Der Wert von Personalwirtschaft in Euro und Cent

Feature | 23. Januar 2006 von admin 0

Saarbrücker Formel

Saarbrücker Formel

Eigentlich kann man es schon nicht mehr hören: “Warum werden Mitarbeiter immer nur als Kosten und nie als wertvolles Kapital betrachtet?” Und: “Besteht der Wert eines Unternehmens nicht auch aus dem Wert des Humankapitals?” Doch das Ergebnis solcher Diskussionen waren in der Regel pauschale Lippenbekenntnisse zum Wert der Mitarbeiter sowie seltsam anmutende und isoliert in die Welt gesetzte Indikatoren, deren Ergebnisse nicht unternehmensübergreifend verglichen werden können. Am Ende blieben die Fragen offen, und die Diskussionen um die Bewertbarkeit von Humankapital drehten sich weiterhin im Kreis.
Die Saarbrücker Formel, entwickelt am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Saarbrücken, kann und will hierzu nicht alle Probleme lösen. Sie konzentriert sich vielmehr auf eine konkrete Frage: Wie hoch ist der Wert des Humankapitals – ausgedrückt in Euro und aufgespaltet in monetär bewertete Steuerungsgrößen?
Im Sinne der Saarbrücker Formel ist Humankapital (HC, Human Capital) eine Bestandsgröße und berücksichtigt daher weder die Kosten der Kapitalbeschaffung noch die Kapitalnutzung (Produktivität). Vielmehr geht es darum, wie sich das Humankapital zusammensetzt und wie es sich im Hinblick auf eine stabile Struktur oder eine strukturelle Verbesserung beeinflussen lässt. Interessant ist vor allem der Rückgriff auf monetäre Steuerungsgrößen. So lässt sich beispielsweise die Aussage, die Motivation habe sich von 3,1 auf 3,0 verschlechtert, auch in Euro und Cent ausdrücken. Darüber hinaus zeigt die Formel die Konsequenzen von Maßnahmen im Bereich Wissensmanagement und Personalentwicklung auf und macht die Mitarbeitermotivation mit ihren Bestandteilen deutlich: “Commitment”, die Bereitschaft zur Leistung (“wollen”), “Context”, die Befähigung zur Leistung (“können”) und “Retention”, die Neigung des Mitarbeiters, im Unternehmen zu verbleiben (“werden”).
Die Saarbrücker Formel lässt sich außerdem leicht berechnen, weitgehend standardisieren, international anwenden, intuitiv verstehen und sie ist theoretisch fundiert. Gleichzeitig ist sie anschlussfähig unter anderem in Richtung auf Unternehmensbewertung, Unternehmensrating (Basel II), Due Diligence, Controlling, Projektsteuerung, Professionalisierung der Personalarbeit, Risk Management und Innovationsmanagement.

Vier Steuerungskomponenten

Weblösung und Rechenbeispiel

Weblösung und Rechenbeispiel

Gemäß der Saarbrücker Formel setzt sich Humankapital aus vier Bestandteilen zusammen. Die Wertbasis wird gebildet aus der Anzahl der Mitarbeiter als Mengenkomponente (FTEi) und dem Marktgehalt als Preiskomponente (li). Der Wertverlust (wi/bi) erlaubt eine Aussage über den Wissensschwund im Unternehmen, ausgelöst beispielsweise durch das Veralten von Wissen im Zeitverlauf. Die Wertkompensation steht dem Wertverlust entgegen: Dieser Posten enthält die Personalentwicklungskosten (PEi). Zu guter Letzt unterliegt die Wertbasis Veränderungen, da sich die Motivation eines jeden Mitarbeiters (Mi) ändern kann. Wertbasis, Wertverlust, Wertkompensation und Wertveränderung werden für jede Beschäftigungsgruppe (i) ermittelt und dann für das gesamte Unternehmen aufsummiert. Eine Beschäftigtengruppe wird nach unternehmensspezifischen strategischen Überlegungen gebildet. So haben die meisten Unternehmen im Rahmen von Aufbau- und Ablauforganisation Funktionsgruppen erfasst. Für die Ermittlung stehen umfangreiche Methoden zur Verfügung, darunter eine standardisierte Motivationsbefragung im Rahmen des Saarbrücker Formel-Systems.
Die Saarbrücker Formel ist nicht nur eine isolierte finanzwirtschaftliche Kennzahl, sondern ein umfassendes personalwirtschaftliches Steuerungskonstrukt, das beispielsweise Aussagen über die Motivation der Beschäftigten oder den Abschmelzungsfaktor des Mitarbeiterwissens macht – und zwar in monetären Einheiten. Somit lassen sich relevante Stellschrauben lokalisieren und konkrete Implikationen ableiten, zum Beispiel “eine Erhöhung der Personalentwicklung, die nicht nur einen Effekt auf den Ausgleich des Wertverlustes, sondern auch auf die Motivation generieren kann.”

