Den ERP-Kern ohne Eingriffe erweitern, Teil 2

Feature | 10. Januar 2008 von Dr. Andreas Schaffry 0

Erweiterungen oder neue Funktionalitäten, die ein SAP-Kunde selbst entwickelt hat oder die mit den Enhancement Packages von SAP eingespielt werden, sind zunächst inaktiv. Sie müssen mit dem Switch Framework aktiviert. Mit dieser Technik wählen SAP-Kunden neue Funktionalitäten aus, aktivieren und verwalten sie. Sie bestimmen somit selbst, welche funktionalen und technischen Erweiterungen sie wann zur Verfügung haben möchten.

Konfliktfreie Integration von Branchenlösungen

Wichtiger Hintergrund: Seit SAP ERP 6.0 liefert SAP die meisten SAP-Branchenlösungen als Kernbestandteil der ERP-Lösung mit, jedoch in einem inaktiven Zustand. Technisch notwendige Voraussetzung für diese Re-Integration der bislang eigenständigen SAP-Branchenlösungen in den ERP-Kern war das Switch Framework. Nur damit war es möglich, die Branchenlösungen als SAP ECC Industry Extensions konfliktfrei in den ERP-Kern einzubinden.

Die Branchenlösungen sind hierbei als Industry Business Function Sets definiert, die mehrere betriebswirtschaftlich eigenständige und abgeschlossene Branchenfunktionen, die Industry Business Functions, zu einer Einheit gruppieren.

Dabei kann pro SAP-Instanz immer nur ein Industry Business Function Set aktiviert werden. Denn Branchenlösungen wie SAP for Chemicals oder SAP for Oil & Gas (SAP for O&G) sind nicht miteinander kompatibel. Würden diese beiden Business Function Sets aktiviert, käme es zu Konflikten, die letztlich zu Inkonsistenzen im gesamten System führen. Innerhalb eines Industry Business Function Sets hingegen lassen sich beliebig viele der jeweiligen Industry Business Functions bis hin zum kompletten Industry Business Function Set aktivieren.

Kein Weg zurück

Die branchenspezifische Ausprägung von SAP ERP lässt sich, wenn ein Industry Business Function Set einmal aktiviert ist, nicht mehr rückgängig machen. Die Aktivierung wirkt sich schließlich auf das Gesamtsystem aus, wo Kernprozesse um branchenspezifische Funktionalität sowie die dazugehörigen Benutzeroberflächen erweitert und ergänzt werden.

Allerdings können SAP-Kunden, die ein Industry Business Function Set aktiviert haben, dieses um branchenspezifische Geschäftsfunktionalität in Form einer Industry Business Function aus einem anderen Industry Business Function Set ergänzen.

So hat beispielsweise ein Chemiekonzern zusätzlich zu der SAP ECC Industry Extension Chemicals 6.0 etwa auch die Möglichkeit, Funktionalität für die Stapelverarbeitung aus der SAP ECC Industry Extension Oil&Gas zu aktivieren. Welche Business Function Sets und welche Business Functions miteinander kompatibel sind, ist in der Transaktion SFW5 des SAP Switch Framework beschrieben und dokumentiert.

Anders dagegen verhält es sich mit Zusatzanwendungen für branchenübergreifende Kernprozesse. Beispielsweise für SAP ERP Financials, die als Enterprise Extensions ausgeliefert werden. Diese sind, wie etwa SAP ECC Enterprise Extension Financials 6.0, als generische Business Function Sets in den ERP-Kern integriert. Zusätzlich zu einem Industry Business Function Set können von den generischen Business Function Sets beliebig viele aktiviert werden.

Kaskade von Aktivierungsschritten

Ein Business Function Set oder einzelne Business Functions werden über technische Schalter – Switches – aktiviert, die eine Sammlung inaktiver SAP-Entwicklungsobjekte repräsentieren. Dazu zählen unter anderem Pakete ABAP Packages, Dictionary-Elemente, Web Dynpro ABAP Oberflächen, Menüeinträge, BAdIs sowie IMG Nodes. Zugleich sind die Schalter einer Business Function oder mehreren Business Functions zugeordnet. Damit bilden sie die Klammer zwischen der betriebswirtschaftlichen Ebene der Business Function Sets beziehungsweise den Business Functions und deren entsprechenden Code-Grundlagen und Tabellen.

