds auch am Arbeitsplatz. Geht es also um mobile IT, kommen viele Analysten automatisch auf „Bring your own device” zu sprechen.

Und das wird nicht einfach, denkt Capgemini-COO Lempp. „Die Zukunft ist vor allem ,Mobile‘, auch wenn sich Unternehmen mit der flächendeckenden Hardwarebeschaffung beziehungsweise einem BYOD-Ansatz noch etwas schwer tun.“ Er sieht die Consumer IT als Vorreiter. Diese Anforderung werde „unaufhaltsam in die Firmenwelt vorrücken“, sagt Lempp. IDC-Analyst Spies fällt auf, wie groß die BYOD-Lobby ist. Alle wichtigen Hersteller investierten in ihr Marketing. „Es ist bei den Mitarbeitern aktuell und die IT muss ihren Teil des Problems lösen“, so der Marktforscher.

Das Thema Sicherheit wird durch die aktuellen Trends ohnehin immer komplexer und damit auch kritischer, gibt Experton-Vorstand Zilch zu bedenken. BYOD und auch Cloud werden diese Entwicklung im kommenden Jahr noch verstärken, betont Lempp. Spies hört die CIOs scheinbar schon seufzen, wenn er sagt, Security sei „eher ungeliebt, aber zwangsläufig notwendig“. Mancher Branchenkenner spricht auch galgenhumorig von „Bring your own danger“ oder „Bring your own disaster“.

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3. Big Data/Business Intelligence (BI) und Analytics – die Daten sind da, die Entscheider sind auf der Suche

BI bleibt ein Dauerbrenner“, erklärt IDC-Analyst Spies. Capgemini-COO Lempp konzentriert sich bei diesem Bereich auf die Themen Master Data Management und Data Quality Management. „Das sind Themen, die wir unter dem Begriff Business Information Management einordnen“, so Lempp. „Der systematische Ansatz des Application Lifecycles in der IT sowie insbesondere das Alignment von Business & IT werden im kommenden Jahr weiter im Fokus der CIOs stehen.“

Lünendonk-Berater Zillmann führt aus, dass dieses Thema sowohl strategisch, also hinsichtlich des Nutzens der Daten für Unternehmensentwicklung, als auch technologisch (Datenhaltung, -zusammenführung und -analyse) „sehr relevant“ ist. Dazu ein konkretes Beispiel: Automobilunternehmen können bereits in der Fahrzeugentwicklung Wünsche der Konsumenten, die im Internet geäußert werden, aufnehmen und im Entwicklungsprozess integrieren. Oder es können für bestimmte Zielgruppen Produktsorten entwickelt werden, die unterschiedliche Eigenschaften enthalten.

Zillmanns Fazit: „Profitieren werden bei Big Data beziehungsweise Analytics alle Arten von IT-Unternehmen bis hin zu Managementberatungen, die sich mit der Unternehmensausrichtung sowie neuen Geschäftsmodellen und -feldern beschäftigen.“

Diesen Optimismus trüben jedoch Bedenken. Denn die Suche nach Zweck und Nutzen der vielen Daten erfordert qualifizierte Mitarbeiter – und damit ist Zillmann gleich beim nächsten Trend: Fachkräftemangel. „Es fehlen Arbeitnehmer, die aus einer Masse an unterschiedlichen Daten sinnvolle Erkenntnisse herausfiltern können“, sagt er. Experton-Vorstand Zilch hält sich in seiner Einschätzung denn auch zurück – er spricht bei Big Data/Analytics lediglich von einem „potenziell“ hohen Business-Nutzen.

Zilch betont in Sachen Big Data vor allem den Aspekt „Social Analytics“. Den Weg zum Social Enterprise werde vor allem Collaboration-Software revolutionieren, sowohl im Bereich Business-to-Business als auch Business-to-Consumer.

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4. Outsourcing – denn das Gute liegt nicht nah

Wie Experton-Vorstand Zilch beobachtet, wird der Fachkräftemangel viel diskutiert – und noch immer unterschätzt. Einen zumindest mittelfristigen Lösungsansatz sieht er in der eigenen Ausbildung, insbesondere im fachlichen Umbau der internen IT-Organisationen. Outsourcing könne nur ein kurzfristiger Baustein sein.

