Den Kopf frei für anspruchsvolle Aufgaben

Feature | 15. Juni 2004 von admin 0

Unternehmen verfolgen heutzutage vier Strategien, um die Informationsflut zu bewältigen. Keine dieser Strategien ist ein Königsweg, aber eine Kombination der vier Strategien führt wahrscheinlich am ehesten zum Erfolg.
Die erste Strategie besteht darin, komplexere Informationssysteme zu schaffen, die die übertragenen Daten filtern, automatisieren und vereinfachen. Als Folge davon müssen nicht mehr so viele Rohdaten von Menschenhand bearbeitet werden. Viele Transaktionen lassen sich dann von regelbasierenden Systemen oder Robotern erledigen.
Die zweite Strategie bezieht sich darauf, Informationen auf breiterer Ebene in den Unternehmen zu verteilen. Wenn mehr Mitarbeiter an der Entscheidungsfindung beteiligt sind, muss die Führungsspitze des Unternehmens nicht alle Entscheidungen alleine treffen. Ein oft zu beobachtender Engpass entfällt. Die Unternehmen lassen beispielsweise die Außendienstmitarbeiter Entscheidungen vor Ort treffen, um dem Kunden besser und unmittelbarer zu helfen. Dieser Zugewinn an Entscheidungskompetenz wird im Englischen als “Empowerment” bezeichnet. Zuweilen erhalten auch die Arbeiter in den Fertigungsstätten eine erweiterte Entscheidungskompetenz. Ihnen obliegt es dann etwa, in Fragen der Qualität, des Personalmanagements und der Fertigungskontrolle zu urteilen.

Computer machen die menschliche Informationsverarbeitung wertvoller

Die dritte Strategie beruht darauf, die Potenziale einzelner Mitarbeiter auszuloten und deren Kapazität zu steigern. Zunächst stellt ein Unternehmen qualifizierte Mitarbeiter ein. Aus diesem Pool wird dann herausgefiltert, wer am Besten für welche Arbeit geeignet ist. Mit Schulungsmaßnahmen bauen diese Unternehmen ein Humankapital auf. Der Erfolg des Mitarbeiters, nachdem er die notwendigen Informationen und Kompetenzen übertragen bekommen hat, fällt wieder auf das Unternehmen zurück.
Die vierte Strategie handelt von der Art der Aufgaben, für die die Mitarbeiter im Unternehmen zuständig sind. Kerngedanke dieser Strategie ist es, Informationen, die für die Unternehmensziele nicht relevant sind, zu ignorieren. Bei einer immer größer werdenden Informationsflut wird es umso entscheidender, dass die Mitarbeiter wissen, welche Informationen sie beachten müssen, aber genauso wichtig ist es auch, dass sie bestimmte Informationen nicht beachten. Es ist interessant festzustellen, dass erfolgreiche Unternehmen oft aggressiv ihren strategischen Fokus eingrenzen. Produktlinien, die weniger wichtig sind oder an Wert verloren haben, werden aufgeben. Umso intensiver ist die Konzentration auf wenige Hauptziele, die aufeinander abgestimmt sind.
Da die Datengewinnung immer billiger wird, nimmt die Bedeutung dieser vier Verfahren zu. Je billiger die Informationen sind, umso seltener ist dabei eine menschliche Informationsverarbeitung im Spiel. Umso wichtiger ist es andererseits, Techniken anzuwenden, die auf die menschliche Informationsverarbeitung gut abgestimmt sind. Computer sind kein Ersatz für menschliche Fähigkeiten. Computer dienen lediglich der Unterstützung. Ihr Gebrauch stellt die menschliche Informationsverarbeitung nicht in Frage, sondern erhöht im Gegenteil ihren Stellenwert.

Informationen gleichzeitig zentralisieren und dezentralisieren

Erfolgreiche Unternehmen praktizieren eine Doppelstrategie, die auf den ersten Blick wie ein Widerspruch anmutet: Sie zentralisieren und dezentralisieren ihre Informationen gleichzeitig. Verschiedene Arten von Informationen lassen sich leicht integrieren. Dazu zählen Finanzdaten, numerische Informationen, Messwerte, kurz, alles was eine Maschine weiterverarbeiten kann. Für diese Daten lassen sich leicht Regeln zur Entscheidungsfindung aufstellen, eine zugehörige Software-Routine schreiben, und der Vorgang in einer zentralen Datenbank ablegen.
Andere Arten von Daten, insbesondere die “weichen” Informationen, werden dezentralisiert verbreitet. Zu diesen Informationen zählen Daten über menschliche Beziehungen, etwa die Art und Weise in der ein Außendienstmitarbeiter mit einem Kunden auskommt.

Rückbesinnung auf menschliche Informationsverarbeitung

Die Doppelstrategie Zentralisierung / Dezentralisierung geht oft Hand in Hand mit der Verlagerung der Entscheidungskompetenz auf diejenigen Mitarbeiter, die über Vor-Ort-Informationen verfügen. Von Seiten der IT verbindet eine serviceorientierte Architektur am ehesten das Beste des Gegensatzpaares. Eine solche Architektur ermöglicht es, Daten über das gesamte Unternehmen hinweg zentral vorzuhalten. Das ist beispielsweise sinnvoll weil dadurch die Konsistenz der Daten gesichert ist. Gleichzeitig erlaubt es eine serviceorientierte Architektur jedem Mitarbeiter, an für ihn notwendige Informationen heran zu kommen und diese als Basis für lokale Entscheidungen zur Verfügung zu haben.
Bei einer solchen Architektur stehen sich zunächst Skaleneffekte bei der Zentralisierung und Kosteneinsparungen durch eine verminderte Kommunikation bei der Dezentralisierung gegenüber. Doch diese Aspekte sollten nicht im Vordergrund stehen. Vielmehr muss der Fokus wieder auf die menschliche Informationsverarbeitung verlagert werden. Die Idee ist, die Entscheidungsfindung zu dezentralisieren, um die Kapazität der menschlichen Informationsverarbeitung besser zu nutzen – nicht die Kapazitäten der Informationsverarbeitung durch Computer. Ziel ist es, den Mitarbeitern den Kopf für anspruchsvolle Aufgaben frei zu machen.

Professor Erik Brynjolfsson

Professor Erik Brynjolfsson

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