Die Herausforderungen des Fair-Value-Ansatzes (2)

Feature | 23. August 2004 von admin 0

Die schlechte wirtschaftliche Situation in den Jahren 2001 und 2002, insbesondere die Kursverluste an den Aktienmärkten, hatte natürlich auch auf die Bewertung der finanziellen Vermögenswerte gemäß den IAS enorme Auswirkungen. Unabhängig vom Bewertungsansatz und der Behandlung der Bewertungsergebnisse der jeweiligen Haltekategorie sind dauerhafte Wertminderungen in jedem Fall in der Gewinn- und Verlustrechnung auszuweisen. Gemäß lAS 39 muss ein Unternehmen seine finanziellen Vermögenswerte in regelmäßigen Abständen auf dauerhafte Wertminderung überprüfen. Liegt ein solcher Fall vor, so ist eine erfolgswirksame Bewertung zum Fair Value durchzuführen. Damit ist eine höhere Transparenz des Unternehmenserfolgs gewährleistet.

Wertminderungen (“Impairment”)

Relevant für die Untersuchung auf Wertminderung sind genau diejenigen finanziellen Vermögenswerte, die zu fortgeführten Anschaffungskosten bewertet werden sowie die bereits genannten “zur Veräußerung verfügbaren finanziellen Vermögenswerte”. Dabei handelt es sich beispielsweise um Darlehen, Staats- und Unternehmensanleihen oder Aktien. Diesen Vermögenswerten ist gemeinsam, dass ihr Bewertungsgrundsatz nicht die erfolgswirksame Bewertung zum Fair Value ist. Durch das Prinzip des “Impairment” stellt lAS 39 bei dauerhafter Wertminderung dennoch für jedes Finanzinstrument sicher, dass die Marktwertverluste in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst werden.
Jede Lösung für das Treasury steht hier vor der Herausforderung, zusätzlich zu den normalen Bewertungsroutinen eine außerplanmäßige Bewertung zur Verfügung zu stellen, die abweichend von den im Normalfall anzuwendenden Regeln eine erfolgswirksame Fair-Value-Bewertung durchführt. Als normale Bewertungsroutinen gelten hierbei diejenigen, die an Bilanzstichtagen für alle vorhandenen Finanzinstrumente durchlaufen werden, etwa die Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten für alle Kredite und Forderungen. Dem entgegen muss eine außerplanmäßige Bewertung durchgeführt werden, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt für ein bestimmtes Finanzinstrument eine dauerhafte Wertminderung festgestellt wurde – etwa wenn dessen Marktwert unter einen bestimmten Prozentsatz der Anschaffungskosten gesunken ist. Dies lässt sich in Auswertungen des SAP Treasury & Risk Managements feststellen. Insbesondere soll aus Gründen der Transparenz des Unternehmenserfolgs bei den zur Veräußerung verfügbaren finanziellen Vermögenswerten automatisch eine erfolgswirksame Auflösung der im Eigenkapital vereinnahmten früheren Bewertungsergebnisse durchgeführt werden.

Komponenten des Buchwerts

Komponenten des Buchwerts

Eine derartige Funktion zur Bildung von Wertminderungen ist im SAP Treasury & Risk Management seit Release SAP CFM 2.0 in der parallelen Bestandsführung enthalten und gehört nun zum Standard von mySAP ERP. Darüber hinaus lassen sich mit mySAP ERP Abschreibungen aufgrund dauerhafter Wertminderungen auch getrennt von anderen Bewertungsergebnissen auswerten, damit sich der Anwender jederzeit einen Überblick verschaffen kann, wie der Buchwert eines Bestands zustande kommt. Der Buchwert entsteht durch die beim Ansatz relevanten Kosten, die durchgeführten Amortisierungen zu den fortgeführten Anschaffungskosten, die planmäßigen Stichtagsbewertungen sowie die eventuellen außerplanmäßigen Wertminderungen.
Im Gegensatz zu den schlechten Jahren 2001 und 2002 haben SAP-Kunden in den vergangenen Monaten vermehrt nachgefragt, ob sich die gebildeten Wertminderungen auch wieder auflösen lassen. Dies darf als Zeichen gewertet werden, dass die schlechten Börsenjahre nun vorbei sind. Das SAP Treasury & Risk Management jedenfalls unterstützt auch die Auflösung von Wertminderungen.

