Dem Gesundheitswesen auf den Zahn gefühlt

Feature | 11. Januar 2005 von admin 0

Dass Gesundheit ein teures Gut ist, machen die Anstrengungen deutlich, die Finanzsysteme im Gesundheitswesen zu reformieren. Krankenkassen sind gezwungen, umfassend über Gesundheitskosten im Verhältnis zu den erbrachten Leistungen informiert zu sein. Nur wer aussagekräftiges Datenmaterial besitzt, kann sich in einem immer stärker werdenden Wettbewerb behaupten. Die Daten liefern die Basis, um mit Ärzten und ihren Verbänden, mit Apotheken, mit Krankenhäusern sowie weiteren Leistungserbringern zu verhandeln und Vereinbarungen zu erzielen. Das Gesundheitsstrukturgesetz von 1993 verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland, mehr Kosten- und Leistungstransparenz zu schaffen. Entsprechend verlangt das Sozialgesetzbuch V, dass Abrechnungsdaten zwischen Leistungserbringern und Krankenkassen digitalisiert übermittelt werden.

Schwachstellen und Potenziale aufdecken

IKK

IKK

Wer das Gesundheitswesen modernisieren will, muss in der Lage sein, Schwachstellen aufzudecken und Synergieeffekte zu nutzen. Dazu sollte der Datenbestand vielfältige Auswertungen ermöglichen. Transparenz ist gefragt, wenn Antworten auf entscheidende Fragen gewonnen werden sollen wie: Wo liegen die Ausgabenschwerpunkte? Wo gibt es mögliche Einsparpotenziale? Welche Ärzte verordnen überwiegend im hochpreisigen Arzneimittelbereich? Welche Leistungen werden wo in Anspruch genommen?
Die Vielzahl der fachlichen Fragestellungen, die Menge und Komplexität der zur Verfügung stehenden Daten erfordern ein strukturiertes Vorgehen und die Unterstützung durch ein flexibles und leistungsfähiges Data Warehouse. Nur einem Datenbankexperten gelang es in der Vergangenheit, die richtigen Informationen aus der bestehenden Systemvielfalt zu filtern. Je nach Fragestellung mussten die Daten identifiziert, logisch verknüpft, dann noch aufbereitet und an den Anwender geliefert werden. Das Verfahren nahm viel Zeit in Anspruch – eine Zeit, die unter Umständen gar nicht zur Verfügung stand, weil die Ergebnisse kurzfristig für Entscheidungen bereitstehen sollten. Zugleich wurden die operativen Systeme extrem belastet und Arbeitskräfte gebunden.

420 Millionen Datensätze jährlich

Der IKK-Bundesverbandes entscheid sich 1999 für SAP Business Information Warehouse (SAP BW), die Data-Warehouse-Lösung innerhalb von SAP Business Intelligence (SAP BI). Eine Machbarkeitsstudie führte zu dem Ergebnis: SAP BW erfüllt die Anforderungen der Innungskrankenkassen hinsichtlich seiner Offenheit für Nicht-SAP-Systeme und der Fähigkeit, auch sehr große Datenmengen zu verarbeiten.
IKK proCon, so bezeichnet das IKK-System seine Data-Warehouse-Lösung, ist seit 2001 produktiv. Derzeit werden etwa 420 Millionen Datensätze jährlich geladen. Das hohe Datenvolumen von etwa 400 Gigabyte pro Jahr lässt sich mit SAP BW performant auswerten. Diese Leistungen machen so genannte Multiprovider möglich, die in der Lage sind, nach den Wünschen der Anwender verschiedene Merkmale miteinander zu verknüpfen. Die Merkmale, etwa zu Verordnungen, Rezepten oder Versicherten, sind in so genannten InfoCubes der BI-Lösung definiert. Beispielsweise legt der Anwender fest, dass zu einem Arzneimittel die Attribute Pharmazentralnummer – also die in Deutschland verwendete Kennzeichnung für ein Arzneimittel – ferner Handelsname, Wirkstoff, Preis und Packungsgröße gehören. Eine rechtliche Herausforderung für den Betrieb des Data Warehouse bestand darin, den Schutz der Sozialdaten sicher zu stellen. Die Daten eines einzelnen Versicherten werden pseudonymisiert. Über das rollenbasiertes Berechtigungskonzept von SAP BI ist Unbefugten der Zugriff auf geschützte Daten verwehrt.