Ein wesentlicher Vorteil dieser Verzahnung ist, dass SAP-Kunden mit der Schaltertechnik neue Funktionalität aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive und damit aus Geschäftsprozesssicht aktivieren können, ohne auf Code-Ebene eingreifen zu müssen. Technisch gesehen werden Business Function Sets sowie Business Functions mit der Transaktion “SFW5” des Switch Framework aktiviert. Hierbei werden die entsprechenden Switch-Einstellungen vorgenommen, die vorgeben, welche Pakete oder Menüeinträge beim Kunden aktiv sind.

Die Transaktion funktioniert wie ein Stellwerk, das die Aktivierung weiterer Schalter steuert und eine Kaskade von Aktivierungsschritten auslöst, in deren Rahmen neue
und erweiterte Funktionalität an vordefinierten Punkten SAP-Programme ergänzt und Tabellen verlängert werden. Die Implementierung neuer Funktionalität erfolgt über die Erweiterungstechnologien des Enhancement Framework. Das Switch Framework steuert, welches Business Function Set und welche Business Functions eingeschaltet werden sollen.

Perfektes Zusammenspiel

Dieses Prinzip hat SAP auf die Enhancement Packages übertragen, mit denen neue und erweiterte Funktionalität gebündelt ausgeliefert wird. Auch hier zeigen sich die Vorzüge im Zusammenspiel beider Techniken. Erweiterungen, die aus neuer Geschäftslogik sowie einer neuen Benutzeroberfläche bestehen, werden über das Enhancement Framework bereitgestellt und implementiert sowie gemeinsam über das Switch Framework aktiv geschaltet.

Zum Beispiel können SAP-Kunden ab dem Enhancement Package 2 die Business Function “Logistics S&D Simplification” (SD_01) aktivieren. Zum Funktionsumfang dieser Business Function gehört auch eine neue Benutzeroberfläche als Portal Content für SAP NetWeaver Portal in Form des Business Package for Internal Sales Representative. Mit der Business Function SD_01 liefert SAP erweiterte und neue Funktionalität für die Rolle des internen Vertriebsmitarbeiters (Internal Sales Representative) aus, die den Verkaufsprozess vereinfacht und beschleunigt.

Dazu gehören insgesamt sechs Arbeitsbereiche, so genannte Work Center. Diese liefern persönliche Arbeitsvorräte für einen schnellen Überblick über alle zu erledigenden Aufgaben sowie Informationen, um Kundenanfragen oder Verkaufsbelege zeitnah zu bearbeiten. Gleichzeitig werden Vertriebsmitarbeitern über ein Portal Web-Anwendungen bereitgestellt, um diese Funktionen zu nutzen.

Die einzelnen Arbeitsbereiche sind auf einer vereinfachten Benutzeroberfläche, die auf Web Dynpro ABAP basiert, übersichtlich angeordnet. Das erlaubt den raschen Zugriff auf alle im Verkaufsprozess relevanten Funktionen. Wird die Business Function SD_01 nun aktiviert, erweitern sich dadurch an vordefinierten Punkten nur die davon betroffenen Kernfunktionalitäten im Modul “Sales&Distribution (SD)”, etwa Kundenauftrag anlegen, speichern, freigeben und ausführen. Zugleich bringt das neue User Interface die neue Geschäftslogik aus dem ERP-Backend zum Anwender.

Die Vorzüge einer modifikationsfreien Erweiterung liegen auf der Hand. Die bei einem “klassischen” Upgrade erforderliche komplette Installation einer Kernkomponente entfällt. Dadurch lässt sich neue Funktionalität schneller und kostengünstiger in das ERP-Kernsystem implementieren, was IT-Betriebskosten senkt.

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