Der neue Standard soll den Verkauf tragbarer Computer ankurbeln

Feature | 14. April 2003 von admin 0

InkingWindowsJournal

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Alex Gounares, Softwareprogrammierer bei Microsoft und Leiter des Projekts “Windows XP Tablet PC”, bezeichnet sich selbst als “Corridor Warrior”. Dieser Begriff steht in der Geschäftswelt mittlerweile für einen Arbeitnehmer, der den ganzen Tag im Unternehmen unterwegs ist und mit dem Notebook unter dem Arm von einer Besprechung zur nächsten hetzt. Gounares selbst erachtet es als nicht gerade einfach, einen Laptop jeweils wieder im Handumdrehen einsatzbereit zu machen. Während der Besprechung Notizen einzugeben sei umständlich und würde zudem von den anderen Teilnehmern als störend empfunden. Auf seinen Erfahrungen gründet sich die Arbeit des Teams, das bei Microsoft mit der Entwicklung der Benutzeroberfläche für den Tablet PC betraut war. Das Betriebssystem Windows XP Tablet PC Edition wurde im November 2002 vorgestellt. Es unterstützt einen Sensorstift zur Schrifterkennung, mit dem der Anwender genauso umgehen kann wie mit Bleistift und Papier. “Die Handschrift sieht aus wie auf dem Papier”, schwärmt Gounares. Die Eingabe mit dem Sensorstift erleichtert es vor allem, E-Mails zu erstellen oder Formulare auszufüllen.
Als das Betriebssystem für den Tablet PC auf den Markt kam, hatten 27 Softwarehäuser angekündigt, Anwendungen dafür entwickeln zu wollen – Tendenz steigend. Bisher jedoch ist die SAP AG das einzige Unternehmen, dessen Software für die kontinuierliche Pflege der Kundenbeziehungen, mySAP Customer Relationship Management, sich in den Tablet PC integrieren lässt. mySAP CRM ermöglicht es den Anwendern des Tablet PC, mit Kollegen, Partnern und Kunden in Echtzeit zusammenzuarbeiten. Der mit mySAP CRM ausgestattete Tablet PC verbindet die traditionellen Vorteile von mySAP CRM, wie etwa Verfügbarkeitsprüfungen, Vertrags- und Rechnungsverwaltung, Sichtbarkeit des Erfüllungsgrads sowie Auftragsverfolgung.
Nach Gounares´ Überzeugung ist der Stift im Gegensatz zum Touchscreen eine enorme Erleichterung für die Arbeitnehmer; deswegen prognostiziert er dem Tablet PC auch steigende Verkaufszahlen. Mit dieser Meinung steht Gounares indes nicht alleine. Zwar prognostiziert Gartner für das Jahr 2003 “nur” 425.000 verkaufte Tablet PCs, ein noch geringer Anteil am Markt für tragbare Rechner. Doch laut Cory Linton, Produktmanager für die Windows XP Tablet PC Edition, wird in fünf Jahren der Hauptanteil bei dem Tablet PC liegen.

Welche Branchen, Prozesse und Unternehmen werden am meisten und am schnellsten von der Verwendung des Tablet PC profitieren?

Gounares: In erster Linie richtet sich der Tablet PC an den klassischen Wissensarbeiter. Vor allem Mitarbeiter, die andauernd innerhalb des Unternehmens unterwegs sind und mobile Außendienstmitarbeiter werden früh die Vorteile des Tablet PC für sich erkennen und sich ihrer bedienen.

Laut Bill Gates hat Microsoft etwa 500 Millionen US-Dollar in die Entwicklung von Windows XP Tablet PC Edition investiert. Was waren dabei die kostenintensivsten und schwierigsten Aspekte?

Gounares: Bereits seit über zehn Jahren investierten wir in Technologien zur Handschriftenerkennung. Wir untersuchten bislang die Erfahrungen, die der Anwender bei der “Umwandlung von Tinte in Text” gemacht hat. Vor ein paar Jahren nun haben wir das Tablet-PC-Projekt initiiert – und damit unsere Investitionen um ein Vielfaches erhöht. Handschriftenerkennung war und bleibt ein komplexes Thema in der Informatik. Unsere Untersuchungen konzentrierten sich darauf herauszufinden, wie ein Anwender den Tablet PC in mobilen Szenarien verwenden kann. Welche Funktionen sind beispielsweise vorrangig, und wie lässt sich in Hinblick darauf die Funktionsweise des Sensorstifts verbessern?

Cory Linton

Cory Linton

Linton: Vor etwa zwei Jahren haben wir 40 Prototypen des Tablet PC für Entwicklungszwecke an Endanwender gegeben. Diese Testpersonen waren keine Mitarbeiter von Microsoft. Im Gegenzug haben wir die PCs der Testpersonen unter die Lupe genommen, um etwas über ihre Arbeitsweise zu lernen. Als Folge davon haben wir damals die gesamte Bedienung des Tablet PC neu überdacht. Zwei weitere Untersuchungen folgten, eine vor ungefähr einem Jahr und die andere im Herbst 2002.

Gab es irgendwelche Überraschungen bei den Untersuchungen?

Linton: Ja. Ursprünglich ähnelte die Software zum Notieren von Anmerkungen auf dem Tablet PC sehr stark einem Wordprozessor. Der Anwender gab einzelne Wörter ein, die Software ergänzte den Rest automatisch. Doch das war nicht gewünscht. Die Anwender wollen, dass auf dem Bildschirm genau das erscheint, was sie sich notiert haben – wie mit Tinte auf dem Papier. Also haben wir die Software entsprechend geändert.

Warum ist der Sensorstift besser als der Touchscreen?

