Die Entdeckung der Schnelligkeit

Feature | 8. August 2007 von admin 0

Autor: Daniel Grieshaber

Die IT-Abteilungen großer und mittlerer Unternehmen befinden sich heute häufig in einer Zwickmühle. Einerseits wird erwartet, dass sie immer schneller und kurzfristiger Lösungen und Dienste entwickeln, um die Voraussetzungen für den Erfolg von neuen Geschäftsmodellen und Produkten zu schaffen. Gleichzeitig können sie dafür aber nur in den seltensten Fällen auf erweiterte Ressourcen zurückgreifen. Bei vielen Unternehmen stagnieren die IT-Budgets sogar oder werden nur zögerlich erhöht. Dass die IT folglich nicht mit den rasanten Veränderungen der Unternehmensstrategie Schritt halten kann, offenbart die Studie „IT at the Speed of Business“.

Im Auftrag von HP Software befragte die Economist Intelligence Unit (EIU) im Frühjahr dieses Jahres weltweit 1.125 IT-Manager von großen und mittleren Unternehmen zu diesem Thema. Das Ergebnis: Lediglich neun Prozent der IT-Verantwortlichen setzen sämtliche Projekte im Zeitplan um. Bei 48 Prozent der Befragten verzögerte sich dagegen mindestens ein Viertel der Vorhaben, vier Prozent der IT-Manager konnten kein einziges rechtzeitig verwirklichen. „In den heutigen Märkten ist Geschwindigkeit von zentraler Bedeutung“, sagt Denis McCauley, Chef der Abteilung Global Research Technology bei EIU. „Es ist alarmierend zu sehen, dass ein so großer Teil der IT-Projekte mit Verspätung fertiggestellt wird. Denn nur die Unternehmen, die ihre Vorhaben zügig abwickeln, können sich im Wettbewerb einen Vorteil verschaffen.“

Mehr Ertrag durch schnellere IT-Dienste

Diese Einschätzung teilt auch die Mehrheit der Studienteilnehmer. So waren 62 Prozent von ihnen davon überzeugt, dass ihr Unternehmen deutlich mehr verdienen würde, wenn IT-Dienste schneller bereitgestellt werden könnten. Die Realität sieht jedoch anders aus: Lediglich 16 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, dass sämtliche Projekte die vorgegebenen Geschäftsziele erfüllt hatten. Bei 57 Prozent der Unternehmen lag die entsprechende Erfolgsquote bei 50 Prozent und weniger.

Auch auf das operative Geschäft und das Unternehmensergebnis wirkt es sich negativ aus, wenn IT-Vorhaben nicht rechtzeitig verwirklicht werden. An erster Stelle nannten die IT-Manager Verzögerungen bei der Einführung neuer Produkte, gefolgt von Umsatzeinbußen und dem Wegfall von Kostenersparnissen. Zudem besteht nach Ansicht der Befragten die Gefahr, dass bei Übernahmen und Zusammenschlüssen die Integration der Geschäftsbereiche nicht funktionieren und das Markenimage und der Ruf des Unternehmens Schaden nehmen könnte.

Als Begründung für Verzögerungen bei IT-Vorhaben wurden Schwierigkeiten im Zusammenspiel von IT und Business Units angeführt, besonders dann, wenn sich Geschäftsprioritäten während eines laufenden Projekts ändern. Dieser Punkt wurde weltweit am häufigsten erwähnt. Die mangelnde Koordination zwischen IT-Abteilung und den operativen Geschäftsbereichen beklagten vor allem die Verantwortlichen aus der Region Europa/Naher Osten/Afrika (EMEA), während den Managern aus dem asiatisch-pazifischen Raum (APAC) das Fehlen von genau definierten Anforderungen zu schaffen macht. Die amerikanischen Interviewpartner sehen sich – wenn auch nicht im gleichen Maß wie ihre europäischen und asiatischen Kollegen – mit beiden Missständen gleichermaßen konfrontiert. Als weitere Gründe wurden fehlende Ressourcen und Überlastung genannt. Im EMEA-Raum sorgt zudem das Thema Outsourcing für zusätzliche Reibungsverluste.

