Der chinesische IT-Markt hat noch viel Potenzial

Feature | 25. Oktober 2004 von admin 0

Situ Wei

Situ Wei

Was kennzeichnet derzeit den IT-Markt in China?

Situ: Der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation hat die Geschwindigkeit des wirtschaftlichen Wandels erhöht. Als Meilenstein muss gewertet werden, dass das durchschnittliche Bruttosozialprodukt in China pro Kopf jetzt 1.000 Dollar erreicht. 87 Millionen der insgesamt 1,3 Milliarden Einwohner Chinas nutzen laut neuesten Erhebungen des China Internet Network Information Center (CINNIC) das Internet. Hier steckt also noch viel ungenutztes Potenzial. Wachstumshemmende Wirkungen zeigt die Überregulierung, die wir besonders im Internet erleben. Ebenso herrscht eine Überregulierung in den Tarifsystemen der Web-Dienste und der Telekommunikation.

Welche positiven Entwicklungen stehen dem gegenüber?

Situ: Positiv wirken sich die flexiblen Gebührensätze für SMS und andere neue über das Mobiltelefon abzuwickelnde Services aus. Davon profitieren die Anbieter dieser Dienste (Content Service Provider). Die SMS-Nutzung ist eine chinesische Erfolgsgeschichte. Sagenhafte 200 Milliarden SMS wurden im vergangenen Jahr in China verschickt. In diesem Jahr sollen es sogar 300 Milliarden werden. Dafür ist nicht zuletzt der günstige Grundpreis von umgerechnet einem Euro-Cent für eine Textmitteilung über SMS verantwortlich.

Wie stark ist China auf dem Gebiet der IT-Forschung und -Entwicklung?

Situ: Die industrielle Herstellung von Hardware hat in China eine starke Wachstumsphase erreicht. Dieses Niveau lässt sich vermutlich nicht halten, weil die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten immer noch zu gering sind. China muss in diesem Bereich weiter aufholen. Auch sind die staatlichen FuE-Maßnahmen zur Förderung von Software nicht ausreichend. China wird im internationalen Wettbewerb mithalten, wenn es die FuE-Mittel erhöht und Unternehmen attraktive Förderbedingungen vorfinden. Als nächstes wird meiner Meinung nach Offshoring beziehungsweise die Übernahme von IT-Services, Stichwort On-Demand-Computing, bestimmend sein.

Wie entwickelt sich China als Offshore-Standort?

Situ: Im Markt tummeln sich einige große Player wie etwa Digital China als größter IT-Distributor und Systemintegrator Chinas mit Schwerpunkt Banken- und Finanzdienstlungen. Doch die kleinen und mittelständischen Betriebe bieten die flexibleren Geschäftsmodelle zum Offshoring. Beispielsweise spezialisieren sich einige auf HR-Dienstleistungen und erlauben den Auftraggebern eine umfassende Kontrolle all ihrer Arbeitsprozesse. Der größte Vorteil, den China auf diesem Gebiet und auch generell in der IT-Welt zu bieten hat, ist ein überwältigender Vorrat an Studierten zu niedrigen Lohnkosten. Dazu zwei Beispiele: Allein in der Hauptstadt Peking gibt rund 40 Universitäten. In anderen Metropolen wie Nanjing oder Xian bilden etwa 30 Hochschulen Studierende aus. Wir haben hier niemals das Problem, die richtigen Leute für Software-Entwicklung und andere FuE-Projekte zu finden.

Wie wettbewerbsfähig sind die in China entwickelten IT-Standards?

Situ: Es gilt, zwei Arten von Standards zu unterscheiden. Auf der einen Seite gelten in China wie auch in anderen Ländern nationale Industrienormen der offiziellen Normungseinrichtungen zum Beispiel der CCSA (China Communication Standardization Association). Andererseits setzen sich aber immer mehr branchenbezogene Spezifikationen durch, wie sie etwa Telekommunikationsbetreiber anwenden und unter sich vereinbaren. Diese Standards sind durchsetzungsfähiger als diejenigen von offizieller Seite.

Was kennzeichnet die gegenwärtige Mobilfunk-Industrie in China?

Situ: China ist, was die Mobilfunkindustrie betrifft, ein Nachzügler. Deshalb gelten hier im Wesentlichen die internationalen Standards. Doch mittlerweile ist China der größte Mobilfunkmarkt der Welt mit zur Zeit 310 Millionen Mobilfunkanschlüssen. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurde 36,3 Millionen mobile Handsets in China verkauft. Der Anbieter China mobile hält einen Marktanteil von 60 Prozent, China Unicom folgt mit 32 Prozent. Im ersten Halbjahr dieses Jahres investierte China 2,7 Milliarden US-Dollar in seine mobile Netzinfrastruktur und wird weitere 4,3 Milliarden dafür in der zweiten Jahreshälfte ausgeben. Dieser Anbieter setzte allein im ersten Halbjahr 10 Milliarden US-Dollar um und erzielte einen Nettoertrag von 2,3 Milliarden US-Dollar.

China will auch einen eigenen Mobilfunkstandard einführen. Hat dieser Standard eine Chance?

Situ: China ist selbstbewusst geworden und betreibt die Einführung einer eigenen Technologie für mobile Internet- und drahtlose Multimedia-Anwendungen der dritten Mobilfunkgeneration (3G). Vergleichbar dem UMTS-Standard aus Europa führt China das mit staatlicher Finanzierung weiter entwickelte TD-SCDMA ein. Es bündelt die Vorzüge mehrer Mobilfunkverfahren und wurde von Siemens zusammen mit chinesischen Partnern entwickelt. Es steht im Wettbewerb zu den bestehenden 3G-Mobilfunktechnologien. Die Großserienfertigung der Endgeräte für TD-SCDMA soll 2005 anlaufen. Das Verfahren hat die Aussicht, sich weltweit durchzusetzen, weil es durch das globale Industriekonsortium 3rd Generation Partnership Project (3GPP) bereit als vollgültiger Standard anerkannt wurde.

Welche Auswirkungen hatte die SARS-Epidemie im April und Mai 2003 im Hinblick auf den Gebrauch des Internets und die Einführung des E-Government?

Situ: Während der Epidemie mieden viele die Öffentlichkeit und versuchten, über das Internet ihre Einkäufe zu erledigen. Die amtlichen Informationen im Web waren unzulänglich. Das soll sich nun ändern. SARS hatte einen positiven Einfluss darauf, dass die chinesischen Behörden ihr Informationswesen auch über das Internet viel offener und transparenter handhaben.

Zu Beginn des Jahres 2004 trat eine Verordnung der chinesischen Regierung in Kraft, wonach das Equipment für Local Area Networks (LAN) mit einer in China produzierten Verschlüsselungstechnologie ausgestattet sein muss. Widerstand aus den USA erreichte, dass die Auflage zurück genommen wurde. Hat sich China damit einen Gefallen getan?

Situ: Die Auflage wurde zunächst erfolgreich als strategisches Faustpfand in den Handelsrunden zwischen China und den USA angewandt, um chinesische Produkte zu schützen. Seitdem sich jedoch die Handelsbilanz beider Länder im IT-Bereich zum Vorteil von China gewendet hat und China mehr exportiert als importiert, war die Regelung nicht mehr erforderlich. Grundsätzlich betrachte ich es als völlig legitim, wenn China solche Mittel einsetzt. Jedoch sollte China seine Zurückhaltung aufgeben und ermutigt werden, an der weltweiten Standardisierungsarbeit aktiv teilzunehmen.

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