Zielgerichtet auswerten

InfoCubes

InfoCubes

IKK proCon bildet die technische Grundlage für das Controlling von Vertrags- und Leistungsprogrammen und dient dazu, Führungsentscheidungen zu unterstützen. Derzeit sind Daten über abgerechnete Arzneimittel, die Abrechnungsdaten der Vertragsärzte sowie eine Statistik über Krankheitsarten verfügbar. Zudem enthält die Lösung aktuelle Auswertungen der in Deutschland eingereichten Rezepte (GKV-Arzneimittel-Schnellinformation). Sie lassen Trends erkennen und liefern Kennzahlen für regionale Vergleichsmöglichkeiten. Die Abrechnungsdaten werden vor dem Laden mit Statistikdaten und weiteren Infrastrukturdaten, wie zum Beispiel Versicherteninformationen, Arzt- und Apothekenstammverzeichnis, Gebühren- und Diagnoseverzeichnissen und anderen verknüpft. Dadurch eröffnen sich umfangreiche Auswertungsmöglichkeiten.

Informationsfluss

Informationsfluss

Die Analysen erfolgen einerseits über Standardauswertungen. Hier lassen sich per Knopfdruck die Daten der eigenen Krankenkasse mit den Durchschnittsdaten im gesamten IKK-System vergleichen. Aus diesen Informationen können dann Aussagen abgeleitet werden, die für die strategische und operative Steuerung entscheidend sind. Das ist zum Beispiel bei Auswertungen der Fall, die sich auf Medikamente beziehen, etwa wenn mehrere Arzneimittel zur Behandlung einer Krankheit verschrieben werden, oder wenn Hauptindikationsgebiete und Diagnosegruppen festzustellen sind. Außerdem erlaubt die hohe Granularität der Basisdaten, Auffälligkeiten bis hinunter auf die Ebene von Einzeldatensätzen zu suchen oder individuelle Fragestellungen durchzuführen. Mögliche Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und soziodemografischen Merkmalen, zum Beispiel die Häufigkeit von Diabeteserkrankungen in Ballungsgebieten, werden so aufgezeigt.

Benchmarking im Gesundheitswesen

Im Rahmen der Online-Abfragen kann ein berechtigter Anwender die Ergebnisse der Standardauswertungen weiter hinterfragen, beispielsweise ist er in der Lage, das Verordnungsverhaltens einzelner Ärzte im Rahmen einer gezielten Beratung zu analysieren. Durch ein Benchmarking lassen sich Ausgabenschwerpunkte erkennen, die Ergebnisse helfen bei den Budgetverhandlungen mit den Ärzteverbänden und den Kassenärztlichen Vereinigungen. Die BI-Lösung hilft, Wirtschaftlichkeitsreserven zu entdecken, zum Beispiel: Wie hoch ist das Einsparpotenzial, wenn teuere Originalpräparate durch kostengünstigere Generika ersetzt werden? Mit Hilfe von IKK proCon lassen sich diverse Kennzahlen im Zeitverlauf darstellen, wie beispielsweise ausgewertet nach Versichertengruppen, Arzneimitteln und Wirkstoffgruppen, Ärzten sowie Facharztgruppen, Krankenversicherungs-Regionen und Bundesländern, Apotheken und Apothekenrechenzentren, nach Alter und Geschlecht, nach Gebührenziffern und Diagnosen.
Die Darstellung der Auswertungsergebnisse erfolgt überwiegend in Excel. Durch die Umstellung auf SAP BW 3.0 in 2004 stehen den Anwendern verbesserte Präsentationsmöglichkeiten über das Web-Reporting zur Verfügung. Mit Hilfe von IKK proCon und der so entstandenen Transparenz im Vertrags- und Leistungsgeschehen ist das IKK-System für zukünftige strukturelle Änderungen im Gesundheitswesen gut gerüstet.

Thomas Jörg Römer

Thomas Jörg Römer

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