Gounares: Die Bedienung des Stifts soll einfach und benutzerfreundlich sein. Der Anwender soll darüber hinaus das Gefühl haben, er schreibe etwas in seinen Notizblock oder auf ein Blatt Papier. Wer mit einem Füller auf Papier schreibt, stützt in aller Regel seine Hand auf dem Papier ab. Bei einem Touchscreen würde die Berührung mit der Hand jedoch eine Dateneingabe bewirken. Der drahtlose Sensorstift der Windows XP Tablet PC Edition kennt dieses Problem nicht.

Linton: Beim Tablet PC hat der Bildschirm eine viel höhere Auflösung als bei der Touchpad-Technologie. Außerdem reagiert der Stift drei- bis viermal schneller als die Maus. Auf diese Weise lassen sich die Buchstaben deutlicher schreiben und die Handschrift auf dem Bildschirm wird leserlicher. Das erleichtert im Umkehrschluss natürlich auch die Handschriftenerkennung.

Gibt es weitere Schlüsselfunktionen, durch die sich die Windows XP Tablet PC Edition von anderen Betriebssystemen abhebt?

Gounares: Die Windows XP Tablet PC Edition basiert auf Windows XP Professional und verfügt damit über die gesamte Leistungsfähigkeit dieses Betriebssystems. Für tragbare Rechner wurde das System durch die Technologie der Handschriftenerkennung ergänzt. Die handschriftliche Eingabe mit dem Sensorstift kann in “getippten” Text umgewandelt werden. Ausschlaggebend ist aber, dass handschriftliche Notizen auch als solche erhalten bleiben. Des Weiteren ist ein Modul zur Spracherkennung integriert. Zu den Hauptfunktionen in Windows XP zählt das Windows-Journal, eine integrierte Notizenfunktion für Besprechungen. Diesen Funktionen liegt eine leistungsfähige Plattform zugrunde. Dadurch ist es Softwareunternehmen wie der SAP AG erst möglich gewesen, ihre Anwendungen zu erweitern.

Können Sie Beispiele von Anwendungen nennen, die speziell für den Tablet PC entwickelt wurden?

Gounares: Eine Anwendung, die mir sofort einfällt, läuft bei FranklinCovey (FranklinCovey ist ein Unternehmen mit Sitz in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah, das Produkte zum Produktivitäts- und Zeitmanagement verkauft sowie Seminare für 750.000 Teilnehmer im Jahr anbietet. Anm. der Redaktion). FranklinCovey besitzt ein äußerst beliebtes Scheduling-System. Die gesamten Funktionalitäten des Scheduling-Systems von FranklinCovey sind auf dem Tablet PC integriert. Dazu zählen handschriftliche Notizen, ein Kalender und eine To-do-Liste. Alle Daten können mit Microsoft Exchange synchronisiert werden. Ein weiteres Beispiel ist die Office XP-Erweiterung von Microsoft, in der die Freihandfunktion integriert ist. Anwendern ist es damit etwa möglich, handschriftliche E-Mails zu erstellen.

Bis jetzt ist mySAP CRM die einzige CRM-Anwendung für Windows XP Tablet PC Edition auf Unternehmensebene. Warum bringt mySAP CRM einem Anwender auf dem Tablet PC mehr Nutzen als auf einem traditionellen PC oder Laptop?

Linton: Wir sind begeistert von der Anwendung, die SAP für den Tablet PC entwickelt hat. Die Mitarbeiter von SAP haben offenbar genau durchdacht, wie sich die Software sinnvoll auf dem Tablet PC nutzbar machen lässt. Viele Anwender von mySAP CRM sind mobil, sind den ganzen Tag irgendwo unterwegs. Der Tablet PC ermöglicht es beispielsweise einem Verkäufer, seine CRM-Daten immer griffbereit zu haben, wenn er sich mit dem Kunden trifft. Daraus ergibt sich ein ganz entscheidender Mehrwert für das Unternehmen. Außerdem kann der Verkäufer mit der von SAP eingebauten Tablet-Funktion Daten handschriftlich direkt ins SAP-System eingeben. Zudem lassen sich Informationen schneller und einfacher abrufen oder Bilder markieren. Natürlich gibt es noch andere Möglichkeiten. Beispielsweise kann der Gutachter einer Versicherung Fotos von einem Unfallwagen machen und diese direkt in der CRM-Anwendung auf seinem Tablet PC speichern.

Gounares: Wir haben es geschafft, eine einfach zu bedienende Softwareplattform anzubieten. Unser Augenmerk lag darauf, dass sich das Freihandkonzept einfach in die Anwendung des Kunden integrieren lässt und dass die Skalierbarkeit gewährleistet ist.

Wie lange wird es dauern, bis sich der Tablet PC auf dem Markt durchsetzen wird?

Linton: Wir versuchen, so realistisch wie möglich zu bleiben. Alex hat einen treffenden Vergleich zwischen dem Tablet PC und der Maus gezogen. Es hat Jahre gedauert bis die Maus von allen akzeptiert wurde. Heute ist sie Standard. Das gleiche gilt für den Tablet PC und den Sensorstift. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren die meisten tragbaren Rechner mit Tablet-Funktionen ausgestattet werden. Derzeit gibt es den Tablet PC nur im ultraportablen Segment, also extrem leicht und flach und mit nur einem Laufwerk ausgestattet. Im Laufe des Jahres werden bereits Tablet PCs mit zwei Laufwerken erhältlich sein. Nicht lange und Tablet PCs jeder Kategorie der tragbaren Rechner werden auf dem Markt zu finden sein.

Sarah Z. Sleeper

Sarah Z. Sleeper

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