„Die IT treibt Ideen voran“

Feature | 8. Mai 2006 von admin 0

Soumitra Dutta

Soumitra Dutta

Was verstehen Sie unter „Innovation?“

Dutta: Lange Zeit waren die Manager der Auffassung, innovativ zu sein bedeute, neue Produkte und Dienstleistungen zu schaffen. Heutzutage wissen wir es besser. Das Aufgabenfeld der Führungskräfte hat sich erweitert und schließt menschliche Faktoren wie auch gesellschaftliche Ziele mit ein. Geschäft bedeutet nicht nur Profit und wirtschaftlichen Gewinn. Es geht auch darum, das Leben der Menschen positiv zu beeinflussen – das der Mitarbeiter im Unternehmen, aber auch das der Menschen im weiteren sozialen Umfeld. Von dieser Warte aus betrachtet, muss man Innovation definieren als Mittel und Wege, die das Leben verbessern – sei es das Leben der Kunden, der Beschäftigten oder der Gesellschaft im Allgemeinen.

Glauben Sie, dass Informationen das Ausgangsmaterial für Innovationen sind?

Dutta: Die wichtigste Grundlage für Innovationen sind meiner Ansicht nach die Menschen. Wenn fähige Leute mit der richtigen Einstellung für ein Unternehmen arbeiten, dann kommen Innovationen wie von selbst. Neues entsteht, weil sich die Leute für eine Sache begeistern. Sie entwickeln Ideen, suchen Unterstützung bei gleich gesinnten Kollegen und setzen dann ihre Vorstellungen in die Tat um. Dabei ist die Fähigkeit, Informationen zu sammeln, sie zu Wissen zu verknüpfen und einzusetzen, außerordentlich wichtig. Denn Wissen bildet die Grundlage von schöpferischen Ideen. Es erleichtert den Gedankenaustausch und fördert die praktische Umsetzung.

Der Mensch ist von Natur aus begeisterungsfähig. Er neigt instinktiv zu Innovationen. Wäre das nicht der Fall, würden wir immer noch in Höhlen wohnen. Deshalb braucht man Menschen, die viel versprechende Ideen erkennen. Es ist also wichtig, kreative Köpfe einzustellen und ihnen das richtige Umfeld und die passenden Anregungen zu bieten, damit sie ihr Talent ausleben können. Wirklich fähige Leute haben immer wieder neue Einfälle. Die Herausforderung besteht darin, diese Kreativität gezielt zu fördern, die jeweils besten Vorschläge herauszufiltern und die kollektive Energie im Unternehmen so zu bündeln und zu mobilisieren, dass sich die besten Ideen erfolgreich in die Praxis umsetzen lassen.

Was verstehen Sie unter einem „intelligenten Unternehmen?“

Dutta: Ich vermute, dass dieser Begriff unterschiedlich interpretiert wird. Meiner Ansicht nach kann ein Unternehmen dann als intelligent bezeichnet werden, wenn es den kontinuierlichen Dialog mit allen sucht, die sich für dieses Unternehmen interessieren – mit den Kunden, den Anteilseignern, den Beschäftigten und der Gesellschaft generell. Dieser Dialog formt das Wissen und das Verständnis für gemeinsame Anliegen. Adäquate Entscheidungen sind die Folge.

Wo würden Sie ansetzen, um Innovationen in einem Unternehmen zu fördern?

Dutta: Es gibt unterschiedliche Methoden der Förderung. Auf zwei möchte ich hier näher eingehen. Beide betreffen die Führungskräfte, ihre Arbeitsweise und ihre Aufgaben. Da jedes Unternehmen sowohl wirtschaftliche wie auch soziale Ziele verfolgt, sollten diese beiden Bereiche auch bei der täglichen Arbeit der Manager berücksichtigt werden. Führungskräfte könnten beispielsweise einen Teil ihrer Arbeitszeit einem sozialen Programm widmen, oder man könnte besondere Anreize finden für die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen, die dazu beitragen, die Unternehmensziele zu erreichen.

