Die Geschichte von Java ist eine Geschichte von Fehlern

Feature | 18. Juli 2005 von admin 0

Mark Herring

Mark Herring

Welche Vision hatte Sun, als Java am 23. Mai 1995 vorgestellt wurde und wo steht die Sprache heute?

Herring: Die Geschichte von Java beginnt eigentlich schon ein paar Jahre früher. Damals hieß die Programmiersprache noch Oak, der Legende nach deswegen, weil Java-Mitbegründer James Gosling von seinem Bürofenster aus auf eine Eiche schaute. Die Zielsetzung der Sprache wurde auf dem Reißbrett skizziert. Die Programmierer waren damit beschäftigt, eine kleine Programmierplattform zu entwickeln, die auf Set-Top-Boxen für Fernsehgeräte laufen sollte. Doch wie konnten wir den Code in die Set-Top-Boxen integrieren? Zunächst haben wir ein Sicherheitskonzept für Oak entwickelt und uns dann Gedanken darüber gemacht, dass alles “klein” genug sein musste, um auf einer Set-Top-Box zu laufen. Dann allerdings platzte der Deal mit den Set-Top-Boxen. Unser Konkurrent SGI bekam den Zuschlag in dem von Time Warner ausgeschriebenen Wettbewerb für Ideen und Konzepte für den Pilotversuch eines interaktiven Kabelfernsehen in Orlando, Florida. Also überlegten wir, wofür Java vielleicht noch zu gebrauchen war. Zu der Zeit begann der Internet-Boom – und hier wurde eine Programmiersprache mit Eigenschaften benötigt, wie wir sie ähnlich bereits für die Set-Top-Boxen konzipiert hatten.

Java kam also 1995 eher “zufällig” zustande. Der Sprache förderlich waren zu diesem Zeitpunkt zwei Tatsachen. Zum einen begann die breite Öffentlichkeit damit, das Internet zu nutzen, das von Java und Netscape geprägt war. Zum anderen beschlossen Sun und Netscape, Java in den Browser zu integrieren. An diesem Punkt wurde der Namen von Oak auf Java geändert – die eigentliche Geburtsstunde.

Wo liegt der Hauptgrund für den Erfolg von Java?

Herring: In erster Linie in der Tatsache, dass wir bei Sun Java niemals als unser Eigentum betrachtet haben. Dass Java für die Öffentlichkeit freigegeben wurde, ist meiner Meinung nach der wesentliche Erfolgsfaktor. Das wird sich auch in der Zukunft nicht ändern. Java hat sich in Richtungen entwickelt, die wir niemals vorausgeahnt haben, weil es sich um die Arbeit einer Community handelt. Darin sehe ich die Hauptstärke von Java.

Vor zehn Jahren zählte das Entwicklerteam von Java weniger als 30 Leute. Wie viele Java-Entwickler gibt es heute?

Herring: Schätzungen aus Daten von IDC und Evans Data zufolge gibt es heute etwa 4,5 Millionen Entwickler. In der Vergangenheit haben wir den so genannten Java Community Process (JCP) etabliert. Jeder kann Mitglied des JCP werden. Etwa 900 bis 1.000 Mitglieder sind aktiv an der Entscheidung über die Zukunft von Java beteiligt. Die Mitglieder kommen aus verschiedenen Bereichen, wie beispielsweise der Spiele-, Mobiltelefon- und Serverbranche.

Warum ist Embedded Java anfangs nicht so gut angekommen, wie es sich die Entwickler erhofft hatten?

Herring: Ich denke, es lag am schlechten Timing. Heute sieht die Lage für Embedded Java ganz anders aus. Java ist in etwa 2,5 Milliarden Geräten zu finden, etwa 700 Millionen weitere javafähige Geräte sind unterwegs, hinzu kommen rund 1,5 Milliarden Mobiltelefone. Am Anfang kam Java nicht so gut an, weil der Markt für diese Technologie noch nicht reif war. Der Embedded-Markt ist heute präpariert, Smart Cards, die in den meisten Mobiltelefonen zu finden sind, und viele Kreditkarten verwenden heutzutage einen Java-Chip, auf dem Sicherheitsdetails gespeichert sind.

Andere Unternehmen haben Milliarden mit dem Verkauf von Java-Services und Werkzeugen verdient. Die Produkte von Sun haben auf diesem Markt nicht besonders gut abgeschnitten. Welche Gründe gibt es dafür?