Zu dem aber werden 2013 viele Entscheider greifen, erwartet jedenfalls Lünendonk-Analyst Zillmann. Als Beispiel nennt er SAP-Beratung und Rollout für mittelständische und international ausgerichtete Unternehmen. Hier seien den IT-Abteilungen vieler Firmen Grenzen gesetzt, beobachtet der Consultant. Der Bedarf an externer Unterstützung steige.

Darüber hinaus benötigten deutsche Unternehmen massiv Unterstützung beim Aufbau von organisatorischen Strukturen im Rahmen ihrer internationalen Expansion, so Zillmann weiter. „Produktionsstandorte, Vertriebsstrukturen oder Verwaltungseinheiten (HR, Finanzen) müssen geschaffen und mit den anderen Standorten sowie der Zentrale vernetzt werden“, erklärt er. „Das ist derzeit ein sehr großes Thema und führt zu einer Vielzahl an Projekten für IT-Dienstleister.“

Bevor es in die Praxis geht, sind aus Sicht von Zilch jedoch einige Hürden zu überwinden. Er fordert von IT-Entscheidern, endlich aktiv eigene Sourcing-Strategien zu verfolgen und sich nicht nur reaktiv zu verhalten. Der Experton-Vorstand sagt: „Auch müssen Nearshore- und Offshore-Konzepte aktiv eingebunden werden.“ Optimistisch zeigt er sich allerdings nicht: Bei diesem Thema herrsche „noch viel zu viel Angst und Zurückhaltung“.

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 5.  In-Memory Computing

Frank Mang beobachtet die Diskussion mit Gelassenheit. Der Leiter des SAP-Geschäfts bei Accenture in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat schon viele Trends kommen und gehen sehen. Mang konzentriert sich auf ein Thema und postuliert für das kommende Jahr: „Unternehmen, die sich noch nicht mit In-Memory Computing beschäftigen, sollten spätestens 2013 damit beginnen.“

IT-Entscheider, die über das ständig steigende Datenaufkommen klagen – insbesondere über wachsende Menge an unstrukturierten Daten – stoßen bei Mang auf taube Ohren. „Exponentiell steigt auch der Wert der Daten, vorausgesetzt, man schafft daraus Informationen und Wissen“, sagt der Manager. In-Memory-Technologie löst die herkömmliche Datenhaltung ab, die zeilenbasiert und in Silos organisiert, auf strukturierte Daten ausgerichtet ist. Damit fungiert In-Memory als Enabler für Cloud Computing, Big Data Analytics und mobile Anwendungen.

Die „eigentliche Revolution“ sieht Mang in der Echtzeit-Verbindung von Transaktionen und Business Intelligence „Die enorme Performanz und die neue Datenorganisation ermöglicht die Anwendung von Analytics direkt auf den operativen Daten“, erklärt der Accenture-Manager.

Mang schreibt In-Memory Computing erhebliche Wirkung zu: „Jeder einzelne Geschäftsprozess steht auf dem Prüfstand“, so seine These. Denn: Auch nach zwanzig Jahren Business Process Optimization beruhten Prozesse letztlich auf der Trennung von Transaktions- und Bestandsdaten, die nur zeitversetzt in Beziehung zueinander gebracht werden. „Fällt diese Trennung weg, wird dies im ersten Schritt das Ende zahlreicher Work-Arounds und Zwischenschritte bedeuten, die keinen Mehrwert liefern und rein technischen Unmöglichkeiten geschuldet sind“, erklärt Mang. „Business Process Reengineering wird seine zweite Blütezeit erleben.“

Wo auch immer Trend-Analysten und Zukunftsforscher Entwicklungen sehen mögen – Capgemini-COO Lempp bringt es auf einen Nenner: „Es bleibt trotz und gerade wegen der immer neuen Trends spannend in der IT.“ Und immerhin über eine Nachricht dürften sich alle IT-Chefs freuen: Laut den Analysten von Gartner geht es 2013 mit den Budgets zumindest leicht aufwärts. Für die Region EMEA (Europa, Nahost und Afrika) soll ein Plus von 1,4 Prozent drin sein.

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