Außerdem ist es notwendig, den Führungskräften bei der Arbeit mehr Freiraum zu gewähren. Von einem Manager, der alle Hände voll damit zu tun hat, die vorgegebenen, meist am Gewinn ausgerichteten Geschäftsziele zu erreichen, kann man kaum erwarten, dass er innehält und darüber nachdenkt, wie sich im Unternehmen etwas verbessern lässt. Er hat ja selten die Zeit, sich durch den ständig wachsenden Berg an E-Mails zu kämpfen. „Zeit zum Nachdenken“ sollte unbedingt in das tägliche Arbeitspensum von Führungskräften eingebaut werden. Nur so lässt sich die Fähigkeit dieser Angestellten, anders zu denken und zu handeln, ausbauen.

Wodurch werden Innovationen vorangetrieben, und welche Rolle spielt die Informationstechnik dabei?

Dutta: Die IT spielt eine bedeutende Rolle beim Vorantreiben von Innovationen im Unternehmen. Heutzutage ist sie derart in die Geschäftsprozesse integriert, dass es praktisch unmöglich geworden ist, ein Produkt zu entwickeln, eine neuartige Dienstleistung einzuführen oder eine interne Reorganisation zu bewerkstelligen, ohne dass die IT beteiligt wäre. ING Direct etwa hat eine der weltweit erfolgreichsten Online-Banken aufgebaut, indem das Unternehmen die Möglichkeiten des Internets zu Hilfe nahm, um in hoch entwickelte Märkte wie Kanada, die Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland vorzudringen. Ohne das Internet hätte ING Direct viel länger dafür gebraucht und durch Übernahmen sicherlich viel mehr Geld ausgegeben.

Mit Hilfe der IT lassen sich aber nicht nur neue Geschäftsmethoden erschließen, die IT fördert auch menschliche Talente und Ideen. So haben Handys nicht nur die private und berufliche Kommunikation revolutioniert, sondern auch auf der gesamten Welt die Lebensbedingungen von den Ärmsten der Armen verbessert. Ein Beispiel: die größte Telefongesellschaft in Bangladesch. GrameenPhone vermittelt Frauen aus ländlichen Gebieten Kleinkredite zum Kauf von Mobiltelefonen, mit denen sie anderen Dorfbewohnern gegen Gebühr Telefondienste anbieten.

Wie lässt sich die Qualität des Innovationsmanagements messen?

Dutta: Es gibt zwei aussagekräftige Maßstäbe. Zum einen den Anteil der Einnahmen, die dem Unternehmen aus neuen Produkten und Dienstleistungen zufließen. Innovative Unternehmen investieren ständig in die Entwicklung von Neuheiten, und das spiegelt sich letztendlich in den Erträgen wider. Zum anderen lässt sich die Qualität des Managements an der Zufriedenheit der Beschäftigten messen. Denn nur motivierte Mitarbeiter setzen sich mit Begeisterung und Elan für die Unternehmensziele ein, sie bestimmen das Tempo der Innovationen.

Welche Auswirkungen haben die Globalisierung und die Beschleunigung des Geschäftslebens auf Innovationen?

Dutta: Die Globalisierung hat beträchtliche Auswirkungen auf Innovationen. In vielen Geschäftsbereichen überwindet das Internet die geografischen Grenzen. Ein Unternehmen kann Innovationen ankurbeln, indem es seine weltweiten Verbindungen nutzt. Es ist möglich, dass mehrere Teams koordiniert, aber asynchron und zeitzonenüberschreitend an einem Projekt arbeiten. Auch der wirtschaftliche Aufstieg Asiens verändert die Art der Innovationen. Für ein Unternehmen wie Nokia hat China – mit mehr Mobilfunknutzern als in irgendeinem anderen Land – inzwischen einen größeren Einfluss auf Innovationen im Bereich der Telefongeräte als Europa oder Amerika. Oder das koreanische Unternehmen NCSoft, das sich rasch zum weltweit größten Computerspiel-Anbieter entwickelt hat. Gerade in Asien ändert sich die Dynamik der Innovationen parallel zu den Vorlieben beziehungsweise Abneigungen der Kunden.

