An der Vernetzung krankt es

Feature | 21. November 2013 von Andreas Schmitz 0

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Ärzte in Praxen und Krankenhäusern haben es zunehmend schwer. Erst kommt der informierte Patient in die Praxis des Arztes, ehe er sich schon intensiv mit den Untersuchungsergebnissen beschäftigen konnte und nun fordert er von ihm auch noch, dass sämtliche seiner medizinischen Befunde, Röntgenaufnahmen und Laboranalysen nicht nur auf einer elektronischen Patientenakte (ePa) gespeichert, sondern ihm auch permanent verfügbar gemacht werden sollten. Fast die Hälfte (43 Prozent) der über 9.000 Patienten, die das Beratungshaus Accenture kürzlich weltweit befragte, gaben an, sogar den Arzt wechseln zu wollen, sofern eine persönliche ePa möglich gemacht würde. Doch zumindest die Ärzte in Deutschland zeigen sich reserviert. Nur 12 Prozent sind dafür, ihren Patienten vollen Zugriff auf die Patientenakte zu gewähren.„Dabei sind die meisten Ärzte und Kliniken inzwischen mit zeitgemäßer IT ausgestattet“, sagt Sebastian Krolop, „nur tauschen sie Informationen nicht mit anderen Gesundheitseinrichtungen aus.“

Im internationalen Vergleich haben mindestens drei Viertel der Ärzte elektronische Patientenakten prinzipiell im Einsatz, in Spanien sind es sogar 95 Prozent, in Deutschland 93 Prozent wie auch in den USA. In der Praxis ist die ePa dann aber doch nur bei knapp jedem zweiten Arzt regelmäßig im Einsatz. Sei es, weil die Prozesse noch neu sind oder erst etabliert werden müssen oder aber weil es technische Unwägbarkeiten gibt. Denn noch hapert es beispielsweise in Deutschland an verbindlichen Übertragungsstandards: „Jeder Arzt und jedes Krankenhaus macht sein Eigenes“, so Krolop, der trotz einer Anzahl von Pilotprojekten noch keinen Vorreiter und Favoriten für einen etwaigen Standard gefunden haben will. Patienten, die in einem anderen Bundesland ins Krankenhaus müssen, werden dort mit „ihrer“ Patientenakte wenig anfangen können. Denn die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass dort die gleichen Standards für die Übertragung der Daten eingesetzt werden.

Elektronische Patientenakte (ePa) und Vernetzung: Vorzeigeprojekte kommen aus den USA und Singapur

International gibt es einige Ansätze, die zeigen, wie sich die Vernetzung letztlich einführen lässt. Entsprechende Vorzeigeprojekte kommen derzeit aus den USA und Singapur:

– So hat die Krankenversicherung Kaiser Permanente in den USA für seine Versicherten ein eigenes Gesundheitsnetzwerk aufgebaut. Die über neun Millionen Versicherten sind also dazu verpflichtet, jene 650 Kliniken und Gesundheitsinstitutionen zu nutzen, die die Versicherung in ihr Netzwerk aufgenommen hat. Mit den Vorteilen, aus der Menge an Behandlungsdaten neue Erkenntnisse zu ziehen, individuelle Vorsorgeprogramme aufzusetzen und letztlich einen Mehrwert zu schaffen, der ohne Vernetzung nicht möglich wäre.

– Singapur führt derzeit ein nationales System für elektronische Gesundheitsakten ein, so genannte National Electronic Health Records. Das NEHR-System sieht nur noch eine zentrale Gesundheitsakte für das gesamte Gesundheitswesen vor, die jedoch ausschließlich Angehörigen von Heilberufen zugänglich sein soll. Sobald Patienten Ambulanzen oder Krankenhäuser aufsuchen, soll das Team vor Ort schon bald für den Patienten relevanten Informationen aus der Gesundheitsakte aufrufen können. Schon in der aktuellen Umfrage von Accenture zeigte sich, dass die Nutzung von Gesundheitsinformationen durch Ärzte von 2011 auf 2012 von 32 auf 49 Prozent angestiegen war. Die knapp über fünf Millionen Einwohner werden durch NEHR also bald in Sachen ePa das erste Land sein, in dem die ePa komplett eingesetzt wird.  Kleines Land mit stark zentralen Entscheidungsträgern: Darin sieht Accenture-Mann Krolop die Ursachen.