Wenn es darum geht, aus dem Ruder gelaufene Projekte wieder auf Kurs zu bringen, greifen insbesondere die europäischen IT-Verantwortlichen zu eher unorthodoxen Mitteln. So reduzieren sie unter Zeitdruck gerne die ursprünglichen Ziele des IT-Projekts und tendieren allgemein dazu, veränderte Geschäftsprioritäten zu ignorieren. Weit weniger als ihre Kollegen aus Amerika und dem asiatisch-pazifischen Raum setzen sie kurzfristig darauf, manuelle IT-Prozesse zu automatisieren. Eine probate Gegenmaßnahme weltweit ist die kurzfristige Erhöhung des Projekt-Budgets, die rund 35 Prozent der Manager im Krisenfall in Anspruch nehmen. Langfristig sehen die IT-Verantwortlichen in einer stärkeren Automatisierung der IT-Prozesse sowie in der Weiterbildung der Mitarbeiter im Unternehmen Chancen, um IT-Initiativen insgesamt zu beschleunigen.

SOA auf dem Vormarsch

Auf technischer Seite verlassen sich immer mehr IT-Verantwortliche auf serviceorientierte Architekturen (SOA), um Projekte mit den Geschäftsanforderungen in Einklang zu bringen. Die deutschen Technik-Manager liegen dabei weltweit an der Spitze: Knapp über 50 Prozent der Befragten aus Deutschland setzen auf SOA. In der EMEA-Region insgesamt steht die Qualitätssicherung an erster Stelle, während die Kollegen aus dem asiatisch-pazifischen Raum ihre IT-Projekte vorzugsweise mit den Mitteln des Projekt-, Portfolio- oder Infrastrukturmanagements effizienter gestalten. Als weitere adäquate Maßnahmen wurden Anforderungsmanagement, Business-Service-Management sowie IT-Service-Management aufgezählt.

Neben internen Verbesserungen gilt es aber auch, an der Kommunikation zwischen IT und Business zu arbeiten und den Entwicklungsprozess insgesamt transparenter zu machen, wie Uwe Flagmeyer, Presales Manager bei HP Software Deutschland, bestätigt: „Um das zu erreichen, muss die Qualitätssicherung systematisch an den Business-Anforderungen ausgerichtet werden, sprich: die Techniker müssen die Applikation wie ein Business-Anwenders testen.

Sonst entstehen Applikationen, die vielleicht formell fehlerfrei sind, den Geschäftsprozessen aber nicht gerecht werden.“ Zudem würden an ein und dasselbe IT-Projekt von verschiedenen Geschäftsbereichen häufig ganz unterschiedliche Anforderungen gestellt, die miteinander inkompatibel sind. Hier muss schon vor Entwicklungsbeginn Klarheit geschaffen werden; in großen Unternehmen ist das allerdings nur mit Hilfe entsprechender Werkzeuge möglich. Und auch innerhalb der IT-Abteilungen könnte die Abstimmung häufig noch verbessert werden. „Planer, Tester und Entwickler müssen verstärkt an einem Strang ziehen, Silo-Effekte tragen meist zur Verschleppung von Projekten bei und gefährden deren Qualität“, betont Flagmeyer.

Doch der HP-Manager sieht durchaus auch positive Ansätze: „Viele Unternehmen haben bereits die Erfahrung gemacht, dass sich Qualität mit einer schnelleren Einführung von IT-Projekten und -Services vereinbaren lässt.“ So arbeiteten schon heute in einigen Banken IT-Entwickler Seite an Seite mit Händlern. Änderungen an Software und Systemen, betont Flagmeyer, ließen sich so unmittelbar durchführen, gleichzeitig könne die Technik neue Ideen aufgreifen und schnell umsetzen.

Wohin es führen kann, wenn sich IT-Projekte gehäuft verzögern, zeigt eine aktuelle Studie des britischen Robotic-Integration-Software-Herstellers Blue Prism, für die 650 IT-Manager großer Unternehmen im angloamerikanischen Raum befragt wurden. 67 Prozent von ihnen gaben an, dass in ihren Unternehmen so genannte Rogue-Software im Einsatz ist: Wenn sich die Entwicklung von IT-Diensten verzögert, greifen viele Mitarbeiter offenbar zur Selbsthilfe und installieren Software eigenmächtig und ohne Wissen der IT-Abteilungen oder basteln sich gar ihre eigenen, hausgemachten Lösungen.

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