Sicherungsinstrumente in Cash Flow Hedges

Ein wichtiger und kontrovers diskutierter Bereich von lAS 39 ist das Hedge Accounting. Beim Hedge Accounting wird eine Sicherungsbeziehung aus einem zu sichernden Grundgeschäft und einem Sicherungsinstrument gebildet. lAS 39 nennt verschiedene Arten von Sicherungsbeziehungen, unter anderem die so genannten Cash Flow Hedges. Das Grundgeschäft eines Cash Flow Hedges ist ein in der Zukunft liegender Zahlungsstrom, der ein bestimmtes Risiko trägt, etwa ein Währungsrisiko oder ein Zinsrisiko. Ein Grundgeschäft ist beispielsweise für ein europäisches Unternehmen eine Umsatzplanzahl für den amerikanischen Markt, die das Risiko der Änderung des Wechselkurses zwischen Euro und US-Dollar in sich trägt. Sicherungsinstrumente sind meist Derivate, etwa Devisentermingeschäfte oder Optionen.
Zu den umfangreichen Dokumentationsanforderungen in lAS 39 zählt unter anderem, die Effektivität einer Sicherungsbeziehung nachzuweisen. Eine Sicherungsbeziehung gilt als effektiv, wenn eine Wertänderung des Grundgeschäfts nahezu vollständig durch eine entsprechende Wertänderung des Sicherungsinstruments aufgehoben wird. Liegt beispielsweise eine Umsatzplanzahl als Grundgeschäft in Höhe von 1.000.000 US-Dollar vor, so entspricht dies bei dem derzeitigen Wechselkurs ungefähr 800.000 Euro. Fällt der Dollar zum Bilanzstichtag auf 0,75 Euro, hat das Grundgeschäft 50.000 Euro an Wert verloren. Ist die Umsatzplanzahl mit einem Devisentermingeschäft abgesichert, so gilt die Sicherungsbeziehung als effektiv, wenn das Devisentermingeschäft zum gleichen Zeitpunkt ungefähr 50.000 Euro an Wert gewonnen hat.
Das Derivat muss gemäß lAS 39 zum Fair Value bewertet und das Ergebnis erfolgswirksam erfasst werden. Wird das Derivat allerdings als Sicherungsinstrument in einem Cash Flow Hedge angesehen, so kann der Teil des Bewertungsergebnisses, der als effektiv für die Sicherungsbeziehung gilt, erfolgsneutral im Eigenkapital erfasst werden. Speziell bei Optionen als Sicherungsinstrumente kann die Aufteilung der Wertänderung im Fair Value sogar noch einen Schritt weiter gehen, indem die Wertänderung im Zeitwert bei der Effektivitätsprüfung außer Acht gelassen werden darf. Erst am Ende der Sicherungsbeziehung sind die erfolgsneutral vereinnahmten Bewertungsergebnisse in die Gewinn- und Verlustrechnung umzubuchen. Hedge Accounting bietet einem Unternehmen also die Möglichkeit, Schwankungen in der Gewinn- und Verlustrechnung in unterschiedlichen Berichtperioden zu vermeiden. Dies ist wichtig, um Geschäftsprozesse, die sich über mehrere Berichtperioden erstrecken – etwa Umsatzplanzahlen für mehrere Geschäftsperioden sowie deren Währungssicherung – möglichst transparent in der jeweiligen Bilanz darzustellen. Ohne Hedge Accounting für Cash Flow Hedges würde das Bewertungsergebnis für das Derivat in der laufenden Periode und in jeder Folgeperiode in der Gewinn- und Verlustrechnung auftauchen.
Das Hedge Accounting stellt hohe Anforderungen an die Software einer Treasury-Lösung. Zum einen muss der gesamte Prozess des Hedge Accountings mit der Dokumentation der Sicherungsbeziehungen, der Effektivitätsprüfungen, der daraus resultierenden Buchungen und der möglichen Änderungen während der Laufzeit der Sicherungsbeziehung abgebildet sein. Zum anderen sind die Richtlinien bezüglich des Hedge Accountings in lAS 39 für viele Unternehmen vergleichsweise neu und darüber hinaus zurzeit noch Änderungen unterworfen.

Sicherheit versus Aufwand

Für Kontroversen sorgt hierbei die Tatsache, dass die Anwendung des Hedge Accountings gemäß lAS 39 eine umfangreiche Dokumentation erfordert und die notwendigen Prozesse nur sehr aufwändig abzubilden sind. Wird jedoch auf das Hedge Accounting als Sicherungsmechanismus verzichtet, kann lAS 39 zu großen Schwankungen in der Gewinn- und Verlustrechnung führen – wie sich am Beispiel der Cash Flow Hedges ersehen lässt. In der Realität entscheiden sich Unternehmen daher tendenziell aus bilanztechnischen Gründen dagegen, Risiken aus dem operativen Geschäft abzusichern, obwohl dies aus Unternehmenssicht heraus durchaus sinnvoll sein kann. Im Hedgemanagement des SAP Treasury & Risk Management stehen verschiedene Werkzeuge zur Behandlung der Sicherungsbeziehungen – insbesondere bei Devisenrisiken – gemäß lAS 39 zur Verfügung. Dazu zählen etwa die Verwaltung der Sicherungsbeziehungen, verschiedene Methoden zur Effektivitätsprüfung und der korrekte Ausweis der ermittelten Bewertungsergebnisse.
Die für lAS 39 gültigen Beispiele der “zur Veräußerung verfügbaren finanziellen Vermögenswerte”, der “dauerhaften Wertminderung” und des “Hedge Accounting” verdeutlichen, dass der Fair-Value-Ansatz verschiedene Facetten birgt, die weit über eine erfolgswirksame Bewertung zum Marktwert hinaus gehen. Eine Software-Lösung, mit der nach dem Fair-Value-Ansatz bilanziert werden soll, muss – wie SAP Treasury & Risk Management – diese Facetten abbilden.
Teil 1

Stefan Schmid

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