„Die meisten Ärzte und Kliniken sind inzwischen mit zeitgemäßer IT ausgestattet“, sagt Sebastian Krolop, Geschäftsführer für Management Consulting im Gesundheitsbereich bei Accenture: „Nur tauschen sie Informationen nicht mit anderen Gesundheitseinrichtungen aus.“ Foto: Accenture

„Die meisten Ärzte und Kliniken sind inzwischen mit zeitgemäßer IT ausgestattet“, sagt Sebastian Krolop, Geschäftsführer für Management Consulting im Gesundheitsbereich bei Accenture: „Nur tauschen sie Informationen nicht mit anderen Gesundheitseinrichtungen aus.“ Foto: Accenture

Schon längst haben Anbieter auch in Deutschland entsprechende Technologien in Krankenhäusern ihr ePa etabliert. Die Charité in Berlin, mit über 3000 Betten und mehr als 13.000 Mitarbeitern eine der größten Universitätskliniken in Europa, startete schon 2011 einen Piloten – auf Basis von SAP EMR.

An der Bereitschaft der Ärzte, denen der Ruf vorauseilt, mit IT nichts zu tun haben zu wollen, liegt es in Deutschland offenbar nicht. Mehr als zwei Drittel der befragten Ärzte sehen einen Mehrwert in der IT, und zwar gerade nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen, sondern vor allem, weil IT Behandlungsfehler reduziert, bessere Diagnose möglich wird und die Wartezeiten der Patienten reduziert werden.

Die Evolution der IT im Gesundheitswesen hat noch einen Weg zurückzulegen. Auf einer Reifeskala betrachtet, die von eins bis drei reicht, verharrt der Großteil der Gesundheitsinstitutionen zwischen eins und zwei. IT ist in der Praxis im Einsatz, schafft mehr Effizienz, Laborergebnisse und Röntgen- oder Kernspinbilder sind verfügbar (Stufe 1). Schon beim Austausch von Informationen zwischen den Dienstleistern und Gesundheitsinstitutionen wird es komplizierter (Stufe 2), denn die Möglichkeit ist beschränkt durch die Standards, die eingesetzt werden und bestimmten Sicherheitsvorschriften gerecht werden müssen. Als Stufe 3 bezeichnet Accenture-Mann Krolop die Möglichkeit, „durch den Datensatz klüger zu werden“. Gibt es etwa wiederkehrende Komplikationen bei der Gabe von Medikamenten oder mit eingesetzten Implantaten, macht es Sinn, sich die Heilungsverläufe eine große Menge an Patienten anzuschauen und miteinander zu vergleichen. „Gibt es Auffälligkeiten, die man in der Therapie berücksichtigen sollte“, fragt der Mediziner Krolop, der gerade in der In-Memory-Technologie SAP HANA große Perspektiven sieht.

Über 200.000 Gesundheitsapps im Umlauf

An der Schwelle von Stufe 1 zu 2 ist es aktuell der Patient, der die Entwicklung bestimmt. Von über 200.000 Gesundheitsapps geht das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem e.V. (Afgis) und das Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) derzeit aus, nicht ohne zu warnen, dass die Angebote für Smartphones und Tablets möglicherweise nicht den Qualitätsansprüchen entsprechen könnten, die medizinische Experten an entsprechende Anwendungen stellen. Das dürfte die Patienten wenig interessieren. Denn so viele Optionen haben sie derzeit nicht.

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