Innovationen kosten Geld. Wie kann sich ein Unternehmen diese Ausgaben leisten?

Dutta: Bei jeder Innovation gilt es, zwei Seiten zu berücksichtigen: die Investitionskosten und die Wertschöpfung, die durch die Innovation entsteht. Viele Unternehmen machen den Fehler, sich lediglich auf die Kosten zu konzentrieren. Das überrascht nicht, da diese leichter zu ermitteln sind. Sie fallen relativ kurzfristig an und wirken sich unmittelbar auf die Verteilung der Ressourcen innerhalb des Unternehmens aus. Der durch die Innovationen geschaffene Wert ist deutlich schwieriger zu messen, weil ein direkter Gewinn in der Regel erst zu einem späteren Zeitpunkt eingefahren werden kann.

Der springende Punkt dabei ist, das „Gleichgewicht“ zwischen Kosten und Wert einer Innovation zu halten Konzentriert man sich zu sehr auf die Kosten, kann das Innovationen blockieren. Lässt man sich dagegen zu stark vom zukünftigen Wert leiten, kann die Kostenkontrolle leiden. Die Folge: Die Ressourcen im Unternehmen werden suboptimal verteilt. Die Lösung für dieses Problem klingt zwar einfach, ist aber komplex. Die Verantwortung dafür liegt bei der Geschäftsführung. Sie muss zuerst die strategischen Prioritäten identifizieren. Im Anschluss daran sind – entsprechend der vereinbarten Prioritäten – Energie und Ressourcen für Innovationen freizusetzen. Zuletzt gilt es, für die richtige Unternehmenskultur zu sorgen und Anreize für die Beschäftigten zu schaffen, ihre Kreativität auszuleben.

Wie kann ein Unternehmen Innovationsblockaden wie Hierarchien und Regulierungen überwinden?

Dutta: Offenheit und die Freiheit, etwas zu erforschen – das fördert Innovationen. Hierarchien und Regulierungen hingegen schränken Offenheit und Freiheit ein. Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass man sie ganz abschaffen sollte. Beides ist notwendig, allerdings ist es nicht einfach, den richtigen Mittelweg zu finden. Deshalb bevorzugen viele Unternehmen den direkten Weg und bauen – außerhalb der Kernorganisation, auf der grünen Wiese sozusagen – spezielle Einheiten auf, wo Innovationen offensiv gefördert werden.

Welche Ziele verfolgt das Kompetenzzentrum eLab@INSEAD, und welche persönlichen Visionen haben Sie als dessen Leiter?

Dutta: Innovation ist ein zentrales Thema des Forschungsprogramms von eLab@INSEAD. Ziel dabei ist es, optimale Verfahren zu entdecken, die den Gedankenaustausch begünstigen und kollektive Handlungsimpulse schaffen. Vor ein paar Jahren identifizierten beispielsweise SAP und INSEAD den Beitritt der neuen EU-Mitgliedsländer als wichtiges Ereignis für die Entwicklung der Knowledge Economy in Europa. Gemeinsam leiteten wir eine originäre Forschung in die Wege, um für alle europäischen Staaten den relativen Erfolg anhand unserer eEurope-Skala zu messen. Die Ergebnisse wurden bei einem Treffen der Europäischen Union diskutiert und vom Springer Verlag im Februar 2006 als Buch unter dem Titel „The Information Society in an Enlarged Europe“ veröffentlicht. Als Direktor des eLab@INSEAD wünsche ich mir, dass wir mit unserem Wissen die digitale Wirtschaft beeinflussen, indem sich das eLab@INSEAD weiterhin an derartigen Kooperationen beteiligt.

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