Soccer team in a huddle

Der Preis der Marmelade

Feature | 22. Oktober 2013 von Andreas Schmitz 0

Wie viel Geld bekommen wir wirklich für ein Glas Marmelade? Das ist die Kernfrage, mit der sich der Controlling-Leiter Stephan Biermann und seine Kollegen aus der Buchhaltung und dem Vertrieb seit zwei Jahren beschäftigen. Zucker, Früchte, Wasser, der Strom, der für die Herstellung benötigt wird, dazu die Spediteure, die die Produkte in ganz Deutschland an die Märkte bringen: Diese Posten lassen sich gut kalkulieren. Komplizierter wird es, Sondervereinbarungen in den Preis mit einzuberechnen. Da hat beispielsweise eine Supermarktkette mit Zentis verhandelt, für eine Sonderleistung wie die Aufnahme eines neuen Artikels in die bestehende Produktpalette, die „Einlistung“, einen gewissen Betrag vergütet zu bekommen, die allerdings nicht dem Markt gewährt wird, in dem die Marmelade zu kaufen ist, sondern der Zentrale. Es sind Rückstellungen für Zahlungen zu bilden, die erst Ende des Jahres gebündelt erfolgen.

„Im Ausland“, sagt Biermann, „gibt es einen Preis und darauf ein paar Prozent Skonto“. Das macht es auch der IT einfacherer. Denn gerade die Bildung von Rückstellungen für Leistungen, zu denen mit dem Kunden die Zahlung eines festen Betrages vereinbart wurde, ist im ERP-System  – bei Zentis SAP ERP ECC 6.0 mit SAP BW – nicht hinreichend unterstützt. Eine nötige Zuordnung auf Zeitraum und Artikel ist so nur schwer möglich. „SAP orientiert sich bei seiner Lösung am globalen Standard“, sagt Biermann, „es lässt sich ein Bonus von 2 Prozent einstellen, eine höhere Flexibilität und Transparenz gibt es nicht. Der SAP Standard ist nicht für die aus globaler Sicht seltsame Preisfindung in Deutschland vorbereitet“, so Biermann.

Preismanagement: SAP ERP ECC 6.0 mit SAP BW in Einklang bringen

Jahrelang schon hat Zentis eine selbstgestrickte Access-Datenbank im Einsatz, die allerdings, so Biermann, „immer mehr Probleme gemacht hat“. Eine neue Lösung musste her, die den SAP-Standard erweitert. In SAP BW sind nun neue Erfassungsmasken und Workflows zur hausinternen Genehmigung entstanden. Die Anwendung ist in Zusammenarbeit mit dem IT-Partner 4brands Reply entwickelt worden, einem Spezialisten für Konsumgüterindustrie. Deren Aufgabe: Die Module für Finanzen, für die Profitabilitätsanalyse und den Vertrieb im ERP-System SAP ECC 6.0 mit den „Cubes“ im Businesswarehouse so in Einklang bringen, dass alle Rabatte und Konditionen auf einem Artikel spezifisch für den jeweiligen Zeitraum „verursachungsgerecht in Plan und Ist“ zugeordnet werden und Plan- und Istabweichungen genau analysiert werden können. Kurz: Jede Vereinbarung für Produkte, und sei sie noch so individuell, lässt sich nun im System abbilden und überprüfen, ob sie eingehalten wurde.

Die Anforderungen lassen sich knapp so zusammenfassen:

– Eine gemeinsame Datenbasis soll sowohl dem Vertrieb, der Buchhaltung wie auch dem Contolling eine bessere Datenqualität bieten. Das hilft auch, Unstimmigkeiten in den Absatzplänen zu vermeiden.

– Der Umsatz sollte zwischen Finanzbuchhaltung und der internen Sicht des Controlling abstimmbar sein, auch wenn die fixen Konditionen zeitlich anders abgegrenzt werden.

– Es sollte zur Vorbereitung von Jahresgesprächen mit dem Handel eine schnelle und einfache Simulation von Preis- und Konditionenveränderungen möglich werden.

– Für die Änderung von Preisen und Konditionen soll ein Freigabeworkflow eingerichtet werden.

– Die Buchhaltung benötigt einen „Rückstellungsspiegel“, der immer aktuell ist und diverse Auswertungsmöglichkeiten bietet.

– Letztlich sollte es für jeden Artikel einen verbindlichen Nettonetto-Preis geben, also einen Preis, der nicht unterschritten werden darf.

Kurzum: Es war nötig, mehr Transparenz in das Preisgefüge zu bekommen, eine bessere Genauigkeit für die Vorhersage von Absatz, Preisen und Konditionen her, damit Ende des Jahres auch der Gewinn in der Bilanz steht, den sich Zentis verspricht. Mit 702 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr und damit einem Plus von 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr steht das Aachener Unternehmen aktuell gut da.

Zentis-weit ein Rechenschema vom Bruttopreis zum „Nettonetto“

Schon heute zeigt sich, dass sich die Ziele erreichen lassen werden, auch wenn auf Zentis-Seite lediglich vier Mitarbeiter aus den jeweiligen Fachbereichen in das Projekt eingebunden sind. In der Praxis bedeutet das etwa, dass beispielsweise eine einmalige Zahlung „für die Abbildung von Produkten in einem Werbeblatt“ an den Kunden eindeutig den Produkten sowie dem Zeitraum zugeordnet werden können. Es gibt Zentis-weit ein gemeinsames Rechenschema vom Bruttopreis bis zum Nettonetto-Preis für alle Fachbereiche, nach dem sämtliche Artikel im Netto-Netto-Preis pro Stück oder Kilogramm berechnet werden können.

„Wir haben nun eine vollständige Transparenz über unsere Rückstellungen“, sagt Contoller Biermann, „zudem können wir verschiedene Szenarien simulieren. Was passiert, wenn man Mengen, Preise oder Konditionen im Verkaufsprozess ändert? Was bedeutet das für den Nettonetto-Preis, bzw. letztlich für den Gewinn, den jedes Marmeladenglas abwirft?“ Vor allem aber freut sich der Zentis-Controller auf die konsistenten Daten, die ihm dann eine solidere Planung und gezielte Forecasts ermöglicht.

Aktuell befindet sich das Projekt in der Testphase. „Es gibt immer noch mal eine Zahl in der dritten Nachkommastelle, die nicht stimmt“, bemerkt Biermann. Erst wenn der oberste Controller bei Zentis grünes Licht gibt, wird der Hebel umgelegt und auf dem neuen System gearbeitet. Anfang 2014, im Idealfall sogar schon zu Weihnachten, will Biermann das neue System am Laufen haben und jedes einzelne Produkt, vom Pflümli mit Zimt über Nusspli bis zum Marzipanhappen Belmanda bis zum Deckungsbeitrag in Plan und Ist analysieren können. Das Ergebnis soll für alle nachvollziehbar sein – vom Buchhalter über den Vertriebler bis zum Controller.

Tags: , , , ,

Leave a Reply