Die Herausforderungen des Fair-Value-Ansatzes (1)

Feature | 9. August 2004 von admin 0

“Unter lAS muss man auf den Marktwert zuschreiben, sonst gibt es keine Unterschiede”, beschrieb noch vor wenigen Jahren ein deutscher Anwender des SAP Treasury & Risk Management den Unterschied zwischen den International Accounting Standards (lAS) und dem HGB bei der Bewertung von Finanzinstrumenten. Ohne Frage hat der Ansatz zum Marktwert – in den lAS “Fair Value” genannt – enorme Auswirkungen auf ein Unternehmen, das bislang immer nach lokalen Bestimmungen wie dem HGB bilanziert hat und nun zum ersten Mal die lAS anwendet. Aus der Sicht der Software, die ein Unternehmen für das Treasury einsetzt, schienen auf den ersten Blick keine größeren Anpassungen notwendig.
Gemäß dem deutschen HGB ist beispielsweise das Niederstwertprinzip für Finanzinstrumente anzuwenden. Das bedeutet, dass an Bilanzstichtagen auf den Marktwert zu- oder abgeschrieben wird, wobei als Wertobergrenze immer fortgeführte Anschaffungskosten gelten. In den lAS hingegen, speziell in lAS 39, ist entweder eine Bewertung zum Marktwert, dem Fair Value, oder eine Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten vorgesehen. Da die lAS insbesondere für börsennotierte Unternehmen in den vergangenen Jahren immer wichtiger wurden, hat auch SAP aus dem Blickwinkel des Treasury die Regelungen in lAS 39 genauer unter die Lupe genommen. Dabei wurde rasch klar, welche Anforderungen die lAS mit dem Fair-Value-Ansatz an eine Lösung wie SAP Treasury & Risk Management stellen.

Parallelität

Zum einen muss ein Unternehmen, das einen Abschluss auf Basis der lAS erstellt, nicht auf den Abschluss gemäß den lokalen Bestimmungen – wie dem HGB in Deutschland – verzichten. Damit steht die Software vor der Aufgabe, ein und dasselbe Finanzinstrument auf zwei verschiedene Arten zu bewerten, zum einen nach den lAS, zum anderen gemäß den lokalen Bestimmungen. Hierzu gilt es verschiedene Fragen zu klären, beispielsweise ob die Daten für die verschiedenen Abschlüsse nach einem VolI- oder Deltaansatz abgelegt sind. Neben solch inhaltlichen Fragestellungen steht der Software-Hersteller vor der Wahl, vorhandene Strukturen zu erweitern oder eine völlig neue Software zu schreiben.

SAP hat sich für eine völlig neue Software entschieden. Ergebnis war die so genannte parallele Bestandsführung, mit dem SAP Corporate Finance Management 2.0 (SAP CFM 2.0), einem Add-On zu SAP R/3 4.6c, seit 2001 verfügbar. Aus Sicht der Bewertung gab es damit eine Koexistenz zwischen einer älteren Software – dem so genannten operativen Bewertungsbereich – und der neuen Bestandsführung. Diese Koexistenz ist mit dem SAP R/3 Enterprise Extension Set 2.00 seit 2003 beendet, da der operative Bewertungsbereich vollständig in die neue Bestandsführung integriert wurde. Mit dem Ende dieser Koexistenz wurde das Customizing vereinfacht und die Bedienerfreundlichkeit erhöht. Die neue Bestandsführung ist die architektonische Grundlage dafür, lAS mit dem Fair-Value-Ansatz zu unterstützen.

Zur Veräußerung verfügbare Vermögenswerte (“available for sale”)

Gemäß lAS 39 ist ein Finanzinstrument beim erstmaligen Ansatz in eine von vier verschiedenen vorgesehenen Kategorien einzuteilen. Die Eingruppierung hängt zum einen von der Art des Instruments, zum anderen von der Intention des Unternehmens ab. Während ein Darlehen typischerweise in die Kategorie “Kredite und Forderungen” (“Ioans and receivables”) eingeteilt wird, hängt es bei einer erworbenen Anleihe davon ab, wie lange diese gehalten werden soll. Dementsprechend stehen etwa die Kategorien “bis zur Endfälligkeit zu haltende Finanzinvestitionen” (“held to maturity”) oder “zur Veräußerung verfügbare Vermögenswerte” (“available for sale”) zur Wahl. In der Kategorie der “zur Veräußerung verfügbaren Vermögenswerte” besteht neben dem Fair-Value-Ansatz die Besonderheit, dass an Bilanzstichtagen die Bewertungsergebnisse im Eigenkapital zu erfassen sind (erfolgsneutrale Bewertung). Erst bei Abgang sind diese erfolgsneutral gebildeten Bewertungsreserven dann erfolgswirksam aufzulösen (erfolgswirksame Bewertung). Wird also beispielsweise eine Anleihe verkauft, so muss dann eine Umbuchung über die Summe aller bisherigen Bewertungsergebnisse angestoßen werden: Eine Ausbuchung aus dem Eigenkapital und eine Einbuchung auf ein Erfolgskonto.
Kauft beispielsweise ein Unternehmen 1.000 Aktien zu 120 Euro, so führt dies zu einem Buchwert für den Available-for-Sale-Bestand von 120.000 Euro. Angenommen der Kurswert der Aktie ist am folgenden Bilanzstichtag auf 140 Euro gestiegen, so beträgt der neue Buchwert des Bestands aufgrund des Fair-Value-Ansatzes nun 140.000 Euro. Die Differenz zu 120.000 Euro, also 20.000 Euro, wird im Eigenkapital erfasst. Anschließend verkauft das Unternehmen 500 Aktien zu einem – erneut gestiegenen – Kurs von 145 Euro und erzielt somit einen Erlös von 72.500 Euro. Der Buchwert der 500 Aktien beträgt aber immer noch 70.000 Euro. Die neue Bestandsführung des SAP Treasury & Risk Management errechnet daher einen Kursgewinn von 2.500 Euro. Da der Bestand zur Hälfte verkauft wird, erzeugt die Lösung in einem zweiten Schritt automatisch eine Umbuchung über die Hälfte der im Eigenkapital vereinnahmten Bewertungsergebnisse, in diesem Beispiel also 10.000 Euro. Die Summe aus Kursgewinn und erfolgswirksamer Auflösung des Eigenkapitals ergibt den Gesamterfolg aus dem Investment für die abgehenden 500 Aktien in Höhe von 12.500 Euro.
Aus Sicht der Software ist es für die Berechnungsroutinen nicht relevant, ob die Ergebnisse erfolgsneutral oder erfolgswirksam erfasst werden. Allerdings erwarten die Anwender selbstverständlich, dass eine Software-Lösung bei Abgängen deren erfolgswirksame Auflösung automatisch durchführt. Gleichzeitig muss sich jeder Schritt, den die Lösung im Hinblick auf die bestehenden Bewertungsreserven selbständig unternimmt, im Nachhinein jederzeit überprüfen und auswerten lassen. Das ist insbesondere wichtig im Rahmen von Jahresabschlussarbeiten, die häufig unter großem Zeitdruck durchgeführt werden. Deshalb wurden diese Funktionalitäten auch in der neuen Bestandsführung des SAP Treasury & Risk Management realisiert.

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Die Herausforderungen des Fair-Value-Ansatzes Teil 2
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Stefan Schmid

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