Rechenbeispiel in einer Weblösung

SAP-Anbindung

SAP-Anbindung

Inzwischen liegt eine Weblösung vor, mit der Unternehmen den Humankapitalwert ihrer Belegschaft gemäß der Saarbrücker Formel auf Knopfdruck bestimmen können. Zunächst werden in einem vorgelagerten Schritt die erforderlichen Daten in die Software eingegeben, beispielsweise die Zusammensetzung der Beschäftigtengruppen, Betriebszugehörigkeit oder der durchschnittliche Personalentwicklungsaufwand. Andere Daten, wie die Marktgehälter oder die berufsabhängigen Wissensrelevanzzeiten, lassen sich direkt aus dem System generieren. In vorliegenden Rechenbeispiel kann das Humankapital im Ergebnisbildschirm wie folgt analysiert werden:
Es entsteht ein Kapitalverlust, weil Neueinstellungen und Personalentwicklung das natürliche Veralten des Wissens nicht voll kompensieren. Hier steht einem Wertverlust von 932.628 Euro eine wertmäßige Personalentwicklung von 300.000 Euro gegenüber. Es ist daher wichtig, dass das Wissensmanagement aktiv wird. Positiv schlagen “Commitment” sowie “Retention” der Mitarbeiter zu Buche (788.330 Euro und 472.998 Euro), alles Key-Performance-Indikatoren, die auf diese Weise transparent und steuerbar werden. Anlass zu Bedenken gibt der Wert für “Context” mit einem Minus von insgesamt rund 158.000 Euro. Dies senkt den Wert des Humankapitals und ist auf das nicht zufrieden stellende Arbeitsumfeld der Belegschaft zurückzuführen. Mit der Berechnung ergibt sich nicht nur der Gesamtwert des Humankapitals, in diesem Fall 5.833.644 Euro. Es wird auch seine wertmäßige Grundstruktur transparent, kommunizierbar und steuerbar.

HC-Berechnung auf Knopfdruck

Rund um die Saarbrücker Formel hat sich inzwischen ein kontinuierlich wachsendes Netzwerk aus Partnern gebildet, die sich in regelmäßig stattfindenden Arbeitskreisen austauschen. Ziel des Netzwerkes ist es, die Berechnung der einzelnen Bestandteile der Formel weiter zu standardisieren. Hierzu gibt es verschiedene Projekte:
Zusammen mit der Pecaso GmbH wird eine Software entwickelt, die SAP-Anwender dabei unterstützt, das Humankapital ihres Unternehmens mit Hilfe der Saarbrücker Formel zu berechnen. Dabei greift die Software auf bestehende Daten der SAP-Lösungen für Personalwirtschaft und Rechnungswesen zurück. Sämtliche Zugriffe, Berechnungsroutinen und die Abspeicherung der Zwischen- und Endergebnisse erfolgen in SAP und sind in das vorhandene Berechtigungs- und Datensicherheitssystem eingebettet. Ein Prototyp ist bereits verfügbar und wird zur Zeit von mehreren großen Unternehmen getestet.
Zudem läuft zusammen mit PricewaterhouseCoopers Deutschland das Projekt “DAX 30”, bei dem der Wert einer zentralen Beschäftigtengruppe quer über eine Reihe von DAX-30-Unternehmen mit der Saarbrücker Formel analysiert wird. Die Ergebnisse liegen voraussichtlich im Februar 2006 vor. Das Projekt soll Aufschluss darüber geben, inwieweit die Saarbrücker Formel für die Unternehmensbewertung prüfungstauglich ist.
Darüber hinaus steht bereits eine voll einsetzbare Stand-alone Web-Lösung für die Bewertung des Humankapitals zur Verfügung. Dieses PRISMA-Web-Interface ist für kleine und mittelständische Unternehmen konzipiert, die keine SAP-Software verwenden. Es ist unabhängig von den betrieblich eingesetzten IT-Systemen, da es auf einen externen Server zugreift. Eine Gruppe mittelständischer Unternehmen traf sich im Januar 2006 zum ersten Mal, um mit Hilfe der Web-Lösung zur Saarbrücker Formel in die Thematik der Humankapital-Bewertung einzusteigen.
Eine Schulungsversion der Software zur Saarbrücker Formel wird unter anderem an der Universität Siegen und im MBA-Programm der Universität Saarbrücken verwendet. Im Sommer 2006 soll sie allgemein zur Verfügung stehen und die Saarbrücker Formel in der wissenschaftlichen Lehre verankern. Mit diesem vereinfachten Schulungssystem können Studenten zu Lehrzwecken über extern zugängliche Informationen, wie Personal- oder Geschäftsberichte, den Humankapitalwert von Unternehmen bestimmen.

Weitere Informationen

Weitere Informationen

Die Aktivitäten des Netzwerks rund um die Saarbrücker Formel erlauben es unterschiedlichen Gruppen, sich bei deren Standardisierung einzubringen. Erst wenn sich möglichst viele Unternehmen eines Werkzeugs bedienen, das auf einer fundierten Grundlage wie der Saarbrücker Formel beruht, werden sich die Diskussionen um die Berechnung des Werts des Humankapitals versachlichen. Denn dann stehen vergleichbare Ergebnisse zur Verfügung.

Prof. Dr.  Christian Scholz

Prof. Dr. Christian Scholz

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