Herring: Bei Sun handelt es sich im Ursprung um ein Unternehmen für Workstations, das später auf Server umgestiegen ist. In den ersten sechs bis sieben Jahren von Java haben wir uns daher nur gefragt, wie wir mehr Server verkaufen können. Wir waren nur daran interessiert, weiterhin wettbewerbsfähige Preise anzubieten und zu gewährleisten, dass wir ein Stück vom Kuchen abbekommen. Falls Sie sich erinnern: Das Softwareunternehmen BEA beispielsweise war auf ein Betriebssystem und auf Hardware angewiesen, meistens wurden Produkte von Sun verwendet. Die Menschen vergleichen oft Äpfel mit Birnen, also in diesem Fall ein Softwarehaus wie BEA mit einem Hardwareunternehmen wie Sun. BEA hat natürlich viel Geld mit Java verdient, aber wir haben viel Geld mit den Servern verdient, auf denen die BEA-Produkte laufen.

Warum sind ihrer Ansicht nach Anbieter von betriebswirtschaftlicher Software, wie etwa SAP, auf Java umgestiegen?

Herring: SAP ist ein hervorragendes Beispiel für einen Infrastruktur-Anbieter. Wir überzeugen die Unternehmen davon, dass sie unsere Technologie anpassen sollen, um damit gewisse Probleme zu lösen. Als SAP sich bei uns meldete, konnten wir Lösungen für bestimmte Bereiche anbieten. So funktioniert unser Geschäft. Wir können unsere Software leicht an Kundenwünsche anpassen.

An einer Technologie wie Java arbeiten 4,5 Millionen Entwickler, die alle bei der Integration von Java in SAP helfen können. Der Grundgedanke von Java ist nun einmal, dass eine Menge Leute in der Umgebung arbeiten können, wenn Java verwendet wird. Wenn ein Unternehmen die eigene Technologie einsetzt, arbeiten nur etwa 100.000 Mitarbeiter daran.
Es scheint, als wären wir nicht im Programmiergeschäft, sondern im Bereich betriebswirtschaftliche Software tätig. Doch der Eindruck täuscht, mit Java lässt sich lediglich beides unter einen Hut bringen. Für ein Unternehmen wie SAP war die Integration von Java eine große Entscheidung, denn SAP hat viel Zeit, Mühe und Geld in das alte System investiert.

Welche Bedeutung hat Java in Bezug auf Web-Services, das semantische Web und service-orientierte Architekturen?

Herring: Ich bin davon überzeugt, dass Java aufgrund seiner Flexibilität die beste Wahl für die Entwicklung neuer Services ist. Ein gutes Beispiel dafür ist eBay. Das Online-Auktionshaus bietet verschiedene Dienste an, wie beispielsweise eigene Auktionsseite für die Anwender auf der eBay-Site.

Wer eine Services-orientierte Architektur entwickeln will, hat meiner Ansicht nach zwei Möglichkeiten. Entweder er entscheidet sich für Microsoft .Net oder für Java. Ich halte Java für flexibler, weil die Software von Mehrfachanbietern zur Verfügung gestellt wird und mehrere Funktionsfähigkeiten bietet, während .Net eine Single-Vendor-Lösung ist. Meiner Ansicht nach ist noch mehr Interoperabilität. Daran arbeiten wir zusammen mit Microsoft. Denn die meisten Anwender wollen sich nicht zwischen Java und .Net entscheiden, sondern möchten die Möglichkeit haben, Java und .Net gemeinsam zu nutzen.

Gibt es etwas in der Geschichte von Java, das Sie heute anders machen würden und warum? Gab es einen schwerwiegenden “Fehler”?

Herring: Ich würde sagen, der Erfolg von Java ist eine Geschichte von Fehlern. Alles fing mit den TV-Set-Top-Boxen an, doch dann wurde Java ein Erfolg mit dem Internet. Wir versuchten im Desktop-Bereich Fuß zu fassen, doch alle Versuche waren Flops. Wir hätten uns viel früher auf die Server-Technologie spezialisieren sollen. Es gibt noch eine Reihe solcher Fehler. Das Gute ist: All diese Fehler haben nicht zum Untergang von Java geführt. Java konnte sich nur deshalb soweit entwickeln, weil die Unterstützung nicht nur von Sun ausging, sondern vom Java Community Process und den anderen Anbietern, mit denen wir zusammenarbeiten und Ideen austauschen können, um dann wieder auf den Markt zu kommen. Unser größter Fehler wäre gewesen, Java niemals in der Öffentlichkeit verfügbar zu machen. Dann hätte sich Java niemals in all diesen Bereichen entwickelt. Bei Java kam immer alles anders als geplant. Java hat sich mit unglaublich großem Erfolg immer in ungeahnte Richtungen entwickelt.

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